ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2014Riga: Singen für die Seele

KULTUR

Riga: Singen für die Seele

Dtsch Arztebl 2014; 111(9): A-362 / B-316

Schiller, Bernd

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Die lettische Metropole feiert sich in diesem Jahr als Kulturhauptstadt Europas: Ein Kunstgenuss für Städte-Liebhaber

Kuschelige 700 000-Einwohner- Metropole: Der historische, Rathausplatz mit dem rekonstruierten Schwarzhäupterhaus und der Petrikirche. Foto: Bernd Schiller
Kuschelige 700 000-Einwohner- Metropole: Der historische, Rathausplatz mit dem rekonstruierten Schwarzhäupterhaus und der Petrikirche. Foto: Bernd Schiller

Die Trambahnlinie 3 fährt nicht direkt ins Reich der Fantasie. Man steigt am Kunstmuseum aus, läuft 100 Schritte die breite Elizabetes iela nach Westen, biegt zuerst in die Antonijas iela ein, dann in die Alberta. Und schon sind die Löwen los, reißen Drachen ihr Maul auf, starren Fratzen und Fabelwesen von den Fassaden der Häuser, umrahmt von floralen Steingirlanden: Jugendstil vom Feinsten, so üppig wie nirgendwo sonst auf der Welt.

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Viertel der blühenden Häuser

Ein Höhepunkt von vielen. Vom Viertel der „blühenden“ Häuser auf verschlungenen Wegen in die Altstadt, zu den Erinnerungen an die Hanse, an den Deutschen Orden und an die Jahrzehnte des Schreckens im letzten Jahrhundert. Aber wo starten? Riga hat immerhin um die 700 000 Einwohner und unzählige Sehenswürdigkeiten beiderseits der Daugava, die einmal Düna hieß. Ein erster Überblick schafft Ordnung, zum Beispiel von der Aussichtsplattform der Petri-Kirche. Die Altstadt sieht von oben noch kuscheliger aus, daneben der Rathausplatz mit dem berühmten Schwarzhäupterhaus, etwas weiter weg, am Fluss, fallen die welligen Dächer des Zentralmarktes auf, in der Ferne glitzert das Meer, die Rigaer Bucht.

Riga entdecken, heißt Eintauchen in eine Stadt, die über Jahrhunderte mit Stolz zu Europa gehörte, deren deutsche, russische und jüdische Spuren so unübersehbar sind wie jetzt wieder ihre lettische Lebenskraft und Leidenschaft. Die Wappen von Bremen, Lübeck, Hamburg und Riga zieren den Giebel des Schwarzhäupterhauses. Über Jahrhunderte tafelten an dieser Stelle junge, unverheiratete Kaufleute. Das gotische Juwel wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und 2001, zur 800-Jahr-Feier der lettischen Hauptstadt, originalgetreu rekonstruiert.

Auch das Rathaus, direkt gegenüber, wurde wiederaufgebaut. Wie dicht Macht und Ohnmacht in dieser Stadt zu allen Zeiten nebeneinander lagen, zeigt das Okkupations-Museum am rechten Rand des großen Platzes, ein düsteres Gebäude, Schwarzer Sarg genannt, das an die deutsche und die sowjetische Besatzung gemahnt.

Vom Domplatz, nur ein paar Schritte entfernt, lässt sich gut ins Gewirr der Altstadtgassen eintauchen. Ein Blick noch auf das Denkmal des Dichters Herder, der im 18. Jahrhundert fünf Jahre als Lehrer an der Domschule gewirkt hat, „so frei, so ungebunden“, wie er sich später erinnerte. Das konnte der ewig klamme Richard Wagner nicht sagen, der 100 Jahre später, von 1837 bis 1839, als Kapellmeister in Riga engagiert war, immer in Furcht vor seinen Gläubigern.

Ersungene Freiheit

Der Wagner-Konzertsaal im ehemaligen Deutschen Stadttheater, Riharda Vagnera iela 4, ist heute Pilgerstätte vor allem für deutsche Touristen. Und nun erweisen auch die Rigaer dem umstrittenen Meister die Reverenz: Mit einer Neuinszenierung der Oper Rienzi, die Wagner einst vor Ort komponierte, eröffnete die lettische Metropole im Januar in der prächtigen Nationaloper ihr Jahr als Kulturhauptstadt Europas. Die enge Wagner-Straße führt zum weiträumigen Livenplatz, wohl der abwechslungsreichste der vielen Plätze. Er ist gesäumt von Cafés und Kneipen, vom alten Russischen Theater und von zwei historischen Gildehäusern.

Letten, wir haben es schon zuvor gehört und gelesen, singen zu jeder Tages- und Jahreszeit. Und wenn es notwendig wird, ersingen sie sich auch die Freiheit. Die Singende Revolution Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, mit der sich Lettland und die anderen baltischen Länder die Unabhängigkeit erstritten haben, hat in aller Welt für Sympathie und Bewunderung gesorgt. Noch immer ist Singen in Riga Balsam für die Seele, allemal nachhaltiger als der gleichnamige Kräuterschnaps, der in vielen Kneipen ausgeschenkt wird.

Bernd Schiller

@ www.liveriga.com; www.baltikum24.de

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