ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2014Im Einsatz für die German Doctors: Kein Job für Weichlinge

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Im Einsatz für die German Doctors: Kein Job für Weichlinge

Dtsch Arztebl 2014; 111(10): A-397 / B-344 / C-328

Schulte Strathaus, Regine

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Die Allgemeinärztin und Anästhesistin Elisabeth Woelke-Seidl arbeitete sechs Wochen auf den Philippinern unter Extrembedingungen.

Rolling Clinic in den Bergen: Auf Karteikarten werden Patientendaten und Therapiemaßnahmen vermerkt. Fotos: Regine Schulte Strathaus
Rolling Clinic in den Bergen: Auf Karteikarten werden Patientendaten und Therapiemaßnahmen vermerkt. Fotos: Regine Schulte Strathaus

Endlich erhielt sie Ende 2012 die Zusage von den German Doctors e.V. für einen Einsatz im Ausland. Darauf hatte die Wiesbadener Allgemeinärztin und Anästhesistin Elisabeth Woelke-Seidl jahrelang gewartet. Nun musste alles zügig geregelt werden: Impfungen, Betreuung der Wohnung organisieren, Kollegen für die Notdienste finden, packen. Anfang Mai saß sie im Flugzeug nach Manila.

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Dort angekommen, der erste Klimaschock: von 17 Grad Celsius in der Heimat auf 40 Grad Celsius und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. „Es war wie ein Schlag mit einem nassen Handtuch, nur dass mir diese schwüle Feuchte über sechs Wochen hinweg erhalten blieb.“ Dann die Fahrt mit Mike, einem der Fahrer der Organisation „Ärzte für die Dritte Welt“, durch den Moloch Manila Stadt mit etwa zwölf Millionen Einwohnern in einen der Slums mit stinkenden Müllbergen und ständigem Lärm rund um die Uhr. Im Staffhouse für die German Doctors war es noch heißer als draußen, die Ventilatoren brachten auch keine Kühlung. Bereits am nächsten Tag begannen die Zehn- bis Zwölfstundentage der 68-jährigen Ärztin mit der Behandlung von 70 bis 130 Patienten pro Tag. Zuerst für zwei Tage in der einigermaßen ausgestatteten Klinik in Bagong Silang, dem Hauptsitz der German Doctors in Manila. „Danach hatte ich meinen Einsatzort in der Nähe des Müllbergs von Manila, wo mir ständig übel war von dem Gestank. Nach einer Woche ging es nach mehr als 14 Stunden Fahrt mit Bus und Fähre auf die Insel Mindoro, wo wir die Mangyans, die Ureinwohner der Insel, behandelten.“

Die Mangyans leben in verschiedenen Gebieten des Hochlandes. Die ärztliche Behandlung erfolgt ausschließlich durch die German Doctors, die alle vier Wochen mit einer sogenannten Rolling Clinic zu verschiedenen Plätzen in den Bergen kommen. Ein Van ist mit dem „Sprechzimmer“ ausgestattet, bestehend aus einem Tisch und drei Stühlen, Medikamenten, Notfallkoffer. Zum Team gehören zwei Krankenschwestern, eine Dolmetscherin, der Fahrer sowie ein Arzt oder eine Ärztin.

Die Mangyans, die oft stundenlange Fußmärsche in Flip-Flops oder barfuß auf sich nahmen, um einen Arzt zu treffen, warteten geduldig, oft den ganzen Tag. Zu 80 Prozent waren es Kinder, zu 20 Prozent Frauen (Schwangere, Mütter, Alte) und nur wenige Männer, die zur Behandlung kamen. „Nach einigen Tagen habe ich mich gar nicht mehr gewaschen, wenn ich aus den Bergen zurückkam, sondern nur noch unter dem Ventilator gelegen und versucht, trotz Dauerlärm von Tieren und Stimmengewirr zu schlafen.“ Am nächsten Tag ging es dann wieder nach etwa zweistündiger Fahrt zu den geduldig wartenden kleinen und großen, alten und schwangeren Patienten.

„Oft war es eine wichtige Maßnahme, vor der Untersuchung einer Hautläsion diese zuerst mit Wasser zu säubern, um einen Befund erheben und therapieren zu können. Die Mangyans gehen in den Fluss, um sich mitsamt Kleidung zu reinigen. Dies ist bei weitem nicht immer möglich, da der Fluss unter Umständen bis zu zwei Stunden entfernt von der Behausung liegt. Also wird der Brunnen im Wald genutzt, sofern vorhanden, und Regenwasser gesammelt, mit dem gekocht und selten auch gewaschen wird. Wenn die Einwohner, die im allgemeinen Lendenschurz tragen, T-Shirts besitzen, werden diese so lange getragen, bis sie vom Leib fallen. Sie leben teilweise mit zehn Familienangehörigen in Bambushüten von sechs Quadratmeter Fläche“, erzählt Woelke-Seidl.

