ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2014Schweiz: Neue Hürden für die Ärztemigration

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Schweiz: Neue Hürden für die Ärztemigration

Dtsch Arztebl 2014; 111(10): A-389 / B-338 / C-322

Spielberg, Petra

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Denkbar knapp fiel die Mehrheit beim Volksentscheid aus. Lediglich 50,3 Prozent der Schweizer votierten für eine Beschränkung der Zuwanderung. Foto: picture alliance
Denkbar knapp fiel die Mehrheit beim Volksentscheid aus. Lediglich 50,3 Prozent der Schweizer votierten für eine Beschränkung der Zuwanderung. Foto: picture alliance

Die Schweizer fordern Obergrenzen für die Zuwanderung von Fachkräften. Der Volksentscheid könnte den Ärztemangel im Alpenstaat verschärfen.

Ausländische Fachkräfte sind nach dem mehrheitlichen Willen der Schweizer Bevölkerung künftig nur noch eingeschränkt willkommen. Das jedenfalls sieht ein Volksentscheid zur Zuwanderungspolitik vor, über den die Eidgenossen Mitte Februar abgestimmt haben. Zwar hat die Volksinitiative mit 50,3 Prozent eine denkbar knappe Mehrheit errungen. Dennoch ist die Schweizer Regierung aufgefordert, nunmehr innerhalb von drei Jahren Kontingente für Arbeitsmigranten und Asylbewerber festzulegen, um einer „Masseneinwanderung“ von ausländischen Fachkräften in den Alpenstaat einen Riegel vorzuschieben.

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Ärztevertreter in der Schweiz nehmen das Ergebnis der Volksabstimmung mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Denn das Gesundheitswesen des Nachbarlandes ist hochgradig von Einwanderern abhängig. „Heute stammt mehr als ein Drittel aller hierzulande tätigen Gesundheitsfachkräfte aus dem Ausland“, sagt der Präsident der Schweizer Ärztevereinigung FMH, Dr. med. Jürg Schlup. „Zusammen mit ihren Schweizer Kolleginnen und Kollegen leisten sie einen wichtigen und unverzichtbaren Beitrag zur qualitativ hochwertigen Versorgung in der Schweiz.“ Schlup geht sogar davon aus, dass der Bedarf aufgrund der demografischen Entwicklung weiter zunehmen wird.

Kliniken bedauern das Votum

Eine Statistik der FMH aus dem Jahr 2010 untermauert die Abhängigkeit. Danach besitzt einer von vier berufstätigen Ärzten in der Schweiz ein ausländisches Diplom. Im ambulanten Sektor liegt der Anteil der ausländischen Ärzte zwar mit 17 Prozent deutlich unter dem im stationären Bereich (34 Prozent). Er hat aber nach Angaben der FMH in beiden Bereichen in den letzten acht Jahren stetig zugenommen: im ambulanten Sektor von elf auf 17 Prozent, im stationären von 24 auf 34 Prozent. Die zugewanderten Ärzte kommen vorrangig aus Deutschland, gefolgt von Österreich.

Große Einrichtungen wie das Universitätsspital Basel fürchten nun, dass die restriktivere Zuwanderungspolitik, die in drei Jahren Gesetz sein soll, bestehende Personalengpässe weiter verschärfen könnte. „Ärzte aus dem Ausland fühlen sich bei uns möglicherweise künftig nicht mehr wirklich willkommen“, vermutet Dr. med. Jens Eckstein. Die Klinikleitung habe in einer Mitarbeiterversammlung zwar klar Stellung gegen das Abstimmungsergebnis bezogen und betont, dass existierende Arbeitsverträge von dem Votum nicht tangiert seien. Auch würden die Schweizer Kollegen den Entscheid ausdrücklich bedauern, erklärt der Internist und Kardiologe. Dennoch könnte es zu einem Rückgang an Bewerbungen ausländischer Ärzte kommen, mutmaßt Eckstein. Der Facharzt ist selbst Deutscher und arbeitet seit 16 Jahren in der Schweiz. Als Leitender Arzt der Klinik für Innere Medizin ist er am Universitätsspital Basel außerdem mit zuständig für die Besetzung der Assistentenstellen.

