ArchivDeutsches Ärzteblatt10/201410 Jahre DRG-System: Mehr Ärzte, mehr Kodierfachkräfte

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10 Jahre DRG-System: Mehr Ärzte, mehr Kodierfachkräfte

Dtsch Arztebl 2014; 111(10): A-380 / B-330 / C-314

Osterloh, Falk

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Kodierfachkräfte wurden durch das DRG-System zu einer wichtigen neuen Berufsgruppe im Krankenhaus. Foto: picture alliance
Kodierfachkräfte wurden durch das DRG-System zu einer wichtigen neuen Berufsgruppe im Krankenhaus. Foto: picture alliance

Zehn Jahre nach Einführung des DRG-Systems ziehen Experten Bilanz: Das System sei effizienter geworden. Durch den Abbau von Pflegekräften sei die Zuwendung zum Patienten aber reduziert worden. Und: Das System stoße an seine Grenzen.

Mit der Einführung des DRG-Systems wurde die Finanzierung des stationären Sektors grundlegend umgestaltet. Ziel der Reform war es vornehmlich, Kosten zu reduzieren, aber auch, mehr Transparenz zu erreichen und neue Anreize zu setzen. So sollte es sich finanziell nicht mehr lohnen, Patienten möglichst lange im Haus zu halten. Nach zehn Jahren nun ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Wie hat das DRG-System den stationären Sektor verändert?

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Administration angewachsen

„Nicht-DRG-relevante Bereiche wurden abgebaut – nach dem Motto: Alles, was ich nicht abrechnen kann, brauche ich nicht oder versuche ich, so schlank wie möglich zu halten“, resümierte der Kaufmännische Direktor des Universitätsklinikums Aachen, Peter Asché, Ende Februar auf dem 21. Führungskräfteseminar des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands und des Verbandes der Diagnostica-Industrie.

Eine direkte Folge des Systemumstiegs sei auch, dass die Zahl der Ärzte an deutschen Krankenhäusern stetig zugenommen habe: von 114 105 Vollzeitstellen im Jahr 2003 auf 138 955 im Jahr 2011. Denn wichtig sei eben das Personal, das abrechenbare Leistungen generieren könne. Die Zahl der Pflegekräfte sei demgegenüber von 320 158 Vollzeitstellen im Jahr 2003 zunächst auf 298 325 Stellen im Jahr 2007 gesunken, bevor sie bis 2011 wieder auf 310 817 Stellen angestiegen sei. Grund für den erneuten Anstieg sei die zunehmende Arbeitsverdichtung im Krankenhaus gewesen. Zugenommen habe zwischen 2003 und 2011 auch die Zahl der Mitarbeiter im Verwaltungsdienst, erklärte Asché: von 57 927 auf 59 759 Vollzeitstellen. Denn mit dem DRG-System seien neue Berufsgruppen wie Kodierfachkräfte entstanden.

Durch die Dokumentations- und Kodierungspflicht sei die Administration erheblich angewachsen, sagte auch der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Münster, Prof. Dr. med. Norbert Roeder. Primärdokumentation und Kodierung, Abrechnungsvorbereitungen und Plausibilisierungen seien sehr aufwendig geworden und entzögen der Patientenversorgung Geld. „Die Zuwendung zum Patienten haben wir reduziert“, sagte Roeder. Denn sie werde nicht finanziert.

Insgesamt fiel Roeders Fazit des Fallpauschalensystems jedoch eher positiv aus: „Der Großteil der anfallenden Kosten kann über die Fallpauschalen finanziert werden. Die Anreize haben zu einer Effizienzsteigerung im System geführt. Und wir haben einen intensiven Kostenwettbewerb erlebt.“ Das DRG-System habe die Qualität der stationären Versorgung nicht verschlechtert – mindestens sei diese auf gleichem Niveau geblieben. Doch heute könnten die erbrachten Leistungen transparenter dargestellt werden.

BÄK: DRG-System umstellen

Nach Einführung der Fallpauschalen haben Krankenhäuser über Jahre Einsparungen durch Rationalisierungen umgesetzt. Viele Häuser sind mittlerweile jedoch an die Grenze des Machbaren gestoßen und in den roten Bereich gerutscht. Dadurch wächst die Gefahr, dass eine notwendige stationäre Versorgung nicht überall aufrechterhalten werden kann. Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) plädiert deshalb dafür, das DRG-System umzustellen. Denn es sei „in seiner bisherigen Rolle als für die wirtschaftliche Entwicklung der Krankenhäuser durchschlagend verbindliches Preis-Mengensystem überfordert“, schreibt die BÄK in einem Positionspapier (DÄ, Heft 7/2014).

Problematisch sei insbesondere die Unfähigkeit des Systems, auf aktuelle Kostenentwicklungen im Bereich der Tarife oder der Energiekosten zu reagieren. Die BÄK fordert daher, die DRG-Erlösbudgets künftig nur noch als Untergrenze für die Festlegung und künftige Abrechnung des Krankenhauserlösvolumens zu verwenden. In Ergänzung dazu seien ausreichende Ermessensspielräume für regionale Vereinbarungen von Vergütungen zu schaffen, insbesondere für die Sicherstellung der wohnortnahen Krankenhausbehandlung in strukturschwachen Regionen, die Finanzierung von Extremkostenfällen oder die unmittelbare Reaktion auf Anpassungen von Tarifen oder von Haftpflichtversicherungen.

Falk Osterloh

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