ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2014Versorgungsqualität: Peer Review als effektiver Baustein
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Die erheblichen und auf den ersten Blick häufig unverständlichen regionalen Versorgungsunterschiede, die Wennberg seit über 40 Jahren darstellt, fordern weitere Analysen und Maßnahmen. In jüngster Zeit werden verstärkt finanzielle Gründe der Versorger im umkämpften Versorgungsmarkt als eine der Ursachen für eine medizinisch nicht begründbare Versorgung dargestellt. Finanzielle Aspekte, die sich auch auf die Indikationsstellung auswirken. Andererseits wird gerade der Wettbewerb unter den Versorgern als wichtiges, qualitätssteigerndes Moment gesehen. Nach George Stigler ist Wettbewerb die Rivalität zwischen Individuen oder Gruppen im Streit um etwas, was nicht alle haben können. Im Gesundheitssystem gehört hierzu die Rivalität um Patienten und deren Versorgung. Unterschiede sind also wesentlicher Bestandteil jedes Wettbewerbs. Friedrich August von Hayek bezeichnet den Prozess des Wettbewerbs als „Entdeckungsverfahren“. Die Entdeckung begründet den Wettbewerbsvorteil und induziert Unterschiede. Berücksichtigt werden muss allerdings, dass schon allein die staatlichen administrativen Steuerungsmechanismen keinen reinen Wettbewerb im Versorgungsmarkt zulassen. Darüber hinaus leidet das Gesundheitssystem derzeit weniger am Entdeckungsreichtum als an der Umsetzung des bereits vorhandenen Wissens.

Für den Patienten ist aber eine wohnortnahe, qualitativ hochwertige Versorgung wünschenswert, die der Wettbewerb systembedingt eben gerade nicht hervorbringt. Am Beispiel der Tonsillektomie zeigt Wennberg den qualitativen Sprung im Sinne des Patienten, der mit der Einführung von Peer Reviews erzielt werden konnte. Das dem Peer-Review-Verfahren typische „Abgucken“ mit dem Ziel, überall die neuesten Erkenntnisse dem Patienten unmittelbar zugutekommen zu lassen, steht im Gegensatz zum Gedanken des Wettbewerbvorteils. Zwischen Wettbewerb und dem kollegialen Peer-Review-Ansatz besteht eine konzeptionelle Spannung. Ein Wettbewerbselement gilt es bei den Peer Reviews zu ergänzen: die Beteiligung des Patienten selbst. Zwar wird über seine Daten und Befunde gesprochen, er selbst aber nicht befragt. Zum Reviewtermin sollte man Patienten einladen, aktuelle oder ehemals behandelte.

Matthias Felsenstein, Leiter der Abteilung Fortbildung und Qualitätssicherung, Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg, 70597 Stuttgart

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