POLITIK

Ärzte in sozialen Netzwerken: Fluch oder Segen für die Berufsethik?

Dtsch Arztebl 2014; 111(10): A-392 / B-342 / C-327

Strech, Daniel; Gholami-Kordkheili, Fatemeh; Wild, Verina

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Abbildung: Fotolia/simo988
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Ein offener, kritisch-konstruktiver Diskurs nicht nur zu den Herausforderungen, sondern auch zu den Potenzialen sozialer Medien für die Medizin ist notwendig.

Soziale Netzwerke wie Facebook oder MySpace, Blogs, Chaträume oder Kurznachrichtendienste wie Twitter werden zunehmend auch von Gesundheitsberufen privat oder beruflich genutzt. Dabei können die Grenzen zwischen privater und beruflicher Nutzung verschwimmen, unabhängig davon, wie aktiv oder passiv die Nutzung stattfindet. Der wachsende Einfluss und die Implikationen sozialer Netzwerke auf das Berufsleben von Ärzten haben die Berufsverbände und die Medizinethik motiviert, den Inhalt ärztlicher Berufsethik im Hinblick auf das digitale Zeitalter zu überdenken.

Bisherige Stellungnahmen und Empfehlungen von Berufsverbänden für Ärzte und Medizinstudierende zur Nutzung sozialer Medien weisen vorrangig auf die Herausforderungen und Gefahren, wie etwa das Potenzial zur Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht, hin. Beispiele dafür sind die Stellungnahme der Bundes­ärzte­kammer im Jahr 2012 in Anlehnung an die Empfehlungen des Weltärztebundes und die Empfehlungen der American Medical Association (1, 2).

Stärken und Schwächen

Eine am Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführte Studie hatte zum Ziel, möglichst systematisch das gesamte Spektrum an neuen Möglichkeiten (potenziellen Stärken) und Herausforderungen (potenziellen Schwächen) von sozialen Medien für die ärztliche Berufsethik darzustellen. Hierfür wurden mehr als 100 Fachartikel aus der Datenbank Medline ausgewertet, die sich mit den Chancen und Herausforderungen sozialer Medien für Ärzte beschäftigen (3). Dabei fällt auf, dass fast alle Fachartikel zum Thema von Autoren aus dem englischsprachigen Sprachraum stammen. Nur ein Beitrag wurde von einem deutschen Autorenteam geschrieben. Als Ergebnis der Literaturauswertung ließen sich zehn neue Möglichkeiten und 13 Herausforderungen durch soziale Medien für die ärztliche Berufsethik unterscheiden.

Als neue Herausforderung wurde unter anderem der Umgang mit aus dem Internet gewonnenen Informationen über eigene Patienten beschrieben. Sollte ein Arzt seinen Patienten darüber aufklären, dass er ihn googlen wird oder dies bereits getan hat? Was fängt ein Arzt mit Patienteninformationen an, die er über soziale Medien gefunden hat? Eine weitere häufig genannte Herausforderung besteht in der Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht und dem Vorbeugen von Missverständnissen, wenn Ärzte über die eigene Arbeit in Blogs berichten oder „twittern“. Auch die neue Dimension der ärztlichen Selbstregulierung durch das „Überwachen“ der Online-Profile ärztlicher Kollegen wurde vielfach als Risiko dargestellt.

Als Chance wurde unter anderem aufgeführt, dass eine stärkere Nutzung sozialer Medien durch Ärzte vor allem die eigene fachliche Fortbildung, aber auch die gemeinsame ärztliche Arbeit an komplexen Krankheitsbildern verbessern könnte – über lokale und nationale Grenzen hinweg. Neben neuen Formen der Arzt-Arzt-Interaktion wurden zudem neue Wege für eine bessere Arzt-Patienten-Interaktion beschrieben. So könnte das häufigere und unkomplizierte Feedback von Patienten zur ärztlichen Arbeit den Ärzten einen Anstoß zum Überdenken der eigenen Routine geben, was in letzter Konsequenz auch die Behandlungsqualität verbessern kann. Weiterhin können über soziale Medien Potenziale zur verbesserten Betreuung von Patienten außerhalb der Praxis oder Klinik entstehen.

Genauer Blick

Die bislang eher allgemein gehaltenen und vorrangig warnenden Stellungnahmen der Ärzteschaft zu sozialen Medien sollten mittelfristig revidiert und dabei spezifiziert und ausbalanciert werden. Dem sollte ein offener, kritisch-konstruktiver Diskurs nicht nur zu den Herausforderungen, sondern auch zu den Potenzialen sozialer Medien für die Medizin vorausgehen. Wann sind bestimmte personen- und berufsbezogene Informationen von Ärzten in sozialen Medien mehr oder weniger angemessen? Welche Interaktion mit Patienten über soziale Medien kann als „nicht mehr professionell“ oder auch als „besonders professionell“ angesehen werden? Die ärztliche Berufsethik im digitalen Zeitalter wird nicht neu zu erfinden, aber zu spezifizieren sein.

Daniel Strech, Fatemeh Gholami-Kordkheili, Verina Wild

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1.
Professionalism in the Use of Social Media (Opinion 9.124), www.ama-assn.org/ama/pub/physician-resources/medical-ethics/code-medical-ethics/opinion9124.page
2.
Empfehlungen der Bundes­ärzte­kammer für Ärzte und Medizinstudenten zur Nutzung sozialer Medien, www.bundesaerztekammer.de/downloads/empfehlungen_aerzte_in_sozialen_medien.pdf
3.
Gholami-Kordkheili F, Wild V, Strech D: The Impact of Social Media on Medical Professionalism: A Systematic Qualitative Review of Challenges and Opportunities. J Med Internet Res 2013, 15(8): e184. CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Professionalism in the Use of Social Media (Opinion 9.124), www.ama-assn.org/ama/pub/physician-resources/medical-ethics/code-medical-ethics/opinion9124.page
2.Empfehlungen der Bundes­ärzte­kammer für Ärzte und Medizinstudenten zur Nutzung sozialer Medien, www.bundesaerztekammer.de/downloads/empfehlungen_aerzte_in_sozialen_medien.pdf
3.Gholami-Kordkheili F, Wild V, Strech D: The Impact of Social Media on Medical Professionalism: A Systematic Qualitative Review of Challenges and Opportunities. J Med Internet Res 2013, 15(8): e184. CrossRef MEDLINE PubMed Central

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