ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 1/2014Börsebius rund ums Geld: Die Zeit des billigen Geldes scheint vorbei

Supplement: PRAXiS

Börsebius rund ums Geld: Die Zeit des billigen Geldes scheint vorbei

Dtsch Arztebl 2014; 111(9): [13]

Rombach, Reinhold

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Unser Kolumnist fragt sich, ob jetzt der große Einbruch an den Aktienmärkten kommt.

Foto: Fotolia/Tom [m]
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Da haben sich die Experten gründlich vertan, mal wieder. Der deutsche Aktienindex DAX erlebte im Januar einen ziemlichen Einbruch – ganz im Gegensatz zu den vielen vollmundigen Prognosen, die dem Kursbarometer schon bald das Überspringen der Marke von 10 000 Punkten bescheinigten. Aktuell könnte auch das jüngste State- ment des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) in Sachen Anleihekauf durch die Europäische Zentralbank (EZB) für eine weitere Belastung des Marktes sorgen. Ob diese Befürchtung nachhaltig sein wird und jetzt doch möglicherweise der befürchtete große Einbruch kommt, bewertet unser Kolumnist Börsebius.

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Zugegeben, es war noch nicht einmal der DAX, den es am schwersten traf. Mit minus elf Prozent ist der japanische Aktienindex im neuen Jahr eindeutig der meist Gebeutelte, gefolgt vom US-amerikanischen Dow Jones mit einem Verlust von etwa fünf Prozent, und erst dann kommt der DAX mit knapp drei Prozent weniger. Aber der Abwärtstrend ist eindeutig, und die Gründe, die herumgereicht werden, sind es auch.

Da wird vor allem das „Tapering“ ins Feld geführt, also die Ankündigung der US-amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed), das über Gebühr üppige Anleihekaufprogramm von Staatsanleihen nach und nach zu verringern. Der Ankündigung folgten ja auch schon Taten, die Bondkäufe reduzierten sich im Januar bereits um zehn Milliarden US-Dollar. Das heißt im Ergebnis nichts anderes, als dass langsam die Politik des billigen Geldes vorbei ist und die Fed die Zeichen der Zeit erkannt hat. Eine Beibehaltung der Geldschwemme würde wohl, so die Meinung führender Währungsexperten, auf mittlere Sicht unweigerlich zu harschen Inflationsraten führen.

Wie viel Tapering hält der Markt aus?

Nun lässt sich darüber streiten, ob ein Tapering im Umfang von zehn Milliarden US-Dollar pro Monat viel oder wenig ist. Gemessen daran, dass die US-Notenbank bisher jedenfalls Monat für Monat Bonds für 85 Milliarden US-Dollar erworben hat, um die langfristigen Zinsen zu senken, ist das noch nicht wirklich viel. Das ursprüngliche Ziel der üppigen Geldschwemme war, die Konjunktur auf Trab zu bringen, und genau das ist bisher jedenfalls nicht in dem gewünschten Maß eingetreten. Damit hat die neue Notenbankchefin Janet Yellen nun das Riesenproblem, dass einerseits als Bernanke-Altlast drei Billionen US-Dollar im Wirtschaftskreislauf zu viel herumvagabundieren und damit Preisblasen vor allem am Aktienmarkt befeuern, anderseits aber weitere Zinssenkungen schlicht nicht mehr möglich sind, es sei denn, es würden Negativzinsen kommen, was niemand so recht glauben will.

Die Frage ist nur, wie viel Tapering hält der Markt wirklich aus, und wie konsequent geht die amerikanische Notenbank vor. Normalerweise müssten die monatlichen Reduzierungen noch deutlicher gesteigert werden, um die vagabundierenden Gelder wieder einzufangen. Aber wenn es darauf ankommt, bekommt die Fed auch schnell mal kalte Füße, denn schon im Frühsommer hatte der damalige Fed-Chef Ben Bernanke bereits das Tapering „angedeutet“, dann aber schnell einen Rückzieher gemacht, als schlechte Wirtschaftsdaten die Runde machten und der US-Haushaltsstreit die Amerikaner zermürbte. Es ist also durchaus offen, ob das Tapering beschleunigt oder je nach Lage der Dinge wieder zurückgenommen wird. Das klingt nach kurzatmiger Aktion. Langfristig besser wäre eine Ausweitung des Tapering, es darf eben nur nicht in zu schnellen Schritten erfolgen, um die Finanzmärkte nicht zu beunruhigen. Die Sorge, ob das gelingt, spiegelt sich genau in den nachgebenden Kursen zum Jahresauftakt wider.

Nun ist das Gerangel um das Tapering nicht der alleinige Grund für den verkorksten Jahresauftakt. Als ebenso erschwerende Faktoren sind die schlechten Nachrichten zu werten, die wir aus China zu hören bekommen. Dort wird mit einem eklatanten Einbruch des Wirtschaftsbooms gerechnet. Zu einer gesteigerten Nervosität tragen aber auch die Turbulenzen in den „Emerging Markets“ bei. Also, alles in allem eine brisante Lage, viele lodernde Feuer derzeit.

Als hätten wir nicht eh schon genug Sorgen und Belastungsfaktoren, wirft soeben das Bundesverfassungsgericht einen fulminanten Kracher in die eh schon verunsicherten Märkte.

Worum geht es? Es war im Sommer 2012, als die Europäische Zentralbank auf dem Höhepunkt der Finanzmarktkrise den Beschluss fasste, wenn es denn sein muss, die Gelddruckmaschine anzuwerfen und Anleihen notfalls in unbegrenztem Ausmaß zu kaufen. Diese „Bazooka“-Ankündigung des EZB-Chefbankers Mario Draghi führte dann auch dazu, dass der bisherige Kursverfall der Euro-Staatsanleihen jäh gestoppt wurde. Bis heute wirkte diese Drohung gegen die Spekulanten, vor allem Spanien und Portugal mussten im Zuge dieses verbalen Schutzschirms für neue Schulden deutlich weniger Zinsen zahlen.

