ArchivDeutsches Ärzteblatt10/20145. Rheinischer Ärztetag: Beruf und Familie unter einem Hut

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5. Rheinischer Ärztetag: Beruf und Familie unter einem Hut

Dtsch Arztebl 2014; 111(10): A-388 / B-337 / C-321

Korzilius, Heike

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Die junge Ärztegeneration strebt eine bessere Balance von Beruf und Privatleben an. Arbeitgeber, aber auch Ärztekammern sind gefordert, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, wenn sie den Ärztemangel nicht verschärfen wollen.

Das Thema war offenbar gut gewählt. Schon am frühen Samstagmorgen war der Versammlungssaal der Ärztekammer Nordrhein gut gefüllt. Mehr als 200 Ärztinnen und Ärzte, darunter einige mit kleinen Kindern, hatten sich am 22. Februar zum 5. Rheinischen Ärztetag in Düsseldorf eingefunden, um über das Motto „Privatleben. Familie. Arztberuf: Vereinbarkeit als Erfolgsfaktor“ zu diskutieren. Konzipiert hatte die Veranstaltung der Ausschuss „Ärztlicher Beruf und Familie, Ärztegesundheit“ unter dem Vorsitz von Dr. med. Christiane Groß.

Die Jungen wollen nicht mehr 60 Stunden je Woche arbeiten

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Wenn man es der jungen Ärztegeneration nicht ermögliche, Beruf und Privatleben in Einklang zu bringen, werde sich der Ärztemangel deutlich verschärfen, warnte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, gleich zu Beginn. Er sprach sich deshalb für eine gute Kinderbetreuung und geregelte Arbeitszeiten in Krankenhäusern und Arztpraxen aus. Das Rollenverständnis der jungen Ärztinnen und Ärzte habe sich geändert, sagte Henke. Ärztinnen gehe es heute darum, möglichst Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen. Gleichzeitig wünschten sich auch viele Ärzte mehr Zeit für die Familie. „Wir können davon ausgehen, dass die jungen Kolleginnen und Kollegen – gerade Mütter und Väter – nicht mehr 60 bis 80 Stunden pro Woche arbeiten wollen, sondern eine gute Balance zwischen Privatleben und Beruf anstreben“, erklärte Henke, der zugleich Bundesvorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund ist.

Vor dem Hintergrund der zunehmend weiblich werdenden Medizin gewinne dies besondere Bedeutung: In Aachen, Bonn oder Essen betrage der Frauenanteil unter den Erstsemestern aktuell zwischen 61 und 68 Prozent. Im Kammerbereich Nordrhein seien 42 Prozent der Niedergelassenen Frauen. Bei den Neuniederlassungen hätten Frauen mit einem Anteil von 54 Prozent 2013 sogar die Nase vorn gehabt.

Henke wies darauf hin, dass familienfreundliche Arbeitsplätze auf dem für die Arbeitgeber immer enger werdenden Arbeitsmarkt einen klaren Wettbewerbsvorteil bedeuteten. Aber auch die Ärztekammern seien gefragt. „Für eine bessere Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf im Anschluss an das Medizinstudium ist die Umsetzung der Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung wesentlich“, betonte Henke. Die Reform ziele darauf ab, die bisherigen starren Abschnitte durch Qualifikationen in Kompetenzblöcken und –ebenen abzulösen. Innerhalb dieses neuen Rahmens solle dann auch die Weiterbildung in Teilzeit eine größere Rolle spielen. „Wir befinden uns in einer Anfangsphase eines Umdenkprozesses“, so der Kammerpräsident.

Weiterbildung zum Facharzt muss flexibler werden

Zahlreiche Referenten wiesen anhand persönlicher Erfahrungen auf Probleme und mögliche Lösungen hin. Als vorbildlich gilt die wissenschaftliche Karriere von Dr. med. Claudia Borelli. Die Dermatologin ist Mutter zweier kleiner Kinder, hat sich nebenbei habilitiert und leitet zurzeit die Einheit für Ästhetische Dermatologie und Laser der Universitäts-Hautklinik in Tübingen.

