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Sicherstellung der ambulanten Versorgung: Ein Bärendienst der Kassen

Dtsch Arztebl 2014; 111(10): A-369 / B-321 / C-305

Flintrop, Jens

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War es nun eine letzte Spitze der Krankenkassen in Richtung des scheidenden Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Köhler? Oder doch eher ein Willkommensgruß an dessen Nachfolger, den dann tags darauf gewählten Dr. med. Andreas Gassen? Nicht zum ersten Mal lud der GKV-Spitzenverband einen Tag vor einem Großereignis der Ärzteschaft zur Pressekonferenz und präsentierte fragwürdige Zahlen, um dann die Schlagzeilen mit ärztekritischen Aussagen zu bestimmen. Der ambulanten Versorgung erweisen die Kassen jedenfalls einen Bärendienst mit ihren altbekannten Vorwürfen; geht es doch mehr denn je darum, junge Ärztinnen und Ärzte für die Praxen zu gewinnen.

„Wir haben immer mehr Ärzte, die immer mehr Geld verdienen, und trotzdem gibt es für die Patienten teilweise lange Wartezeiten und in wenigen Regionen im hausärztlichen Bereich erstmals Versorgungslücken“, sagte Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes, am 27. Februar in Berlin. Das Einkommen niedergelassener Ärzte liege auf einem Rekordniveau und mit durchschnittlich 166 000 Euro brutto pro Jahr und Arzt weit über dem Durchschnitt der Bevölkerung.

Von Stackelberg forderte, mehr Kooperationen und mehr Anstellungsmöglichkeiten anzubieten, damit jungen Ärzten der Weg in die Praxis und aufs Land erleichtert werde: „Hier müssen die Ärzteorganisationen aktiv werden.“ Überhaupt würden viel zu wenig Hausärzte ausgebildet, monierte er. Deshalb machten sowohl die Länder bei der Universitätsausbildung als auch die ärztliche Selbstverwaltung bei der Organisation der Weiterbildung und der Gestaltung von Bedarfsplanung und Zulassungsrecht „keinen guten Job“.

„Die Aussagen sind falsch“, konterte Köhler an seinem vorletzten Arbeitstag den Kassenvorstoß. Die Kassenärztlichen Vereinigungen leisteten bereits sehr viel: „Sie bieten Umsatzgarantien, Investitionshilfen, erleichtern die Anstellung von Ärzten und unterstützen Stipendien für Medizinstudenten.“ Der GKV-Spitzenverband biete hingegen nur Plattitüden und viele falsche Behauptungen.

Irritierend ist vor allem, wie die Kassen wider besseres Wissen auf steigende Ärztezahlen verweisen. Ihren Fachleuten ist wohlbekannt, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte in Teilzeit arbeiten. Auf Nachfrage räumte von Stackelberg denn auch ein, dass man nur Köpfe gezählt habe, nicht Arbeitsstunden. Zuvor hatte er vorgerechnet, dass zwar die Zahl der hausärztlichen Praxisinhaber von 59 600 im Jahr 2000 auf knapp 56 000 im Jahr 2012 gesunken sei. Durch die Zunahme an angestellten Ärzten sei die Gesamtzahl jedoch auf 60 400 gestiegen.

Der erkennbare Ärzteman

Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
gel in der Fläche ist eine Herausforderung, der sich der GKV-Spitzenverband stellen muss – gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und mit Ausdauer. Denn schnelle, einfache Lösungen gibt es nicht. Eine konstruktive Vertragspartnerschaft sei jedoch nur bei gegenseitigem Respekt möglich, betonte der neue KBV-Chef Gassen: „Genau daran hat es der GKV-Spitzenverband aber in den letzten Jahren gegenüber den Ärzten und Psychotherapeuten mangeln lassen.“ So in Verhandlungen zu gehen, sei grundsätzlich kontraproduktiv. Gassen appellierte daher an die Verantwortlichen des GKV-Spitzenverbandes, sich wieder auf Sachlichkeit zu besinnen. Die fängt bei den Daten an.

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

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    marc
    am Montag, 10. März 2014, 19:54

    Es lohnt sich nicht mehr in der Allgemeinmedizin

    Wer investiert denn gerne 100.000 Euro in eine Praxisuebernahme um dann 10 Jahre Schulden abzuzahlen zu ackern wie ein blödling und dann nix zu verdienen ???? So toll ist das alles nicht mehr...
    dr.med.thomas.g.schaetzler
    am Sonntag, 9. März 2014, 18:29

    Ärztemangel vorprogrammiert!

    Es freut mich sehr, dass ich zur Demissionierung des bisherigen Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Herrn Kollegen Dr. med. Andreas Köhler einmal uneingeschränkt zustimmen kann: „Die Aussagen der Kassenfunktionäre sind falsch“!

    Denn unter http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Arztzahlstudie_03092010.pdf
    findet sich mit dem klaren Titel:
    "Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! - Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung"
    die 5. aktualisierte und komplett überarbeitete Auflage (Stand August 2010) des von mir sehr geschätzten Autors Dr. Thomas Kopetsch. Volkswirtschaftlich wohlbegründet wurde hier bereits vor 4 Jahren auf Entwicklungen hingewiesen, die aktuell vom Spitzenverband Bund (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) immer noch fehlinterpretiert werden.

    Hausärztliche Kernsätze von Dr. Thomas Kopetsch
    A. Neue Bundesländer:
    • "Durchschnittsalter aller Hausärztinnen/-ärzte 52,9 Jahre"
    • "[Bis 2020] in den nächsten zehn Jahren – je nach Bundesland – [gehen] zwischen 38 % und 48 % aller Hausärzte in den Ruhestand"
    • "Seit 1999 ist die Zahl der Hausärzte in den neuen Bundesländern bereits um ... 11,4 %, zurückgegangen"
    • "24 % aller Hausärzte in den neuen Bundesländern [waren] im Jahre 2009 über 59 Jahre alt"
    B. Gesamtes Bundesgebiet
    • "im gesamten Bundesgebiet ... ist die Zahl der Hausärzte seit 2001 leicht gefallen"
    • "Wie anhand der Tabelle deutlich wird, müssen ab diesem Jahr [2010] bis zum Jahr 2020 insgesamt 23 768 ausscheidende Hausärzte ersetzt werden"
    • "Auf der Basis der prognostizierten Abgänge und der tatsächlichen Zugänge an Allgemeinmedizinern und Internisten lässt sich die Entwicklung des Bestandes an Hausärzten bis 2020 abschätzen. Demnach ist bundesweit mit einem Rückgang um knapp 7 000 Hausärzten zu rechnen, dies entspricht 13,3 %".

    Auf die zunehmend desolate pädiatrische Versorgungssituation mit GKV-Vertragsärzten/-innen will ich hier gar nicht eingehen. Tatsache ist und bleibt, dass die GKV-Chefetage sich wie die drei Affen verhält, die sich Ohren, Augen und Mund zuhalten? Oh nein, der Mund des "SpiBu" bleibt leicht geöffnet, um heiße Luft von Medizin-bildungsfernen Schichten herauszulassen, welche ihre Krankenkassen-Verwaltungsarbeit bzw. volks- oder betriebswirtschaftliche Sichtweisen mit Patienten-Versorgungsrealität bei krankheits- und beschwerdeorientierter Anamnese, Untersuchung, Diagnostik, Beratung, Therapie, Heilung, Linderung und Palliation verwechselt.

    Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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