ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2014Psychotherapie und buddhistisches Geistestraining: Hilfreiche Erkenntnisse für die praktische Arbeit

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Psychotherapie und buddhistisches Geistestraining: Hilfreiche Erkenntnisse für die praktische Arbeit

PP 13, Ausgabe März 2014, Seite 140

Behrens, Stefan

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Das sehr umfassende und detailreiche Fach- und Lehrbuch richtet sich an erfahrene Psychotherapeuten. Das Thema ist das spezielle Wahrnehmen verschiedener Bewusstseinszustände als Teil psychotherapeutischer Behandlungsverfahren. Die meisten Beiträge sind dabei anlässlich des Kongresses „Bewusstseinskultur – Begegnung westlicher Psychotherapie und buddhistischer Geistesschulung: Herausforderung und Grenzen“ im April 2012 in Dresden entstanden, an dem neben Klinikern auch Philosophen und Wissenschaftler teilnahmen und inhaltlich bereicherten. Soll heißen, dass die Inhalte des Buches sehr weitreichend und fachübergreifend sind und eine Vielzahl unterschiedlicher Schulen, Grundlagen- und praxisorientierter Forschung integrativ verbinden.

Bezogen auf die psychotherapeutischen Anwendungsgebiete ist mir zwar der buddhistische Hintergrund Linehans’ Dialektisch Behavioraler Therapie zur Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung bekannt, doch öffnete die buddhistische Betrachtung psychodynamischer Therapieverfahren mir noch weiter die Augen. Nach dem etwas mühsamen Durcharbeiten des schwierigen ersten Kapitels, in dem es um die begrifflichen, neurobiologischen sowie aufmerksamkeits- und emotionsregulierenden Grundlagen des Bewusstseins auch mittels Trainings der Meditation geht, fiel das Verständnis um die „Begegnung der Psychoanalyse mit buddhistischen Paradigmen“ (von Ralf Zwiebel) umso leichter.

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Die Entwicklung und vertiefte Betrachtung des Mitgefühls, der Intersubjektivität und auch unterschiedlicher Selbstkonzepte innerhalb der psychodynamischen Therapieverfahren bilden dabei einen weiteren Schwerpunkt im zweiten Abschnitt des Buchs. Dort wird auch die zweite Welle der Buddhismus-Rezeption in der Psychotherapie deutlich, die – im Gegensatz zur ersten, also der Achtsamkeitspraxis in den 80er und 90er Jahren – die transformative Kraft des Mitgefühls, bestmögliche Selbststeuerung und Reflexion des Selbstkonzepts beinhaltet.

Vertieft wird das praxisorientierte Verständnis hierum im dritten Teil, in dem die Konstruktion von Ich, Selbst und Identität in der Betrachtungsweise des Buddhismus und Winnicotts gegenübergestellt und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden. Diesem Pfad folgend erschließen sich in den darauf folgenden Abschnitten tiefer gehende Erkenntnisse und Anregungen, die sich mit Sicherheit und Unsicherheit im Selbsterleben und dem Thema (Selbst-)Vertrauen oder der Stabilität in schwierigen Situationen gebührend und umfassend auseinandersetzen. Das letzte Kapitel setzt schließlich den Therapeuten in den Mittelpunkt und erweitert dies noch um eine fruchtbare Diskussion um Inhalte wie zum Beispiel Arbeitszufriedenheit des Therapeuten, „Burnout-Prävention“, Therapieerfolg oder Wirkfaktoren achtsamer Psychotherapeuten.

Das Buch ist ein grundlegendes Ergänzungs-, wenn nicht derzeit das Standardwerk in der buddhistisch fundierten Auseinandersetzung mit der westlichen Psychotherapie. Als Neuling im Verständnis um die buddhistische Heilslehre ergab sich für mich in der teils schwierigen Arbeit mit diesem Buch eine sehr lohnende Erfahrung, die mir neue, hilfreiche Fingerzeige und Erkenntnisse brachte, die in der psychotherapeutischen Arbeit sehr wichtig sind. Stefan Behrens

Ulrike Anderssen-Reuster, Sabine Meck, Petra Meibert: Psychotherapie und buddhistisches Geistestraining. Schattauer, Stuttgart 2013, 374 Seiten, gebunden, 49,99 Euro

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