ArchivDeutsches Ärzteblatt7/1999Betty Ford Center: Qualifizierte Suchttherapie nicht nur für Reiche

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Betty Ford Center: Qualifizierte Suchttherapie nicht nur für Reiche

Dtsch Arztebl 1999; 96(7): A-403 / B-321 / C-295

Mäulen, Bernhard

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LNSLNS In Kalifornien werden alkohol- und drogenabhängige Patienten in einem 28-Tage-Programm meist
sehr erfolgverspechend entgiftet und entwöhnt.
Betty Ford, nach der das Suchttherapie-Zentrum in Rancho Mirage, Kalifornien, benannt ist, konsumierte schon während ihrer Zeit als First Lady im Weißen Haus eine erhebliche Menge an Schmerzmitteln und Alkohol. Mit dem Rückzug aus Washington und dem Beginn dessen, was als glückliche Pensionärszeit im Süden Kaliforniens gedacht war, eskalierten die Suchtprobleme. Betty Ford unterzog sich schließlich einer Entwöhnungsbehandlung im Long Beach Marine Krankenhaus. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrung und ausgestattet mit dem Mut, darüber öffentlich zu sprechen, machte es sich die ehemalige First Lady zur Aufgabe, anderen Abhängigen den Ausbruch aus ihrem destruktiven Lebensstil zu ermöglichen.
Das Betty Ford Center ist darauf spezialisiert, Abhängigkeitserkrankungen zu behandeln. Es verfügt über 80 Betten, jeweils die Hälfte für Männer und für Frauen. Gebaut ist das Zentrum im Pavillon-Stil, die Unterkünfte sind eher einfach. In den einzelnen Pavillons, die jeweils für 20 Patienten gedacht sind, gibt es acht Doppelzimmer und ein Vierbettzimmer. Männer und Frauen sind in verschiedenen Häusern untergebracht und müssen täglich mit aufräumen und saubermachen. Aufgenommen werden Patienten mit verschiedensten Abhängigkeiten, darunter Alkohol, Medikamente, Kokain, Crack oder Heroin. Nicht aufgenommen werden Patienten, die zusätzlich an psychiatrischen Erkrankungen oder schweren Persönlichkeitsstörungen leiden.
Aufnahmebedingung ist, daß sich die Patienten selbst anmelden und nicht etwa vom Partner oder den Eltern angemeldet werden. Vom Erstkontakt an ist die Vorgehensweise im Center strukturiert und streng. Die Therapie funktioniert nur dann, wenn der Patient bereit ist, aus dem Verheimlichen, Lügen und Bagatellisieren auszusteigen und der Wahrheit seiner Sucht standzuhalten.
Es gibt eine Reihe ausländischer Patienten, auch aus Deutschland. In der Regel beträgt die Wartezeit zwei Wochen. Bevor ein neuer Patient das Gelände des Betty Ford Center betreten darf, werden sämtliche Gepäck- und Kleidungsstücke nach mitgebrachten Suchtsubstanzen untersucht. Die Mitpatienten der jeweiligen Hausgruppe, der der Neuankömmling zugewiesen wird, sind die wichtigsten Ansprechpartner. Alles spielt sich während der folgenden 28 Tage in der Gruppe ab. Ausgang in die Stadt gibt es nicht.
Da die meisten noch "auf Stoff sind", wenn sie im Center ankommen, steht zunächst die Entgiftung angstbesetzt im Raum. Hier ist die rauhe, aber dennoch tolerante Unterstützung durch diejenigen, die vielleicht selber erst seit kurzem wieder klar denken und fühlen können, bemerkenswert. Die ärztliche/pflegerische Betreuung ist auf ein Minimum beschränkt. Die Identifikation mit den Mitpatienten soll auch die Überwindung des überzogenen Selbstbildes, des "Ich bin etwas Besonderes, für mich gelten eigene Regeln" erleichtern, das viele Abhängige bewußt oder unbewußt von sich haben. Egal wie bedeutend oder berühmt jemand in der Außenwelt war, hier in der 20köpfigen Hausgruppe ist er oder sie schlicht Bill, der Alkoholiker, oder Jane, die Kokain-Abhängige.
