ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2014Deutscher Krebskongress in Berlin: Qualität von Screening und Therapie im Fokus

MEDIZINREPORT

Deutscher Krebskongress in Berlin: Qualität von Screening und Therapie im Fokus

Dtsch Arztebl 2014; 111(10): A-399 / B-346 / C-330

Siegmund-Schultze, Nicola

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Die wissenschaftliche Basis für gute Versorgung muss gesichert sein – auch durch unabhängige Studien.

Flächendeckend, schnell, sicher, wirtschaftlich sinnvoll – das sind die Zielvorgaben, die der Präsident des Deutschen Krebskongresses (DKK), Prof. Dr. med. Michael Hallek von der Universitätsklinik Köln, machte, um die sich rasant entwickelnden Innovationen der Onkologie in die Klinik zu transferieren. „Wir müssen Wissenschafts- und Versorgungsstrukturen so verändern, dass neue, gesicherte Erkenntnisse den Patienten erreichen, und die Forschungsförderung entsprechend anpassen“, sagte Hallek beim DKK Ende Februar in Berlin. So seien Therapieoptimierungsstudien angesichts des sich rasch erweiternden Spektrums systemischer Therapien für die Onkologie von großer Bedeutung. Ein Beispiel sei das metastasierte kolorektale Karzinom.

Optimierung der Behandlung

Die vor kurzem präsentierten Daten der akademisch initiierten FIRE-3Studie mit 592 Patienten hatten gezeigt: Bei Tumoren mit unmutiertem KRAS ist eine Kombination von Chemotherapie mit dem Anti-EGFR-Antikörper Cetuximab der Kombination mit dem Angiogenesehemmer Bevacizumab bezüglich des Überlebens überlegen (median + 3,7 Monate; ASCO 2013; LBA 3506). Eine Nachauswertung der Studie stellte Prof. Dr. med. Volker Heinemann von der LMU München beim DKK vor. Danach hatte die Untergruppe der Patienten, bei denen außer KRAS auch das NRAS-Gen unmutiert war, einen Überlebensvorteil von median 7,5 Monaten (25,6 vs. 33,1 Monate). Patienten mit RAS-Mutation profitieren nicht von einer Anti-EGFR-Therapie. Zur guten Versorgungsqualität gehört nun, die Empfehlungen der Deutschen Krebsgesellschaft zur Testung des K- und NRAS-Status bei Patienten mit metastasiertem kolorektalem Karzinom umzusetzen und bei RAS-Wildtyp primär mit einem Anti-EGFR-Antikörper zu therapieren. Es müsse möglich werden, unabhängige Studien über einen Innovationsfonds anzuschieben und langfristig aus Mitteln von Industrie, Bund und Kostenträgern zu finanzieren, sagte Hallek. Der größte private Drittmittelgeber ist die Deutsche Krebshilfe (DKH). Erstmals richteten DKG und DKH den Krebskongress gemeinsam aus.

Brustkrebs: Stadienspezifische Inzidenz bei Frauen von 50–69 Jahren
Brustkrebs: Stadienspezifische Inzidenz bei Frauen von 50–69 Jahren
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Brustkrebs: Stadienspezifische Inzidenz bei Frauen von 50–69 Jahren

Qualität und Effektivität werden auch bei Früherkennungsmaßnahmen intensiv und teilweise kontrovers diskutiert, zum Beispiel beim Mammographie-Screening-Programm. Die Kooperationsgemeinschaft Mammographie hat beim DKK einen ersten umfassenden Evaluationsbericht für ganz Deutschland für den Zeitraum 2010 vorgestellt. Nach einem Beschluss des Deutschen Bundestages im Jahr 2002 wurde das Screening bis 2009 flächendeckend etabliert. Alle zwei Jahre werden Frauen zwischen 50 und 69 Jahren zur Mammographie eingeladen.

Ob sich die Brustkrebsmortalität durch das Screening senken lasse oder die Neuerkrankungsrate an Tumoren in späten Stadien zurückgehe – wichtige Ziele eines organisierten, bevölkerungsbezogenen Screenings –, sei noch nicht zu beantworten, sagte die Leiterin der Geschäftsstelle der Kooperationsgemeinschaft, Dr. med. Tatjana Heinen-Kammerer. Dazu sei die Zeit seit der flächendeckenden Implementierung (2009) zu kurz. „Aber es gibt aus dem Jahr 2010 Frühindikatoren für die Effekte, und die Daten dazu zeigen: Das Screening ist auf dem richtigen Weg.“

So hat sich im Vergleich zur Ära vor dem Screening der Anteil der Tumoren mit günstiger Prognose an den Diagnosen deutlich erhöht: 19 Prozent der positiven Befunde im Screening waren Frühkarzinome (duktale In-situ-Karzinome), vor Beginn des Screenings betrug ihr Anteil an Diagnosen in der Zielgruppe nur sieben Prozent. Von den im Screening entdeckten invasiven Karzinomen waren circa 35 Prozent maximal zehn Millimeter groß, in der Ära vor Beginn des Screenings (2000 bis 2005) waren es nur 14 Prozent. Knapp 80 Prozent der im Screening gefundenen invasiven Karzinome waren maximal 20 Millimeter groß, zuvor 49 Prozent. Bei 75 bis 78 Prozent der entdeckten Malignome waren keine Lymphknoten befallen, zuvor 57 Prozent.

Fragen zur Effektivität offen

Die Basis der Auswertung sind 1,2 Millionen Erst- und 1,5 Millionen Folgeuntersuchungen. Die Teilnahmerate lag mit 53,7 Prozent unter der EU-Mindestanforderung (> 70 Prozent). Bei acht von 1 000 Erstuntersuchungen wurde Brustkrebs gefunden, in der Folgeuntersuchung bei 5,5 von 1 000. Die Brustkrebsentdeckungsrate lag mehr als das Doppelte über der Hintergrundinzidenz, besser als von der EU vorgegeben (1,5-fach). Die bundesweite durchschnittliche Rate der Wiedereinbestellungen – Frauen wird bei unklarem Befund zu einer weiteren Abklärung geraten – entsprach mit fünf Prozent gerade den EU-Mindestanforderungen.

Zu einigen wichtigen Indikatoren für die Effektivität kann der Bericht noch keine Aussagen machen: zur Zahl der Intervallkarzinome – für Nordrhein-Westfalen lag sie bei 22 Prozent – und zur Frage, ob das Screening die Brustkrebsmortalität senken kann. „Das Ziel, die Brustkrebsmortalität durch Screening zu senken, wird sich angesichts der Therapiefortschritte und einer Fünfjahresüberlebensrate von 88 Prozent nach Diagnose nur schwer erreichen lassen“, sagten die Epidemiologen Prof. Dr. med. Alexander Katalinic vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck und Prof. Dr. med. Werner Hense vom Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster. „In dieser Hinsicht läuft uns die Zeit davon.“ Katalinic und Hense plädieren dafür, die Effektivität des Screeningprogramms auch an anderen Parametern zu messen wie Invasivität und Intensität der Behandlung nach positivem Befund. Die Lebensqualität der Frauen im Kontext des Screenings werde bislang noch zu wenig beachtet.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Brustkrebs: Stadienspezifische Inzidenz bei Frauen von 50–69 Jahren
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Brustkrebs: Stadienspezifische Inzidenz bei Frauen von 50–69 Jahren

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