Personal nach Nationalität 2011
Personal nach Nationalität 2011
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Personal nach Nationalität 2011

Schweizer Bewerber fehlen

„Gerade in unserem Fachbereich sind wir durch den engen Patientenkontakt auf deutschsprachige Ärzte angewiesen“, erklärt er. Ein Drittel der etwa 100 ärztlichen Fachkräfte der Klinik für Innere Medizin seien Deutsche. Pro Jahr seien 25 bis 30 Assistentenstellen neu zu besetzen. „Davon können wir im Schnitt nur die Hälfte mit Schweizer Bewerbern decken“, so Eckstein. Zwar würden die Zuzügler auch künftig nicht mit Anfeindungen rechnen müssen, ist er sich sicher. Allerdings werde es für die Klinikverwaltungen schwieriger, Ärzte aus dem Ausland zu rekrutieren. „Es wird deutlich mehr Bürokratie vorgeschaltet“, meint Eckstein. Denn die Volksinitiative verlangt, dass alle freien Stellen zunächst mit Schweizer Bewerbern besetzt werden müssen. Erst wenn sich keine geeignete heimische Fachkraft findet, kann eine Klinik einen Kontingentplatz für einen ausländischen Arzt beantragen. „Arbeitsverträge mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland können wir somit künftig nur noch vorbehaltlich der Tatsache machen, dass wir für jeden Einzelfall einen Kontingentplatz bekommen“, erläutert der Internist. Und das gehe eindeutig zulasten der Planungssicherheit sowohl seitens der Bewerber als auch der Klinik.

Auch Prof. Dr. med. Jürg Hodler, Ärztlicher Direktor des Universitätsspitals Zürich, sieht Probleme bei der Stellenbesetzung auf die Einrichtungen zukommen. Obergrenzen für Zuwanderer seien zwar in der Schweiz kein Novum. „So was gab es bei uns schon in den 90er Jahren“, erklärt Hodler. Insbesondere Fachrichtungen wie Anästhesie, Intensivmedizin und Radiologie, Pathologie und Neuropathologie sowie Psychiatrie und spezialisierte internistische Fächer würden gleichwohl heute schon unter Engpässen leiden und seien daher auf eine uneingeschränkte Personenfreizügigkeit angewiesen, wie sie bilaterale Verträge mit den EU-Staaten und den Staaten der Europäischen Freihandelsassoziation garantierten. Hinzu komme, dass es der Schweiz nicht gelinge, selbst genügend Mediziner auszubilden.

Bemühen um Gelassenheit

Zwar haben die Universitätskantone in den letzten Jahren ihre Ausbildungskapazitäten im Schnitt um ein Viertel erhöht, und auch im kommenden Semester soll die Zahl der Studienplätze weiter steigen; an der Universität Zürich beispielsweise von 240 auf 300. Aber das reicht nicht, um die Gesundheitsversorgung allein mit inländischen Kräften zu sichern. Nach einem Bericht des Schweizer Bundesrats verlassen jährlich nur etwa 800 Medizinabsolventen die Universitäten. Bis zu 1 300 neue Ärztinnen und Ärzte seien dagegen erforderlich, um den Bedarf aus den eigenen Reihen decken zu können. Hodler bemüht sich dennoch um Gelassenheit beim Umgang mit dem Ergebnis des Volksentscheids. Er geht davon aus, dass die geplanten Obergrenzen für das Gesundheitswesen nicht allzu restriktiv ausfallen werden.

Auch Prof. Dr. med. Marten Trendelenburg, stellvertretender Chefarzt der Inneren Medizin am Universitätsspital Basel, sieht durch das Votum der Schweizer keine
dramatischen Auswirkungen auf die Gesundheitsbranche zukommen. Trendelenburg, der als deutscher Grenzgänger schon seit 1997 regelmäßig zu seinem Schweizer Arbeitsplatz wechselt, ist überzeugt davon, dass Schweizer Kliniken aufgrund ihrer flachen Hierarchien, der geregelten Arbeitszeiten und guter Weiterbildungsmöglichkeiten für ausländische Bewerber attraktiv bleiben werden. Ressentiments vonseiten der Patienten oder Schweizer Kollegen seien bislang im Arbeitsalltag nicht spürbar. Und daran wird sich nach Meinung
von Trendelenburg auch in Zukunft nichts ändern. FMH-Präsident Schlup kündigte darüber hinaus an, dass sich die Ärztevereinigung in jedem Fall weiter für die Kollegen mit ausländischen Diplomen einsetzen wird.

Petra Spielberg

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