Doch auch Borelli sagte in Düsseldorf: „Ich bin längst nicht da, wo ich sein könnte, wenn ich keine Kinder hätte.“ Beruf und Familie zu vereinbaren, sei zwar nicht mehr ausschließlich ein Frauenproblem, aber doch in erster Linie. Deshalb forderte auch sie, wie Henke, die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder auszubauen und die Weiterbildung flexibler zu gestalten. „Das Weiterführen einer Karriere muss möglich sein.“ Kolleginnen, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie selbst, riet sie, nicht zu versuchen, „die perfekte Hausfrau der 1950er Jahre mit der Business-Frau von 2014 zu vereinen. Das führt nur zu Burn-out.“ Sie selbst halte sich an die 80-Prozent-Regel aus dem Prozessmanagement. Diese besage, dass 80 Prozent des Ergebnisses mit 20 Prozent Anstrengung erreicht werden. Für die letzten 20 Prozent benötige man 80 Prozent der Anstrengung: „Nicht jeder Geburtstagskuchen für die Schule muss selbst gebacken sein. Man kann auch einen kaufen“, so Borelli.

Aktive Väter haben Probleme, akzeptiert zu werden

Mit Widersprüchlichkeiten in ihrem Selbstbild haben offenbar inzwischen auch die Männer zu kämpfen. Sie würden zwischen ihrer traditionellen Rolle als Ernährer und ihrer neuen Rolle als aktive Väter hin- und hergerissen, erklärte Raphael Schwiertz, Kinderarzt und Väterbeauftragter – lange Zeit der einzige in Deutschland – an der Universitätsklinik Essen. Wenn Väter mehr Zeit für die Familie aufwenden wollten, beispielsweise im Rahmen der Elternzeit, hätten sie noch immer mit mangelnder Akzeptanz bei Vorgesetzten und Kollegen zu kämpfen. Auch die Angst vor einem Karriereknick halte viele davon ab, längere Auszeiten aus dem Beruf zu nehmen. Die Zahlen sprechen für sich: Seit Einführung des Elterngeldes 2007 gingen zwar 23 Prozent der Väter in Elternzeit. 75 Prozent stiegen aber nur für die Mindestzeit von zwei Monaten aus dem Beruf aus.

Will man Beruf und Familie unter einen Hut bringen, kann die Niederlassung in eigener Praxis von Vorteil sein. Dr. med. Christiane Friedländer ist seit 34 Jahren als Hals-Nasen-Ohren-Ärztin in Neuss niedergelassen und hat während dieser Zeit drei Kinder großgezogen und später auch ihren Mann gepflegt. „Die Selbstständigkeit hat mir einen großen Gestaltungsspielraum verschafft. Man ist eben sein eigener Chef“, erklärte Friedländer. Mit der Praxis im eigenen Haus sei sie in der Regel für die Familie ansprechbar gewesen und habe genügend Flexibilität gehabt, um an wichtigen Dingen teilhaben zu können.

Heike Korzilius

Infobroschüre der KBV

Zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Broschüre „Beruf und Familie verbinden: Wie sieht das in der Praxis aus?“ veröffentlicht. Sie kann unter www.praxis-und-familie.de heruntergeladen werden. Auf dieser Seite berichten Ärzte, Psychotherapeuten und Medizinische Fachangestellte dar- über, wie sie die Arbeit in der Arztpraxis und die Familie miteinander vereinbaren oder ihre Praxis familienfreundlich gestalten. Die KBV hat darüber hinaus Informationen rund um das Thema „Praxis und Familie“ zusammengestellt. In der Rubrik „Arbeitsplatz Praxis“ werden beispielsweise unterschiedliche Praxisformen, Entlastungsmöglichkeiten und Themen wie Arbeitszeit, Elternzeit und Zulassung vorgestellt. In der Rubrik „Unternehmen Praxis“ finden Arbeitgeber Tipps und Hinweise, wie sie mit einfachen Mitteln eine familienfreundliche Atmosphäre schaffen können. Wie man nach einer beruflichen Auszeit schnell in den Praxisalltag einsteigen kann, darüber informiert die Rubrik „Wiedereinstieg“. EB

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