Für jeden kommt der Zeitpunkt, die persönliche Geschichte, die schamvollen Momente der Abhängigkeitskarriere zu erzählen. Jeder ist aber auch Zeuge, wie Patienten nach längerem Aufenthalt wieder gesünder aussehen, freier über sich sprechen und wieder eine gewisse Hoffnung schöpfen. Für die meisten Patienten ist diese Nähe, die aus der gleichen Betroffenheit erwächst, das wichtigste Erlebnis ihrer vierwöchigen Behandlung. Mit der Erfahrung dieser Nähe durchbrechen viele für immer die Isolation der Sucht und übertragen diese positive Gruppenerfahrung auf ihre spätere Selbsthilfegruppe, beispielsweise die Anonymen Alkoholiker. Verstärkt wird das Gruppengefühl durch verschiedene rituelle Komponenten im Patientenalltag wie den Gruppenkreis: Bei jedem Verlassen des Gebäudes stellen sich alle im Kreis auf, legen die Arme auf die Schultern des Nachbarn, sagen den Gelassenheitsspruch auf und brüllen eine Mischung aus Pfadfinder- und Kriegsruf.
Erstaunlich ist das Maß an Verantwortungsgefühl der Gruppenmitglieder untereinander. Wenn beispielsweise Neuankömmlinge in der ersten Woche ihre Therapie abbrechen wollen, sind es meist Mitpatienten, die sie ermutigen, nicht aufzugeben. Der Grund für die starke Gruppenorientierung liegt im persönlichen Erleben der Klinikgründerin Betty Ford, die in ihrer eigenen Therapie immens von der Erfahrung einfacher, mitmenschlicher Nähe profitierte.
Das Therapieprogramm ist kognitiv-behavioristisch ausgerichtet. Der Tag beginnt mit einem 45minütigen Spaziergang, der als Lauftraining, still-meditative Bewegungszeit oder auch als Gruppenspaziergang genutzt werden kann. Nach dem Frühstück findet für alle Patienten ein 30minütiger Vortrag zu den Themen Sucht, gesunde Ernährung, Rauchen, Schuld und Scham, spirituelle Komponenten des 12-Schritte-Programms oder Sexualität ohne Suchtstoffe statt. Täglich um 10 Uhr ist Gruppentherapie angesetzt. Die Therapeuten sind als Suchtberater ausgebildet und bringen meist die Erfahrung eigener Abhängigkeit und langjähriger Abstinenz mit. Primär wird daran gearbeitet, die krankheitsimmanente Verleugnung (denial) zu durchbrechen. Dazu gehört zum Beispiel, daß jedes Gruppenmitglied zehn negative Folgen seines Suchtverhaltens beschreibt. Ist eine Neigung zum Minimieren ("So schlimm wie bei anderen war es bei mir ja nicht") erkennbar, wird die Aufgabe wiederholt. Zusätzlich gibt es recht massive Rückmeldungen aus der Gruppe. Werden Ereignisse weggelassen, etwa solche, die die Familie betreffen, konfrontiert der Therapeut den Patienten mit der Schilderung seiner Angehörigen. Das führt in der Regel zu viel Ärger, manche Patienten erleben sich als Opfer ihrer Umstände, was von den Behandlern nicht unterstützt wird.
Nach dem Mittagessen trägt in der Regel ein Patient seinen ersten Schritt vor. Das heißt, er beschreibt im einzelnen, wie er die Machtlosigkeit gegenüber der Sucht gespürt hat und wie sich sein Leben immer weniger meistern ließ. Dabei wird von den Patienten ein hohes Maß an Selbsterkenntnis, Demut sowie an Ertragen von Scham und Schuld gefordert. Manche bleiben mehr an der Oberfläche, das spürt die Gruppe sofort und drückt es unmißverständlich aus. Weitere Therapiebausteine sind an den Nachmittagen Sport- und Bewegungstherapie im Fitneßraum oder Schwimmbad, eine Gruppe für ältere Abhängige, eine weitere für Patienten mit Trauerprozessen, Einzeltermine mit der Diätberaterin oder den seelsorgerischen Betreuern, klinisch-psychologische Tests oder Zeit für Hausaufgaben, beispielsweise die Lektüre im Blauen Buch der Anonymen Alkoholiker. Nach dem Abendessen steht für alle eine weitere Informationsveranstaltung auf dem Programm und anschließend der Besuch der Selbsthilfegruppe.
Suchterkrankungen wirken sich auf alle Mitglieder einer Familie aus. Der Leidensdruck der Angehörigen ist oft erheblich. Die meisten von ihnen glauben, daß es ihnen allein dadurch wieder besser gehen wird, daß der Trinkende die Flasche stehenläßt. Dies ist in der Regel nicht der Fall. Deshalb hat das Betty Ford Center eine Familienwoche eingerichtet, an der die Angehörigen von rund zwei Dritteln der Patienten teilnehmen.
