ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2014Vitamin-B12-Mangel: Protonenpumpenhemmer und H2-Blocker als Auslöser

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Vitamin-B12-Mangel: Protonenpumpenhemmer und H2-Blocker als Auslöser

Heinzl, Susanne

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Für die Abspaltung von Vitamin B12 aus Nahrungsproteinen ist Magensäure erforderlich. Säureblocker wie Protonenpumpenhemmer (PPI) und Histamin-H2-Rezeptorenblocker könnten daher zu einem B12-Mangel führen. Unbehandelter Vitamin-B12-Mangel kann zu Demenz, neurologischen Schäden, Anämie und anderen Komplikationen führen und lässt sich durch entsprechende Substitution vermeiden.

In einer großen Fallkontrollstudie (Basis: Kaiser Permanente Gesundheitssystem in Nordkalifornien) wurden 25 956 Patienten mit der Diagnose eines Vitamin-B12-Mangels zwischen 1997 und 2011 mit 184 199 Patienten ohne B12-Mangel verglichen.

In der Gruppe mit B12-Mangel hatten 12 % der Patienten für mehr als zwei Jahre PPIs und 4,2 % H2-Blocker erhalten. 83,8 % war kein Säureblocker verordnet worden. In der Kontrollgruppe hatten 7,2 % der Patienten für mehr als zwei Jahre PPIs und 3,2 % H2-Blocker erhalten. 89,6 % war kein Säureblocker verordnet worden. Hieraus ergab sich, dass sowohl die Verordnung von PPIs als auch von H2-Blockern über mehr als 2 Jahre das Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel erhöhte mit einer Odds-Ratio (OR) von 1,65 für PPI und von 1,25 für H2-Blocker. Nahmen die Patienten mehr als 1,5 PPI-Tabletten/Tag erhöhte sich das Risiko noch stärker (OR 1,95) als bei Einnahme von weniger als 0,75 PPI-Tabletten/Tag (OR 1,63). Zudem ergab sich ein zeitlicher Zusammenhang: Patienten, die aktuell oder vor kurzer Zeit einen PPI erhalten hatten, litten häufiger unter B12-Mangel als jene, bei denen die Verordnung schon längere Zeit zurücklag. Darüber hinaus war das Risiko für einen B12-Mangel durch PPI-Gebrauch bei Frauen (OR 1,84) und bei jüngeren Patienten unter 30 Jahren (OR 8,12) höher als bei Männern (OR 1,43) und älteren Patienten über 80 Jahren (OR 1,04).

Fazit: „Bei Patienten unter einer Langzeittherapie mit PPI würde ich als Konsequenz aus der Studie empfehlen, jährlich das Blutbild zu kontrollieren“, kommentiert Prof. Dr. med. Joachim Mössner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie und Rheumatologie des Universitätsklinikums Leipzig. „Bei normalem Hb und keinem erhöhtem Erythrozytenvolumen dürfte das Risiko eines nicht erkannten Vitamin-B12-Mangels mit den möglichen Folgen einer irreversiblen Polyneuropathie vernachlässigbar sein.“ H2-Blocker werden nach Aussage von Mössner kaum noch verordnet: „Sie hemmen die Säuresekretion deutlich geringer als PPI. Zudem ist für H2-Blocker eine Tachyphylaxie, also ein Wirkungsverlust, bei längerer Applikation bekannt. Das Risiko, unter H2-Blocker-Therapie einen B12-Mangel zu entwickeln, dürfte daher vernachlässigbar sein.“ PPIs dagegen gehörten zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. Sie seien sehr sichere Medikamente, gleichwohl sei eine zu großzügige Indikationsstellung zu hinterfragen. „Das Potenzial der PPIs, das Risiko lebensbedrohlicher gastro-duodenaler Blutungen unter einer Therapie mit ASS oder NSAR zu verringern, wiegt sicher das geringe Risiko, einen B12-Mangel zu erleiden, bei weitem auf.“ Zum Design der Studie meinte Mössner, dass Fall-Kontroll-Studien wichtig seien, um mögliche Assoziationen zwischen Erkrankungen und Risikofaktoren zu entdecken. Ihr Evidenzgrad sei aber niedriger als bei Kohortenstudien oder prospektiven randomisierten, kontrollierten Studien.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Lam JR, et al.: Proton pump inhibitor and histamine 2 receptor antagonist use and vitamin B12 deficiency. JAMA 2013; 310: 2435–42. MEDLINE

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