ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2014Psychoanalyse: Nicht repräsentativ
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Tilmann Moser berichtet über seine psychotherapeutische Arbeit „Über ein Jahr . . . vierstündig pro Woche“ mit einer 45-jährigen Patientin, verheiratet, mit drei Kindern und von Beruf selbst Psychotherapeutin. Da er „Resignation und belastende Ohnmachtsgefühle“ spürte und als „keine Chance für einen Erfolg“ bewertete, stellte er ihr die Bedingung, sich von ihrer Familie „vorübergehend“ zu trennen, ansonsten werde er die Behandlung „unterbrechen“. Die Patientin bewegte schließlich ihren Mann zum Auszug, und der Psychotherapeut entdeckte „erschüttert, dass sie sich heimlich geweigert hatte, meinen Vorschlag überhaupt ernst zu nehmen“, und er fühlte sich „regelrecht ausgetrickst“, was er im Folgenden mit der Patientin analysiert zu haben meint.

Ein solches Vorgehen aufseiten eines Psychotherapeuten, der eine psychoanalytische Ausbildung durchlaufen hat, erscheint mir ungeheuerlich. Tilmann Moser gibt hier öffentlich preis, dass er von einer verantwortungsvollen und kunstgerechten Handhabung der Gegenübertragung (eins der wichtigsten Arbeitsmittel in der Psychoanalyse) keine Ahnung (mehr?) hat. Einer Patientin Bedingungen zu stellen, damit eine aussichtsreiche psychotherapeutische Behandlung sinnvoll erscheinen kann, mag im seltenen Einzelfall notwendig sein, sollte dann aber nur vor Aufnahme der Behandlung erfolgen, wo beide (cum grano salis) noch frei wählen können. Hat eine Patientin sich jedoch einmal auf einen Übertragungsprozess eingelassen, so steht sie in dieser induzierten Abhängigkeit unter Schutz. Die mögliche „Not“, in der Gegenübertragung auszuhalten, ist eine Bedingung dafür; der Psychotherapeut mag sich Supervision suchen, wenn er sie nicht zu ertragen vermag. Sofern die Patientin nicht gemeingefährlich agiert, mit einem Abbruch zu drohen – denn was soll eine „Unterbrechung“ einer Psychotherapie vonseiten des Psychotherapeuten sonst sein?! – traumatisiert die Patientin unter Umständen erneut. Ein solches Vorgehen ist durch gar nichts zu rechtfertigen. Dass der Psychotherapeut über den Kopf der Patientin hinweg ein Behandlungsziel festlegt, erscheint als Ausdruck von Anmaßung und Omnipotenz. Die Patientin, die sich in einem regressiven Status emotional gebunden hat, kann sich dagegen nicht wirklich wehren.

Dieser Bericht Tilmann Mosers und seine theoretische Rechtfertigung sind keinesfalls repräsentativ für die Arbeit von Psychoanalytikern. Denn Psychoanalytiker werden sorgfältig und langjährig darin ausgebildet, Gegenübertragungsgefühle für das Verständnis der psychischen Dynamik einer Patientin zu verstehen, nicht gegen sie zu verwerten und der Patientin für die noch so schwere Bearbeitung der Psychodynamik eine verlässliche Begleitung zuzusichern. 

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Dipl.-Psych. Cornelia Puk, 71083 Herrenberg

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