Kritik an unzulässiger Staatenfinanzierung

Kritik gegen diesen Beschluss gab es aber auch, und zwar durchaus vehement. Die EZB dürfe so etwas gar nicht beschließen, da es sich bei den „OMT-Anleihekaufprogramm“ (Outright Monetary Transactions) um eine unzulässige Staatenfinanzierung handele, und das sei der EZB untersagt. Den darauf eingereichten Klagen gegen den Euro-Rettungsschirm ESM und das OMT-Programm hatten sich mehr als 35 000 Bürger angeschlossen.

Der Knalleffekt folgte Anfang Februar, als das BVerfG unmissverständlich klarstellte, dass alleine schon mit der Ankündigung eines Anleihekaufprogramms die EZB ihre Kompetenzen überschreitet (. . . „ist der OMT-Beschluss nach Einschätzung des Bundesverfassungsgerichts mit dem Primärrecht unvereinbar . . .). Das formulierte der Präsident des BVerfG, Andreas Voßkule, in deutlichen Worten. Der klaren Meinung folgte aber mitnichten ein Urteil, die Karlsruher Richter verwiesen den Kasus zur Entscheidung an die Kollegen des Europäischen Gerichtshofes (EuGH). Mit einer Entscheidung ist dort allerdings vor 2015 nicht zu rechnen, und diese Unsicherheitsphase könnte natürlich auch die Märkte weiter verunsichern.

Der Schachzug des deutschen Verfassungsgerichts, die Entscheidung dem EuGH zu überlassen, ist – je nach Betrachter – genial oder teuflisch. Denn zum einen haben die deutschen Verfassungshüter der EZB ordentlich die Leviten gelesen, machen sich aber selbst nicht die Hände schmutzig, wenn es darum geht, durch ein Verbot von Bondkäufen eine für die Märkte möglicherweise katastrophale Entwicklung zu bescheiden. Zum anderen haben sie aber kühn oder kühl einkalkuliert, dass der EuGH gar nicht anders kann, als das Anleihekaufprogramm OMT nicht zu Fall zu bringen. Also einfach durchwinken und weiter wie bisher. Die „Chancen“ dafür stehen durchaus gut. Der EuGH ist der EZB gegenüber sehr viel wohlmeinender eingestellt und hat schon in mehreren ähnlichen Verfahren die Europäische Zentralbank in Schutz genommen.

Reine Nervensache

Was folgt aus alledem für die Aktienmärkte? Angesichts so vieler belastender negativer Faktoren ist es im Grunde schon erstaunlich, dass die Kurse nicht noch stärker eingebrochen sind. Persönlich glaube ich auch nicht, dass da noch Schlimmeres auf uns zukommt. Zunächst denke ich, dass sich am Markt ebenfalls die Meinung durchsetzen wird, dass die EZB vom EuGH eben nicht an die Kandare in Sache Anleihekaufprogramm gelegt wird, was schon für sich betrachtet stabilisierend wirken dürfte.

Was die Krise in den Schwellenländern (Emerging Markets) anbelangt, sind die Ängste derzeit größer als die Fakten, und auch in China werden sich die Wachstumsraten wieder erholen, wenn auch nicht mehr so gewaltig wie in den Vorjahren. Gerade deutsche exportorientierte Unternehmen dürften auch weiterhin gute Geschäfte machen.

Rückschläge einkalkuliert

Das bedeutet vor allem für den DAX Entwarnung. Dies auch deswegen, weil der DAX im Vergleich mit seinen Konkurrenten noch recht preiswert ist: Mit einem Kursgewinnverhältnis (KGV) von 13 ist er immer noch günstiger bewertet als etwa der amerikanische Index S&P 500. Ein KGV von 13 heißt aber eben auch, dass die Kursavancen nicht in den Himmel wachsen, zumal zwischendurch zudem immer wieder negative Nachrichten die Märkte verunsichern könnten. Dass der DAX noch in diesem Jahr die psychologisch wichtige Marke von 10 000 Indexpunkten knacken kann, halte ich für möglich. Sehr viel mehr wird aber in diesem Jahr nicht drin sein, und auch Rückschläge müssen einkalkuliert werden.

Nach wie vor gilt aber, dass Selektion Trumpf ist und jede Kaufentscheidung dreimal überlegt werden muss. Ich bin immer noch ein großer Freund der Deutschen Telekom und der Deutschen Post. Neu auf meiner Favoritenliste habe ich die Deutsche Bank, die endlich mit den Kirch-Erben einen Vergleich geschlossen hat. Das ist für mich der Beweis, dass die Bank tatsächlich einen Kulturwandel vollzieht.

Wenn es in einem Jahr an der Börse nicht mehr viel zu verdienen gibt, sind natürlich persönliche Kostensparprogramme unverzichtbar. Das heißt, beispielsweise Aktienkäufe direkt vornehmen und keine teuren Fonds kaufen. Allerdings ist die Wahl der Depotbank schon sehr wichtig. Attraktive Alternativen gibt es durchaus. Mir persönlich ist nach wie vor ein Rätsel, dass viele Anleger ihre Wertpapierdepots bei vergleichsweise teuren Banken bunkern, wo teilweise immense Wertpapierspesen für Kauf und Verkauf wie auch für die Depotführung selbst aufgerufen werden. Das sollte möglichst schnell geändert werden. Nur so kann 2014 für den Anleger per Saldo erfolgreich werden. Reinhold Rombach

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