Und dann berichtet sie von Krankheiten, die sie bisher in ihrem langen Berufsleben nicht allzu häufig zu sehen bekam. Dazu zählten vor allem: Wurmerkrankungen (jeder wurde mit nur einer Tablette Albendazol entwurmt), Hauterkrankungen, speziell Abszesse, Krätze und Impetigo (die mitgenommene Großpackung Q-Tips erwies sich zum Abschaben der Wunden als äußerst hilfreich), Ringworms (ringförmiger Hautpilz, der stark schuppt), TBC und Pneumonien, Konjunktivitiden, Otitiden sowie Unterernährung mit Mangelerscheinungen, insbesondere von Vitamin A und Zink. Denn die Ernährung besteht überwiegend aus Kochbananen von den umliegenden Plantagen, auf denen die Menschen arbeiten.

An Medikamenten stand dem Team nur eine kleine Auswahl zur Verfügung: Die Antibiotika Amoxicillin, Ciprofloxacin, Penicillin V, Erythromycin, Doxycyclin, die Schmerzmittel Ibuprofen und Diclofenac, eine Cortison- und eine Zinksalbe, eine Salbe gegen Pilze, das Wurmmittel Albendazol, eine Augensalbe (Gentamycin), das Pilzmittel Griseofulvin, Augen- und Ohrentropfen dazu ein Desinfektionsmittel und Tetanusimpfstoff.

Trotz aller ungewohnten medizinischen Einschränkungen hat die erfahrene Ärztin die vorbereitende Organisation als sehr gut und entlastend empfunden. Die Helfer und Helferinnen, medizinisch angelernte „Dot’s Partner“, erstellten für die Anamnese im Vorfeld alle diagnostischen Werte wie Blutdruck, Größe, Gewicht, Fieber. Die Resultate wurden direkt in die Handfläche oder auf die Arme der Patienten geschrieben. Auf Karteikarten bereits behandelter Patienten wurden die Daten eingetragen und die Therapiemaßnahmen vermerkt. Wegen Ermangelung einer Babywaage erfanden die Helfer ein zweckmäßiges Provisorium: Ein großes Tuch wurde an eine Metzgerwaage gehängt, die Babys hineingelegt und so gewogen. Ab einem Gewicht von 15 Kilo kam die normale Waage zum Einsatz. Da viele der Babys stark untergewichtig sind, können sie in Ausnahmefällen in eine von Australiern geführte „Feeding Clinic“ gebracht werden, in der sie aufgepäppelt werden, bis sie das Gewicht erreicht haben, das ihrem Alter entspricht. „Da bereits 13-Jährige ein Kind, 20-Jährige oft schon bis zu fünf Kinder, und 30-Jährige bis zu zehn Kinder haben, bereitet es den Müttern häufig Probleme, ihre Kinder satt zu bekommen. Trotz eines streng ausgeübten Katholizismus werden Ratschläge zur Familienplanung gerade von jungen Müttern dankbar angenommen“, sagt Woelke-Seidl. Aufklärung und die Demonstration, wie Kondome benutzt werden sollen und wie hormonell mit der Dreimonatsspritze und der Pille verhütet werden kann, verfolgen viele Mütter sehr aufmerksam. Die Verhütungsmittel bekommen die Patientinnen von den Ärzten, ebenso notwendige Medikamente. Wenn die Behandlung über längere Zeit fortgesetzt werden muss, sind es die Dot’s Partner, die sich in der „arztfreien Zeit“ um die Verabreichung kümmern,

Um sich besser mit den Menschen vor Ort verständigen zu können, ließ sich Woelke-Seidl von den Dolmetscherinnen einige Begriffe auf Tagalog, der offiziellen Sprache der Philippinen, aufschreiben, „so dass ich grüßen und das Wichtigste fragen und sagen konnte: „Schmerzen? Tief ein- und ausatmen! Verstanden? Wo noch Schmerzen?“ Und welche Blessuren physischer und psychischer Art hat die Wanderärztin selbst davongetragen? „Natürlich hat mir die permanent feuchte Hitze sehr zugesetzt, und die intensive Arbeit samt Schlafmangel hat mir meine Grenzen deutlich vor Augen geführt. Doch die dankbaren Augen und das strahlende Lächeln der Patienten waren ein wunderbarer Lohn. Ich würde mich auf ein solches neues Abenteuer, wohin es mich auch verschlagen wird, wieder einlassen, dann allerdings gern in einer kühleren Jahreszeit.“ Und dass sie dem Ruf der German Doctors erneut folgen wird, steht für sie außer Frage.

Regine Schulte Strathaus

Biografie

Elisabeth Woelke-Seidl, Jahrgang 1944, arbeitete zuerst als Auslandskorrespondentin, machte später das Abitur an einer Abendschule und studierte von 1974 bis 1980 an der Universität Mainz. Promotion 1981. Danach Facharztweiterbildung zur Allgemeinärztin und Anästhesistin. Sie arbeitete ab 1980 in mehreren Kliniken und eröffnete 1988 ihre eigene Praxis. Diese gab sie im Jahr 2009 auf und ist nun als Not- und Vertretungsärztin tätig. Als ausgleichendes Hobby informiert sie Hörer von Radio Rheinwelle 92,5 alle 14 Tage für zwei Stunden mit der Sendung „Rund um die Medizin“. Seit 2001 ist sie Vorsitzende des „Fördervereins thalhaus e.V.“, einer Kleinkunststätte in Wiesbaden.

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