ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2014Peter Bamm: Der Konflikt zwischen ärztlichem und militärischem Ethos

KULTUR

Peter Bamm: Der Konflikt zwischen ärztlichem und militärischem Ethos

Dtsch Arztebl 2014; 111(10): A-412 / B-356 / C-341

Goddemeier, Christof

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Über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg schrieb der Arzt und Schriftsteller das Buch „Die unsichtbare Flagge“.

Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

Eigentlich hieß er Curt Emmrich. Den Schriftsteller „Peter Bamm“ erfand der Theaterkritiker Paul Fechter, der 1923 Redakteur der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ (DAZ) war. Nach dem Staatsexamen arbeitet Bamm in Berlin als Nachtwächter bei einer Wach- und Schließgesellschaft und bittet Fechter zunächst um Geld, um mal wieder warm essen zu können. Dabei erzählt er so spannend von seinen Erlebnissen als Nachtwächter, dass Fechter ihn auffordert, das Erzählte niederzuschreiben. Von da an schreibt Bamm neben seiner chirurgischen Tätigkeit regelmäßig Feuilletons für die DAZ.

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1897 geboren, studiert Bamm nach dem Ersten Weltkrieg Medizin und Sinologie. 1920 hatte der Hamburger Reeder Hugo Stinnes die DAZ gekauft. Als Bamm in der Redaktion von seinem Plan erzählt, als Schiffsarzt zur See zu fahren, reichen ein paar Telefonate – drei Tage später läuft die „Hindenburg“ mit ihm an Bord nach Schanghai aus. In den folgenden Jahren unternimmt Bamm zahlreiche Schiffsreisen, schließlich lässt er sich in Berlin als Chirurg nieder. Bei der nationalsozialistischen Zeitung „Das Reich“ will Bamm nicht mitarbeiten und entscheidet sich für seine Einberufung zur Wehrmacht.

Bamms Werk versammelt Feuilletons, Essays, Kurzgeschichten, Reiseberichte sowie seine Autobiografie „Eines Menschen Zeit“. Im Bericht „Die unsichtbare Flagge“ (1952) schildert er aus der Sicht des Arztes einer Sanitätskompanie seine Erlebnisse im Krieg gegen die Sowjetunion. Der Titel meint die „Flagge der Humanitas“, die Bamm als Arzt im Krieg zu bewahren sucht. Bald entlarvt er den Spruch „Der Eintritt in die Armee ist die aristokratische Form der Emigration“ als „große Illusion“.

Bamm grenzt sich vom „primitiven Mann an der Spitze“ und den „Anderen“ ab. Doch beim Vormarsch in der Ukraine 1941 „traten Ereignisse ein, die uns aus unserer Faulheit des Tuns und des Denkens herausreißen und uns nie wieder zur Ruhe kommen lassen sollten“: In Nikolajew treiben die „Anderen“ russische Bürger jüdischen Glaubens zusammen, ermorden und verscharren sie in einem Panzergraben. Das große Morden hinter der Front hat begonnen. In Sewastopol auf der Krim sammeln die „Anderen“ 1942 „Mauer an Mauer mit uns“ Bürger jüdischen Glaubens und töten sie in großen Kastenautos, in die während der Fahrt Gas geleitet wird. Bamm gibt zu: „Wir wussten das. Wir taten nichts.“

Doch „niemand von uns hatte eine Überzeugung, deren Wurzeln tief genug gingen, ein praktisch nutzloses Opfer um eines höheren moralischen Sinnes willen auf sich zu nehmen“. Bei aller Ehrlichkeit ist heute manches schwer nachvollziehbar, etwa wenn Bamm medizinische Leistungen seiner Kompanie und das harmonische Zusammenleben mit der russischen Landbevölkerung schildert. Beim Umgang mit Deserteuren zeigt sich der Konflikt zwischen ärztlichem und militärischem Ethos. Nach dem Krieg arbeitet Bamm als Hörfunkredakteur und schreibt beachtete Sachbücher. 1975 ist er in Zollikon gestorben.

Christof Goddemeier

Broeer R: Wir wussten das. ZEIT online 1995

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