ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2014Bildgebung in der Diagnostik von Lungenerkrankungen

MEDIZIN: Editorial

Bildgebung in der Diagnostik von Lungenerkrankungen

Differenziertere Verfahren erfordern eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit

Imaging in the diagnosis of lung disease: more sophisticated methods require greater interdisciplinary collaboration

Dtsch Arztebl Int 2014; 111(11): 179-80; DOI: 10.3238/arztebl.2014.0179

Welte, Tobias

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Die Weiterentwicklung etablierter radiologischer Verfahren wie der Computertomographie (CT) und der Magnetresonanztomographie (MRT) hat die Diagnostik von Lungenerkrankungen wesentlich verbessert. Einhergehend mit der Optimierung der Technik ist es jedoch auch zu einer Differenzierung innerhalb der radiologischen Verfahren gekommen, die vollkommen neue Ansprüche sowohl an die Kooperation von Radiologen und Pneumologen als auch an die dafür notwendigen fachübergreifenden Kenntnisse beider Disziplinen stellt.

Wielpütz et al. beschreiben in dieser Ausgabe (1), bei welchen Lungenerkrankungen welche diagnostischen Verfahren heute eingesetzt werden sollten.

Einsatzbereiche verschiedener Verfahren

Die Vorteile des klassischen Röntgen-Thorax bestehen darin, dass mit dieser Methode zum einen eine geringe Strahlenbelastung einhergeht und zum anderen niedrige Kosten entstehen. Daher ist der Röntgen-Thorax noch immer das Standardverfahren zur orientierenden Erstdiagnostik, vor allem bei infektiösen, malignen und obstruktiven Atemwegserkrankungen (2).

Auch wenn die Strahlenbelastung bei computertomographischen Untersuchungen in den letzten Jahren deutlich reduziert werden konnte, so kumuliert sie bei seriellen Untersuchungen, und trägt dadurch zumindest bei Risikopatienten zum Krebsrisiko bei (3).

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine überzeugenden Ergebnisse, die eine positive Nutzen-/Risikoeinschätzung der computertomographischen Untersuchung als Screeningverfahren erlauben. Der Vorteil in der Frühdiagnostik des Bronchialkarzinoms – zumindest bei Hochrisikopatienten mit langjähriger Raucheranamnese – wird durch den Nachteil der häufigen falschpositiven Befunde, die zu einem erhöhten weiteren diagnostischen Aufwand führen und zudem für die Patienten mit erheblichen psychischen Belastungen verbunden sind, aufgehoben. Die Autoren eines gerade veröffentlichten Cochrane Review (4) sehen zurzeit keine Indikation für ein generelles Bronchial-Karzinom-Screening mit Computertomographie und/oder Sputumzytologie. Weitere große Studien zu diesem Thema werden in mittelbarer Zeit abgeschlossen. Ob sich dadurch jedoch eine andere Einschätzung ergibt, bleibt abzuwarten.

Computertomographie

Computertomographische Untersuchungen sind seit Jahren als Standardverfahren zur Diagnose einer Vielzahl von Lungenerkrankungen bekannt. Die anzuwendende CT-Technik unterscheidet sich jedoch deutlich für so unterschiedliche Erkrankungen wie

  • die akute Lungenembolie
  • die chronische pulmonale Hypertonie
  • interstitielle Lungenerkrankungen
  • Lungeninfektionen
  • Bronchialkarzinom (Staging)
  • Emphysem (Quantifizierung).

Klinisch tätige Mediziner wissen häufig wenig über die vielfältigen Methoden der radiologischen Bildgebung. Was selbstverständlich erscheint, wird im klinischen Alltag leider nicht immer umgesetzt: Nämlich, dass Radiologen im Detail über die klinische Symptomatik und über die an die mit Hilfe der CT-Untersuchung zu klärenden Fragen informiert sein müssen, um eine zielgenaue Diagnostik durchführen zu können.

Ausbildungszeiten in der Radiologie sind in den meisten internistischen Weiterbildungen nicht mehr vorgesehen, der Strahlenschutzkurs vermittelt die Kenntnise zu den lungenerkrankungsspezifischen radiologischen Verfahren nur unzureichend. Die eigene Erfahrung hat gezeigt, dass häufig Doppeluntersuchungen nötig werden, weil die CT-Diagnostik beim ersten Mal nicht der eigentlichen Fragestellung entsprach.

Magnetresonanztomographie

Die Magnetresonanztomographie ist aufgrund der nicht vorhandenen Strahlenbelastung gerade für serielle Untersuchungen eine interessante Alternative. Die Domäne der Magnetresonanztomographie sind Untersuchungen zur Diagnostik vaskulärer Erkrankungen, wie der pulmonalen Hypertonie, oder komplexer Erkrankungen, wie der zystischen Fibrose.

