ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2014Die sieben Todsünden: Neid – Leviathan & Medusa

KUNST + PSYCHE

Die sieben Todsünden: Neid – Leviathan & Medusa

PP 13, Ausgabe März 2014, Seite 98

Kraft, Hartmut

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Jacob Matham: Invidia (Neid). Anfang 17. Jahrhundert, Kupferstich nach einer Zeichnung von Hendrick Goltzius. 22,8 × 15 cm. Foto: Eberhard Hahne
Jacob Matham: Invidia (Neid). Anfang 17. Jahrhundert, Kupferstich nach einer Zeichnung von Hendrick Goltzius. 22,8 × 15 cm. Foto: Eberhard Hahne

Ende des vierten Jahrhunderts verfasste der Mönch Evagrios Ponticos (345–399) einen Katalog menschlicher Laster, dem aber erst Papst Gregor I. (540–604) den Neid als eine der sieben Todsünden hinzufügte. Neben Wochentagen und verschiedenen Tieren wurden auch einzelne Dämonen in Beziehung zu den Lastern gesetzt. Der Neid erhielt den Montag sowie als Tier den „futterneidischen“ Hund zugeordnet. Eine der im 16. Jahrhundert weit verbreiteten Zuordnungen der Todsünden zu Dämonen erfolgte durch den Jesuiten Peter Binsfield. Von ihm wurde Leviathan, ein Seeungeheuer in Drachengestalt mit mehreren Köpfen, in Beziehung zum Neid gesetzt. Der im Alten Testament von Jahwe überwundene Dämon gilt als Personifikation gottfeindlicher Mächte. Von hier aus ergibt sich ein Zugang zu der Darstellung des Neides auf dem Kupferstich von Jacob Matham (1571–1631), den er nach einer inzwischen verschollenen Zeichnung seines als Künstler berühmteren Stiefvaters Hendrick Goltzius (1558–1617) angefertigt hat. Die hagere, aber doch muskulös dargestellte ältere Frau, die von einem Hund begleitet wird, trägt mehrere Drachenköpfe auf ihrem Haupt. Als Abkömmling des Leviathan könnte sie also als der zu überwindende, zu zerstörende Neid aufgefasst werden.

Die umfassend mythologisch gebildeten Künstler der frühen Neuzeit könnten hier jedoch auch auf Medusa anspielen, eine der Gorgonen, der drei weiblichen Ungeheuer der griechischen Mythologie. Medusas grauenvolles, mit züngelnden Schlangen besetztes Haupt führte bei jedem zur Versteinerung, der sie anblickte. Perseus, einer der zahlreichen unehelichen Söhne von Göttervater Zeus, wurde ausgesandt, das Haupt der Medusa zu holen. Den Blick von diesem Ungeheuer abgewandt, gelang es ihm, ihr den Kopf abzuschlagen. Diesen schenkte er später der Kriegsgöttin Athene, die ihn – zum Schrecken der Feinde – mitten auf ihrem Kampfschild befestigte. Auch von dieser mythologischen Quelle ergibt sich nun ein Zugang zu der uns vorliegenden Darstellung des Neides. Neid ist ein eng mit dem Schauen verbundenes Laster. Im antiken Griechenland zeigte sich der Neid in den Augen der Götter, deren Neid töten konnte. Der „böse Blick“ der neidischen Götter, und natürlich auch Mitmenschen, sollte durch Amulette abzuwenden sein. Noch besser aber war es, den Neid der anderen gar nicht erst hervorzurufen. „Dem Neide wirst Du entgehen, wenn Du verstehst, Dich im Stillen zu freuen“, verkündete der römische Philosoph Seneca. Der berühmte Freiherr von Knigge (1752–1796) schlug später in die gleiche Kerbe: „Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! Krame nicht zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichtum, Deine Talente aus! Die Menschen vertragen selten ein solches Übergewicht ohne Murren und Neid!“ Dann aber legte er noch nach: „Tue nicht zu viel für Deine Mitmenschen! Sie fliehen den überschwänglichen Wohltäter!“ Damit sind wir bei wichtigen psychologischen Aspekten des Neids angelangt, wie sie erst sehr viel später zum Beispiel von Melanie Klein in ihrer Arbeit über „Neid und Dankbarkeit“ (1957) herausgearbeitet wurden. Diese Aspekte werden im Rahmen der nächsten – zeitgenössischen – Abbildung zum Thema Neid zu besprechen sein. Dr. med. Hartmut Kraft

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Biografie Jacob Matham

Jacob Matham wurde 1571 in Haarlem geboren. Er war ein holländischer Kupferstecher, Zeichner und Verleger von Kupferstichen, die er nach eigenen Entwürfen, häufiger aber nach Bildern und Zeichnungen berühmterer Zeitgenossen schuf. Er war der Stiefsohn und Schüler von Hendrick Goltzius (1558–1617), dessen Zeichnungen zu den sieben Lastern und sieben Tugenden er in Kupfer stach. Matham starb 1631 in seiner Geburtsstadt Haarlem.

1.
Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co in Therapie und Seelsorge – Psychologie der 7 Todsünden. Berlin und Heidelberg: Springer 2012.
2.
Flam H: Missgunst als Lebenshaltung: Neid. In: Bellebaum A, Herbers D (Hrsg.): Die sieben Todsünden. Münster: Aschendorff Verlag 2007: 105–34.
3.
Laham SM: Der Sinn der Sünde. Die 7 Todsünden – und warum sie gut für uns sind. Darmstadt: Primus Verlag 2013.
1.Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co in Therapie und Seelsorge – Psychologie der 7 Todsünden. Berlin und Heidelberg: Springer 2012.
2.Flam H: Missgunst als Lebenshaltung: Neid. In: Bellebaum A, Herbers D (Hrsg.): Die sieben Todsünden. Münster: Aschendorff Verlag 2007: 105–34.
3.Laham SM: Der Sinn der Sünde. Die 7 Todsünden – und warum sie gut für uns sind. Darmstadt: Primus Verlag 2013.

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