ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2014Ärztlicher Stellenmarkt: Schwierige Suche nach geeigneten Chefärztinnen und Chefärzten

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Ärztlicher Stellenmarkt: Schwierige Suche nach geeigneten Chefärztinnen und Chefärzten

Dtsch Arztebl 2014; 111(10): [2]

Martin, Wolfgang

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne

Die Auswertung der Stellenausschreibungen im Deutschen Ärzteblatt zeigt, dass die Krankenhäuser etwas weniger Nachwuchssorgen haben, dafür aber mehr Probleme auf der Chefarztebene.

Laut aktueller Hochrechnung des Deutschen Krankenhausinstituts konnten 2013 in den bundesdeutschen Krankenhäusern insgesamt 2 000 Vollzeitstellen im Ärztlichen Dienst nicht besetzt werden, das sind 50 Prozent weniger als noch im Vorjahr. Gaben damals 74 Prozent der Krankenhäuser an, Probleme bei der Besetzung ärztlicher Stellen zu haben, waren es im vergangenen Jahr nur noch 58 Prozent.

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Der Blick in den Stellenteil des Deutschen Ärzteblattes legt den Schluss nahe, dass sich die Lage besonders auf der Nachwuchsebene entspannt hat: Wurden von den deutschen Krankenhäusern im Jahr 2008 insgesamt 1 765 „einfache“ Facharztpositionen ausgeschrieben, waren es im vergangenen Jahr nur noch 699. Nun lassen diese Zahlen sicherlich nicht ohne Weiteres den Schluss zu, dass der tatsächliche Bedarf an Fachärztinnen und Fachärzten in gleichem Umfang zurückgegangen ist. Denn es ist zu beobachten, dass vor dem Hintergrund des noch einmal deutlich gestiegenen ökonomischen Drucks Krankenhäuser öfter geneigt sind, vakante Facharztstellen erst einmal unbesetzt zu lassen oder zumindest nicht in die aktive Bewerbersuche investieren.

Auch sollte man sich angesichts der Zahlen nicht dazu verleiten lassen, das Thema Nachwuchsmangel zu den Akten zu legen. Die Zahl an Facharztanerkennungen ist seit 2008 nahezu konstant geblieben. Damit macht sich eine Entspannung auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt nur dann bemerkbar, wenn die Nachfrage sinkt. Steigt aber der Bedarf an Fachärztinnen und Fachärzten erneut an, kann es sehr schnell wieder eng werden.

Und noch etwas ist zu beobachten: In der Nachfragesituation findet man große Unterschiede zwischen den verschiedenen Fachgebieten. Dies zeigt auch der von mainmedico erstellte Facharztindex (Grafik). Dieser gibt an, wie viele Fachärztinnen und Fachärzte rein rechnerisch auf eine Stellenausschreibung im Deutschen Ärzteblatt entfallen. In den Fachgebieten Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Gefäßchirurgie, Psychiatrie und Psychotherapie, Innere Medizin und Gastroenterologie sowie Innere Medizin und Pneumologie waren auch 2013 Bewerber sehr knapp. Dabei nehmen die Fächer aus dem Spektrum Psychiatrie/Psychosomatik erneut Spitzenplätze ein: Hier ist es nach wie vor besonders schwierig, Facharztpositionen zu besetzen; der Durchschnittswert aller Fachgebiete lag 2013 bei 33,8.

Facharztindex 2013
Facharztindex 2013
Grafik
Facharztindex 2013

Während das Dauerthema „Ärztemangel“ in manchen Bereichen inzwischen also doch etwas an Brisanz verloren hat, gibt es auf der Ebene der Leitenden Ärzte Entwicklungen, die durchaus nachdenklich machen können:

So scheinen Chefarztpositionen – zumindest in Teilbereichen – an Attraktivität eingebüßt zu haben. Besonders deutlich wird dies im Fachgebiet Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Auf Chefarztausschreibungen im Deutschen Ärzteblatt gehen hier kaum noch Bewerbungen von Oberärzten ein, erst recht nicht von Oberärztinnen. In einem Fachgebiet mit überwiegendem Frauenanteil könnte man dies noch quasi geschlechtsspezifisch erklären: Gynäkologinnen nehmen wegen der schlechten Vereinbarkeit von Familie und Beruf eher Abstand von einer klassischen Karriere. Doch ebenso deren männliche Kollegen scheinen zunehmend weniger Chefarztambitionen zu haben. Dies zeigt sich ansatzweise auch bereits in der Viszeralchirurgie, wo die „Feminisierung“ bei weitem noch nicht so weit fortgeschritten ist und damit der Frauenanteil als Erklärung nicht ausreicht.

Hingegen gehen auf Chefarztausschreibungen immer mehr Bewerbungen von Kandidaten ein, die bereits eine Chefarztposition innehaben, mit ihrer beruflichen Situation aber unzufrieden sind. So ist es in der Viszeralchirurgie inzwischen keine Seltenheit, dass sich mehr Chef- als Oberärzte/-ärztinnen auf eine Chefarztausschreibung bewerben. Im Fachgebiet Frauenheilkunde und Geburtshilfe sind Chefärzte oftmals sogar die einzigen Bewerber, was dazu geführt hat, dass in diesem Fach bereits ein regelrechtes Chefarzt-Karussel in Gang gesetzt wurde.

Bei allen Unterschieden zwischen den beiden genannten Fachgebieten spricht einiges dafür, dass das schwindende Interesse an Chefarztpositionen und die merklich zunehmende berufliche Unzufriedenheit auf der Chefarztebene unmittelbar miteinander zu tun haben. In beiden Fällen handelt es sich um Fachgebiete, die den ökonomischen Druck besonders zu spüren bekommen: Entweder sind Abteilungen in ihrer Existenz gefährdet (Frauenheilkunde und Geburtshilfe) oder aber sie stehen vor einer gravierenden Veränderung des medizinischen Leistungsspektrums (Allgemein- und Viszeralchirurgie). Damit nehmen dann oft auch die Spannungen zwischen Geschäftsführung und Chefärzten zu. Und nicht immer gelingt es, mit den aufkommenden Konflikten angemessen umzugehen. Insofern stellt sich durchaus auch die Frage, wie es generell mit der Führungskultur in den deutschen Krankenhäusern bestellt ist und welchen Handlungsbedarf es dort gibt.

Dr. Wolfgang Martin, Mainmedico GmbH, Consulting & Services, Frankfurt am Main

Facharztindex 2013
Facharztindex 2013
Grafik
Facharztindex 2013

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