Die Feindarstellung interstitieller Strukturen, wie sie für die Differenzialdiagnostik der bindegewebigen Lungenerkrankungen notwendig ist, bleibt weiterhin die Stärke der Computertomographie. Möglichweise erweitern technische Verbesserungen der MRT deren Untersuchungsspektrum um diese Option. Die Frage ist jedoch, zu welchem Preis?

Ausblick

Wielpütz und Koautoren stellen die Differenzialindikation für verschiedene radiologische Verfahren in der Diagnostik von Lungen- und Bronchialerkrankungen dar. Radiologischen Verfahren werden jedoch auch außerhalb der klinischen Diagnostik in Zukunft neue Aufgaben zukommen.

So könnten bildgebende Verfahren künftig eine wesentliche Rolle in klinischen Studien spielen, weil sie helfen, medikamentös bedingte Veränderungen im bronchiopulmonalen System schneller und genauer abzubilden als bisher. Während die heute in klinischen Studien verwendeten Endpunkte, wie beispielsweise die Lungenfunktionsparameter, nur langsame Veränderungen zeigen und damit Langzeitstudien notwendig machen, um Medikamenteneffekte darzustellen, könnte dies mit bildgebenden Verfahren schneller und besser quantifizierbar gelingen.

Eine Verkürzung der Dauer klinischer Studien würde helfen, Zeit zu gewinnen. Effektive Medikamente wären schneller verfügbar, und es würden erhebliche Kosten gespart – sofern sich geeignete Surrogat-Parameter finden. Translationale, interdisziplinäre Forschungseinrichtungen wurden im Rahmen des vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Deutschen Zentrums für Lungenforschung in Heidelberg, Hannover und München etabliert, um diese Entwicklung voranzutreiben.

Der radiologischen Bildgebung gehört in der Diagnostik von Lungenerkrankungen mehr noch als heute die Zukunft – in Klinik wie in Forschung. Um dies bestmöglich nutzen zu können, kommt einem intensiveren Austausch von praktisch tätigen Ärzten und Radiologen eine wichtige Bedeutung zu.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Tobias Welte
Klinik für Pneumologie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover

Englischer Titel:
Imaging in the diagnosis of lung disease: more sophisticated methods require greater interdisciplinary collaboration

Zitierweise
Welte T: Imaging in the diagnosis of lung disease: more sophisticated methods require greater interdisciplinary collaboration. Dtsch Arztebl Int 2014; 111(11): 179–80.DOI: 10.3238/arztebl.2014.0179

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Wielpütz MO, Heußel CP, Herth FJF, Kauczor HU: Radiological diagnosis in lung disease—factoring treatment options into the choice of diagnostic modality. Dtsch Arztebl Int 2014; 111(11): 181–7. VOLLTEXT
2.
Dalhoff K, Ewig S; on behalf of the Guideline Development Group: Clinical Practice Guideline: Adult patients with nosocomial pneumonia—epidemiology, diagnosis and treatment. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(38): 634–40. VOLLTEXT
3.
Sodickson A, Baeyens PF, Andriole KP, et al.: Recurrent CT, cumulative radiation exposure, and associated radiation-induced cancer risks from CT of adults. Radiology 2009; 251: 175–84. CrossRef MEDLINE
4.
Manser R, Lethaby A, Irving LB, et al.: Screening for
lung cancer. Cochrane Database Syst Rev 2013; 6: CD001991. doi:10.1002/14651858.CD001991.pub3. CrossRef MEDLINE
Klinik für Pneumologie, Medizinische Hochschule Hannover: Prof. Dr. med. Welte
1.Wielpütz MO, Heußel CP, Herth FJF, Kauczor HU: Radiological diagnosis in lung disease—factoring treatment options into the choice of diagnostic modality. Dtsch Arztebl Int 2014; 111(11): 181–7. VOLLTEXT
2.Dalhoff K, Ewig S; on behalf of the Guideline Development Group: Clinical Practice Guideline: Adult patients with nosocomial pneumonia—epidemiology, diagnosis and treatment. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(38): 634–40. VOLLTEXT
3.Sodickson A, Baeyens PF, Andriole KP, et al.: Recurrent CT, cumulative radiation exposure, and associated radiation-induced cancer risks from CT of adults. Radiology 2009; 251: 175–84. CrossRef MEDLINE
4.Manser R, Lethaby A, Irving LB, et al.: Screening for
lung cancer. Cochrane Database Syst Rev 2013; 6: CD001991. doi:10.1002/14651858.CD001991.pub3. CrossRef MEDLINE

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