ArchivDeutsches Ärzteblatt7/1999Volkshochschule: Volksverdummung und Panikmache

SPEKTRUM: Leserbriefe

Volkshochschule: Volksverdummung und Panikmache

Dtsch Arztebl 1999; 96(7): A-376 / B-301 / C-284

Kajdi, Thomas

Zum Programmangebot der Volkshochschulen:
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LNSLNS Erst ayurvedisch kochen - und dann abheben zum Fliegen? Die Programme der Volkshochschulen sind da. Welch ein Schock! Das "Gesundheitsprogramm" liest sich zum Teil wie das einer Esoterikvereinigung oder eines Schamanenbundes. Hier findet sich ein ayurvedischer Kochkurs neben Kinesiologie und Fußreflexzonenmassage neben "Elektro-Smog". Statt Volksaufklärung findet zum Teil Volksverdummung und Panikmache statt, und das mit unseren Steuergeldern!
Dazu einige Statements der Stiftung Warentest, die nicht dafür bekannt ist, daß sie Verbraucher irreleiten will:
Zur Kinesiologie: "Diagnostik mit Kinesiologie bringt das Risiko mit sich, daß Gesunde krank, Kranke gesund erklärt werden, daß unnötige Diäten eingehalten und überflüssige Medikamente eingenommen, aber notwendige und wirksame Behandlungen versäumt werden."
Zur Fußreflexzonenmassage: "Die von Fitzgerald willkürlich entworfenen Längszonen am Körper müssen aufgrund heutiger wissenschaftlicher Kenntnisse als Phantasieprodukte angesehen werden. Überdies weichen die Angaben, wo die einzelnen Organe auf den Fußsohlen repräsentiert sind, in den verschiedenen Darstellungen erheblich voneinander ab."
Zu Ayurveda: "Das Konzept ist geprägt vom Denken dieser Zeit, in der dieses Medizinsystem entstanden ist (Anmerkung: vor 3 500 Jahren!), und hat sich kaum weiterentwickelt. Ayurvedisten behaupten zwar, daß das giftige Quecksilber bei der besonderen Herstellung zu einer ungiftigen Verbindung wird, doch gibt es keine naturwissenschaftlichen Untersuchungen, die das bestätigen . . ."
Zum Elektro-Smog: "Das gestiegene Umweltbewußtsein hat auch die Ängste vor Umweltgiften anwachsen lassen, und so bieten immer mehr Alternativ-Diagnostiker an, befürchtete ,Vergiftungen' des Körpers auszumessen . . . Eine Untersuchung aus 1995 hat bestätigt, daß ,Umwelterkrankungen' häufig der Angst entspringen: Von 100 Personen, die sich wegen vermuteter Umweltbelastung an die umweltmedizinische Sprechstunde der Universität Erlangen-Nürnberg gewandt hatten, konnte bei keiner einzigen (!) eine erhöhte Schadstoffbelastung festgestellt werden. Weiterführende Gespräche zeigten jedoch auf, daß zwei Drittel von ihnen seelische Probleme hatten. Angst vor Umwelt- und/oder Wohngiften kann krank machen. Durch das Schüren von Panik und Fehlinformationen wird die Angst der Hilfesuchenden nicht abgebaut, sondern verstärkt."
Als Nervenarzt kann ich das aus der täglichen Praxis nur bestätigen. Ich muß häufig Menschen behandeln, die vor "Umweltangst" krank sind. Vielleicht ist aber gerade das Schüren der Angst das Ziel solcher gesundheitlichen "Fortbildung". Es besteht die Gefahr, daß die "Referenten" die Volkshochschule als Propaganda- und Vertriebsplattform für die Produkte ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als in der "alternativen" Szene Arbeitende oder Gurus nutzen, weil sie an diesem Unsinn verdienen . . . Es kommen einem Zweifel am Sinn von Institutionen, die so was mit dem Anspruch auf Volksbildung in ihr Programm nehmen, und die Träger sollten sich fragen, ob die jeweiligen Schulleitungen sich nicht auf die Knochen blamiert haben und gefeuert gehören. Dr. med. Thomas Kajdi, Wadgasserstraße 170, 66787 Wadgassen
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