ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2014Von schräg unten: Zu viel Kohle?

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Zu viel Kohle?

Dtsch Arztebl 2014; 111(10): [64]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich komme einfach nicht umhin, uns ausdrücklichst zu loben. Ja, ein überschwängliches Lob an uns ist mehr als fällig! Sind wir doch schon in unserer Ausbildung, später in der Berufspraxis ständig mit Leid und Nöten, mit Sorgen und Klagen konfrontiert und bieten trotzdem eine unerschöpfliche Empathie, gestützt auf unzerstörbarem Optimismus, gesäumt von therapeutischem Positivismus! Schlicht – wir sind die Propheten des Bias! Diese Grundhaltung hilft nicht nur in der Berufsausübung: Regress von der Kassenärztlichen Vereinigung? Dann gibt’s kein Geld, das man in maroden Banken verbrennen kann. Durchgehende Nachtdienste? Spart häusliche Heizkosten. Die Türklingel unterbricht meine Eloge an uns selbst, ich mache auf und sehe meinen Optimismus auf das Äußerste gefordert: Die frechen Neffen begehren Einlass. „Onkel Thomas, du stehst in der Zeitung!“ Oh! Dass meine Neffen Zeitung lesen, überrascht mich. Dass sie ihren Onkel wiederfinden, ehrt mich. Was habt ihr denn Schönes über mich gelesen? Wohlmeinende Rezensionen, gefällige Kommentare, gar etwas aus der wissenschaftlichen Wundertüte? „Ach, nee, Onkel Thomas. Wir haben gelesen, dass ihr Ärzte den Kragen nicht voll genug kriegen könnt!“ Was soll das jetzt wieder?! „Na ja, dass ihr gesunde Gelenke operiert, unkontrolliert Katheter schiebt, Millionen Pillen verschreibt, weil ihr dann mehr Knete kriegt!“ Das ist eine infame Unterstellung! „Is’ klar, Onkel Thomas, wir gönnen Dir das ja. Aber, sag’ mal ehrlich: Warum verlangt ihr Ärzte so viel Kohle?“ Nun, äh, wir haben ja eine besondere Verantwortung. . . „Das behauptet unser Lehrer auch!“. . . Wir arbeiten uns kaputt. . . „Das tun wir auch!“. . . Und, na ja, wie soll ich das ausdrücken. . . „Sag’ schon!“. . . Wir haben ein Schmerzensgeld verdient! Die Neffen schauen so verdutzt drein wie ein Bandwurm, der in Mebendazol badet. Also erläutere ich meinen wissbegierigen Neffen, dass die Formatierung zu einem funktionierendem ärztlichen Wesen sich nicht nur durch fehlerfreies Regurgitieren fülliger Fachbücher erschöpft, nein, wir tauchen so tief in diese Tragödien ein, dass wir unzählige Krankheitsbilder durchleiden. Und das, so finde ich, muss honoriert werden. „Hä?“ Es heißt: Wie bitte. „Hä?“ Also, ihr müsst euch das so vorstellen: Wenn ein Student der Medizin vor Prüfungen Angstschweiß hat, so ist er der felsenfesten Überzeugung, dies sei eine B-Symptomatik bei Lymphknotenkrebs. Verschlägt ihm der Appetit angesichts des Staatsexamens, so vermutet er ein Magenkarzinom. Apropos Magenkarzinom, auch euer lieber Onkel plagt sich mit einem chronischen Reflux, was glaubt ihr, wie häufig ich meine Speiseröhre schon in den Klauen eines Ösophaguskarzinoms wähnte?! Meine Tachykardie ist ein Phäochromozytom! Meine Gewichtsabnahme ein demenzielles Syndrom! „Was is’n das?“ Das ist eine fortschreitende geistige Umnachtung. Die Neffen tuscheln. „Nein, Onkel Thomas, Du hast sicher nicht so ein Süntrom!“ Ich bin zutiefst berührt. Meine lieben Neffen können doch so einfühlsam und liebevoll sein, warum habe ich immer nur Schlechtes von ihnen gedacht? Was bin ich nur für ein schlimmer Mensch! „Weil, du kannst gar keine fortschreitende Umnachtung haben! Solange wir dich kennen, hast du sie nicht mehr alle beisammen!“

Raus mit euch!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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