ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2014Psychotherapie: Küchenpsychologie
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. . . Der Unsinn beginnt schon mit der Behauptung, dass die bestehenden Kapazitäten angeblich ausreichend sind und man natürlich keine neuen Vertragspsychotherapeuten benötigt, um die Menschen angemessen zu versorgen. Jeder Arzt, jeder Psychotherapeut und jeder Krankenkassenmitarbeiter, der realen Kontakt mit Patienten hat, weiß um den Wahrheitsgehalt dieser sogenannten Prämisse. Aber wie so oft im Gesundheitswesen geht es nicht um die Optimierung der Versorgung von Patienten, sondern ganz brutal um Strategien zur Gewinnmaximierung . . .

Aber selbst der GKV-Spitzenverband muss zugeben, dass es – trotz der nach seiner Auffassung im Grunde ausreichenden Zahl der Behandler – ein Problem mit den Wartezeiten gibt, natürlich vor allem auf dem Land als ein regional begrenztes Phänomen. Ich arbeite übrigens in Hamm, einer Stadt mit circa 181 000 Einwohnern am Rande des Ruhrgebiets, und die Versorgungssituation für die Patienten ist mit einem Wort als katastrophal zu bezeichnen. Und was schlägt der GKV-Spitzenverband vor?

Mehr Leute müssen schneller durch die Praxen geschleust werden. Wenn man weniger Stunden zur Verfügung hat, dann arbeitet man besser und effektiver, und die Patienten werden schneller gesund. Das nennt man in Fachkreisen übrigens „Küchenpsychologie“.

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Zwar sollen wir „indikationsbezogener“ arbeiten, aber die Anzahl der probatorischen Sitzungen kann natürlich erst mal auf drei Stunden gekürzt werden. Das erhöht die „Indikationsbezogenheit“ – alles klar. Genaues Hinsehen und dem Menschen erst einmal zuhören und verstehen, was sein Anliegen ist, das ist schon überflüssig. Und damit die Therapeuten nun endlich ans Arbeiten kommen, dürfen sie erst einmal zwölf Stunden arbeiten, und dann gibt’s eine „obligatorische Wartezeit von sechs Wochen“ bis zum nächsten Behandlungsabschnitt. Natürlich können wir Behandler nicht selbst entscheiden, ob eine Therapiepause Sinn macht – nein, wir brauchen dafür eine neue Vorschrift, die dazu führt, dass

  • chronisch kranke Patienten noch mehr resignieren und abbrechen (= Kosten eingespart = Ziel erreicht)
  • die Behandler mehr Druck bekommen, weil sie die Not sehen und nichts tun können und dann noch mehr behandlungsbedürftige Patienten in der Praxis sitzen haben . . .

Natürlich wird das Gutachtersystem beibehalten. Klar – ich habe nichts anderes erwartet. Und es wird weiterhin vorgeschlagen, den Einsatz psychometrischer Instrumente flächendeckend einzuführen. Was es bringt? Klar! Noch mehr Daten über Menschen, auf die Krankenkassen Zugriff haben . . .

Insgesamt soll eine Psychotherapie demnächst unabhängig vom Verfahren in der Regel nicht länger als 50 Stunden dauern, im Einzelfall entscheidet die Krankenkasse dann möglicherweise unter Einbeziehung der Gutachter. Für viele chronisch kranke oder traumatisierte Menschen bedeutet das eine erhebliche Verschlechterung der Versorgung und wird zu einer Zunahme der stationären Behandlungen führen. Damit ist keinem geholfen. Wenn man sich ernsthaft über eine gute Versorgung der Patienten Gedanken macht, dann kommt man nicht darum herum, sich auch die Frage zu stellen, inwieweit die Psychotherapierichtlinien hier überarbeitet werden müssen. . . .

Und abschließend soll die Abstimmung mit anderen Versorgungsbereichen deutlich verbessert werden . . .

Hier wird die ganze Hilflosigkeit des Systems deutlich: Zwar hab ich keine Alternative, aber ich tu mal so, als gäbe es eine . . . vielleicht zur Beratungsstelle, die dann eine Therapie empfiehlt . . . Welche Alternativen gibt es denn gerade für chronisch kranke Patienten in diesem System? Ich suche diese Alternativen seit Jahren – leider nicht sehr erfolgreich . . .

Dipl.-Psych. Esther Einbrodt-Sterthoff, 59065 Hamm

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