ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2014Psychoonkologische Versorgung: Ambulant große Defizite

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Psychoonkologische Versorgung: Ambulant große Defizite

PP 13, Ausgabe März 2014, Seite 114

Bühring, Petra

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Beim Deutschen Krebskongress machten die Fachgesellschaften auf Versorgungslücken in der Psychoonkologie aufmerksam. Ein erster Schritt für eine bessere Versorgung ist die gerade veröffentlichte S3-Leitlinie.

Bei der psychosozialen Versorgung von Krebspatienten gibt es große Defizite. Darauf wiesen die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) im Rahmen des 31. Deutschen Krebskongresses Ende Februar in Berlin hin. „Die größten Versorgungslücken bestehen ambulant, auch weil die medizinische Therapie aufgrund der verkürzten Liegezeiten zunehmend in die ambulante Versorgung verlagert wird“, sagte Johannes Bruns, Generalsekretär der DKG. Dort gebe es aber keine ausreichenden Angebote. Auch die niederschwellige psychosoziale Betreuung von Krebspatienten in speziellen Beratungsstellen sei nicht sichergestellt, ergänzte Gerd Nettekoven, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krebshilfe e.V.: „Wir haben weder ein flächendeckendes Netz an Beratungsstellen, noch sind diese regelfinanziert“, kritisierte er.

Eine gesicherte psychosoziale Versorgung durch interdisziplinäre Behandlungsteams bieten im stationären Bereich einzig die zertifizierten Krebszentren an, sagte Bruns. Dort arbeiteten Ärzte, Psychologen, Pflegende, Sozialarbeiter und Physiotherapeuten eng zusammen. Die Zentren kooperierten zudem mit psychotherapeutischen Praxen, die sich auf die Betreuung von Krebspatienten spezialisiert haben.

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500 000 Menschen erkranken pro Jahr neu an Krebs. „Krebserkrankungen sind für die Betroffenen und ihre Angehörigen fast immer seelisch sehr belastend“, sagte Prof. Dr. med. Susanne Singer, Universitätsmedizin Mainz. Etwa die Hälfte der Patienten sei vor allem zu Beginn psychisch stark belastet; ein Drittel der Patienten leide unter so starken Ängsten und Depressionen, dass sie psychotherapeutisch behandelt werden müssten. „Alle Krebspatienten müssen in jedem Fall hinsichtlich ihres Bedarfs gescreent werden“, forderte Singer. Unterversorgt seien vor allem die Patienten mit subsyndromaler Symptomatik.

Am 4. Februar wurde die neue S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung erwachsener Krebspatienten“ veröffentlicht. „Die Leitlinie bildet die Grundlage dafür, dass die Qualität der psychoonkologischen Versorgung besser werden kann“, sagte der Leitlinienkoordinator Prof. Dr. med. Johannes Weis, Klinik für Tumorbiologie der Universität Freiburg, bei einem Symposium der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) Anfang Februar. Sie enthalte Empfehlungen für die psychoonkologische Versorgung für den gesamten Verlauf einer Krebserkrankung für Klinik und Praxis. Viele Krebspatienten litten unter Belastungen wie Distress, Ängsten, Progredienzangst und Depressivität. Zu den psychischen Störungen bei Krebspatienten gehörten affektive Störungen, Angststörungen, Anpassungsstörungen und Suchterkrankungen. „Eine nicht behandelte Depression führt nachweislich zu einer höheren Mortalitätsrate bei Krebspatienten“, erklärte Weis.

Die S3-Leitlinie empfiehlt, bei allen Krebspatienten den individuellen Unterstützungswunsch zu erfragen und Hinweise auf die Informationen und Angebote der Krebsselbsthilfe zu geben. „Krebsselbsthilfegruppen unterstützen sehr, sie sind glaubwürdig, die Teilnehmer sehr offen, und die Gruppen informieren über die Wege im Gesundheitssystem“, bestätigte auch Hilde Schulte, ehemalige Bundesvorsitzende der Frauenselbsthilfe nach Krebs e.V., beim Deutschen Krebskongress. Die Selbsthilfe beeinflusse den Krankheitsverlauf deutlich positiv.

Um die Versorgung zu verbessern, fordern die Deutsche Krebshilfe und die DKG eine geregelte und zuverlässige Vergütung psychoonkologischer Leistungen im stationären und im ambulanten Bereich. Ein möglicher Ansatz sei dafür die bessere Abbildung dieser Leistungen in der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) nach § 116 b SGB V, mit der niedergelassene Ärzte und Kliniken spezielle Angebote für komplexe schwere Krankheiten offerieren sollen. „Damit könnte psychoonkologische Therapie zeitnah an den Ambulanzen angeboten werden, damit die Patienten nicht so lange auf einen Therapieplatz warten müssen“, erklärte Singer.

Bei der ASV von Patienten mit Magen- oder Darmtumoren hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss am 20. Februar allerdings gegen eine leitliniengerechte psychoonkologische Versorgung entschieden. „Psychotherapeutische Leistungen wie Einzel- oder Gruppeninterventionen sind damit nicht im erforderlichen Umfang möglich“, kritisiert die BPtK in einer Pressemitteilung. Diese Entscheidung entspreche nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft und sei fachlich unbegründet.

Petra Bühring

@Die S3-Leitlinie im Internet:
www.aerzteblatt.de/14401

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