ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2014Ego-State-Therapie: Bis ins Detail nachvollziehbar

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Ego-State-Therapie: Bis ins Detail nachvollziehbar

PP 13, Ausgabe März 2014, Seite 139

Kattermann, Vera

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Die Ego-State-Therapie ist eine der jüngsten Therapieformen der neueren Zeit: Seit etwa 1980 von den US-Amerikanern John und Helen Watkins entwickelt, beschäftigt sie sich mit der Integration voneinander unterscheidbarer, zum Teil abgespaltener Ich-Zustände, die in der Therapie von bindungstraumatisierten Menschen besonders schnell auffallen. Die Ego-State-Therapie beschreibt in neuem Fachvokabular, was die psychoanalytische Objektbeziehungstheorie als Selbst- und Objektrepräsentanzen konzipiert hat und hier bisweilen auch mit dem Begriff der „Introjekte“ umschrieben wird. Im Kern geht es dabei um die Aufspaltung der inneren Welt in einerseits „traumanahe“ Ich-Zustände oder Repräsentanzen, welche die emotionalen Traumafolgen wie Ohnmacht, Hilflosigkeit, Scham und Verletztheit beinhalten. Daneben lassen sich andererseits auch die entgegengesetzten „täternahen“ Zustände mit Gefühlen wie Entwertung, Aggression und Sadismus beobachten, die sich dann häufig im Beziehungserleben der Betroffenen wiederfinden. Vor allem aber werden diese vom Patienten auch gegen sich selbst gerichtet – ein zentraler Kern- und Ausgangspunkt vieler pathologischer Phänomene.

Die Ego-State-Therapie hat ein umfangreiches Konzept ausdifferenziert, wie mit diesen Ich-Zuständen konstruktiv gearbeitet werden kann: wie sie einerseits identifiziert und gegebenenfalls auch vom Patienten imaginativ „bebildert“ werden können und wie ihre allmähliche Integration angeregt werden kann. Kai Fritzsche als der vielleicht wichtigste Ego-State-Vertreter in Deutschland stellt mit seinem umfassenden Buch diese Grundprinzipien dar und zeigt die konkreten Schritte der therapeutischen Bearbeitung auf.

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Dies beinhaltet sowohl die Behandlungsplanung als auch die therapeutische Annäherung an die unterschiedlichen Ich-Zustände. In seinen Kapiteln wird sowohl die Arbeit mit ressourcenreichen Ich-Zuständen als auch mit verletzten und schließlich mit verletzenden, destruktiv wirkenden Ich-Zuständen dargestellt. Fritzsche schreibt in seinem Vorwort, er habe ein Buch „aus der Praxis für die Praxis“ schreiben wollen. Dies ist ihm vortrefflich gelungen, denn er macht dem Leser das konkrete therapeutische Vorgehen bis ins Detail nachvollziehbar und einleuchtend bewusst. Vor allem aber leuchtet aus dem Text auch die besonnene, vorsichtige und zugewandt-liebevolle Grundhaltung des Autors seinen Patienten gegenüber hervor und vermittelt so auch die „Musik“ dieser Therapieform.

Fritzsche schreibt, er beobachte in seinen Seminaren immer wieder zahlreiche Missverständnisse, die durch unterschiedliche therapeutische Sprachen entstünden. Er selbst habe sich eine psychotherapeutische Mehrsprachigkeit angewöhnt, die ihn sich manchmal allerdings fragen lasse, was eigentlich seine Muttersprache sei. Die Ego-State-Therapie als neues Esperanto der Psychotherapie? Fritzsche stellt für sich selbst aber fest, dass es ihm letztlich um ein Verständnis der jeweiligen Sprache der Patienten gehe: „Die Ego-State-Therapie verstehe ich als eine Unterstützung der inneren Übersetzungsfertigkeiten der Patienten mit dem Ziel einer tragfähigen Kommunikation und eines verbesserten Verständnisses für innere Sprachen. Ich bemühe mich in diesem Ansatz um eine Dolmetscherfunktion, die ich im therapeutischen Prozess für eine gewisse Zeit übernehme.“ Sein Buch macht Lust, diese neue Sprache und dieses neue Sprachverständnis zu lernen. Vera Kattermann

Kai Fritzsche: Praxis der Ego-State-Therapie. Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 2013, 328 Seiten, kartoniert, 34 Euro

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