ArchivDeutsches Ärzteblatt4/1996Studienreform: Andere Erfahrungen
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LNSLNS Prof. Schettler schreibt über Mißstände im amerikanischen Medizinstudium. Es führe zu massiver zeitlicher Belastung der Studenten und durch den Leistungsdruck zu "unerlaubten Tricks", "betrügerischen Manipulationen" etc. Es bringe Ärzte ohne Mitgefühl hervor, die ihre Patienten wie am Fließband abwickelten. Als positive Reformbemühungen nennt er die Anstellung von Schauspielern, die den Umgang zwischen Arzt und Patient einüben sollen.
Möchte Prof. Schettler von den unerträglichen Zuständen im deutschen Medizinstudium ablenken? Aus meinem Studienjahr in den USA kenne ich zwar die langen Nachtdienste im "Emergency ward" oder im Kreißsaal. Aber es war lehrreich und befriedigend, als vollwertiges Mitglied des ärztlichen Teams zu arbeiten. Die Ernüchterung kam dann mit Beginn des PJ an einer renommierten Heidelberger Klinik. Die hauptsächlichen Lerninhalte bestanden darin, Blut abzunehmen, EKG aufzuzeichnen und Patientenakten aus verschiedenen Archiven zusammenzusuchen. So dienten wir wenigstens zur Einsparung von Bürofachkräften und MTA. Denn daß Studenten im Klinikbetrieb lästig sind, wußten wir schon seit den Untersuchungskursen, die meist schlecht organisiert waren und lustlos von einem gestreßten Assistenten geleitet werden mußten, auf den auch diese Aufgabe noch von oben abgewälzt worden war. Amerikanische Medical Schools könnten sich das nie leisten. Viele Professoren zeigten aufrichtiges Interesse für Studenten wie Patienten – eine Einstellung, die in ihrer Vorbildfunktion die Studenten besser prägt, als dies Schauspieler je könnten. De facto herrscht eine freudige Tradition des Lehrens und Lernens, ein kollegiales Miteinander. Daß bei uns die verkrusteten Hierarchien einen menschlichen Umgang erschweren, ist hinlänglich bekannt. Zu viel Macht konzentriert sich uneingeschränkt und ohne Kontrolle auf sehr wenige leitende Ärzte. Das erschwert die Einführung einer modernen Lehre. Das deutsche Medizinstudium kann allein durch eine Modernisierung der Studienpläne kaum entscheidend verbessert werden. Lähmend sind besonders die hierarchischen Strukturen und die Einstellung zur Lehre, die sich in manchen Kliniken noch in der fortlaufenden Tradition des 19. Jahrhunderts befinden. Viel mehr Nachahmer sollten diejenigen ärztlichen Direktoren finden, die ihre Klinik positiv prägen und ein kollegiales Klima bis "ganz hinunter" zu den Famulanten bewirken. Dort kann auch in Deutschland der Medizineralltag für den Studenten wie für den Chefarzt trotz Fließbandbetriebes äußerst lehrreich und Teil eines erfüllten Lebens sein.
Friedemann Taut, Im Weiher 73, 69121 Heidelberg
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