Die meisten Angehörigen erwarten, daß ihnen das Team zeigt, wie sie den Abhängigen noch besser kontrollieren und Abstinenzbemühungen unterstützen können. Sie werden jedoch schnell darüber aufgeklärt, daß genau dieses Verhalten die Krankheit so lange ermöglicht hat. Die Familien werden darin unterstützt, eine Bilanz ihrer Verluste und Abstriche an Aktivitäten und Lebensfreude zu ziehen, die sie im Verlauf der Suchterkrankung ihres Angehörigen hingenommen haben. In einer überschaubaren Therapiegruppe lernen sie, sich dem eigenen Schmerz, dem Selbstwertverlust und ihren massiven Wut- und Haßgefühlen zu stellen. Ein hoher Prozentsatz der Ehepartner der Abhängigen entdeckt, daß schon in ihrer Herkunftsfamilie ein Elternteil oder beide Alkoholiker waren.
Jugendliche ab 13 Jahren sind in der Familienwoche mit den Erwachsenen zusammen. Kinder zwischen sieben und 13 Jahren haben ihre eigene Gruppe, wo mehr mit gestalterischen Mitteln wie Bildern und Zeichnungen an das Thema der gestörten Familie herangegangen wird. An zwei Abenden sind Selbsthilfegruppen für Angehörige Abhängiger (ALANON) angesetzt. Die Familienmitglieder bleiben in der Familienwoche weitgehend unter sich. Nur für wenige Stunden kommen sie mit dem Suchtkranken zusammen. Für die Patienten ist die Familienwoche meist schwierig, da sie klarer und ohne den Filter eines Suchtmittels hören und fühlen, was sie denen zugefügt haben, die sie lieben.
Kontakt zur Selbsthilfegruppe
Entgegen der Darstellung vieler Boulevardzeitschriften ist das Betty Ford Center nicht primär für die oberen Gesellschaftsschichten konzipiert. Mehr als 90 Prozent der Patienten kommen aus Kreisen, die nicht im Rampenlicht von Film und Showbusineß, Politik oder Management stehen. Viele stammen aus der Mittel-, einige aus der Unterschicht. Dennoch haben sich im Laufe der Jahre viele Berühmtheiten dort einer Therapie unterzogen. Einige haben direkt im Anschluß ihre neugewonnene Abstinenz medienwirksam kundgetan, ein Verhalten, von dem das Team dringend abrät. Auch die berühmtesten und reichsten Patienten müssen die im Betty Ford Center geltenden Therapiebedingungen akzeptieren. Für manche ist es anfänglich unvorstellbar, vier Wochen ohne Handy auszukommen oder mit drei anderen Patienten ein Zimmer zu teilen. Einigen fehlt die Kenntnis grundlegender Lebensfähigkeiten wie Staubsaugen, Waschen oder Kaffeekochen, weil sie es nie zuvor tun mußten. Die Folge sind häufig innere und äußere Kämpfe, bis ein Annehmen der Therapie gelingt. Dann aber stellen viele der VIP-Patienten fest, wie sehr ihre herausgehobene Position mit ihrer Sucht verknüpft war und daß sie sich und ihre Umwelt viel zu lange mit dem goldenen Schein getröstet haben und
die dahinter liegende Einsamkeit, die Zerrüttung der Beziehungen, die zunehmende Sinnlosigkeit nicht wahrnehmen wollten (4).
Eine vierwöchige stationäre Behandlung ist eine sehr kurze Zeit, gemessen an dem Ziel einer dauerhaf-ten Abstinenz. Bei aller Intensität des Programms bleiben wesentliche Wachstumsschritte für die Zeit nach der Entlassung übrig. Um dem gerecht zu werden, wird etwa ab der dritten Behandlungswoche die Nachsorge geplant. Das schließt die Ermittlung der nächstgelegenen AA-Gruppen am Wohnort ein. Angestrebt wird die Teilnahme an 90 Treffen in 90 Tagen! Oft wird noch aus der Klinik der telefonische Kontakt zur Selbsthilfegruppe hergestellt. Für die Patienten, die nach Einschätzung des Teams nicht sofort in ihre Wohn- und Arbeitsumgebung zurückkehren können, wird eine Zwischenlösung erarbeitet. Dies kann die mehrwöchige Teilnahme am Tages-Klinik-Programm des Betty Ford Center oder ein Aufenthalt in einer "trockenen" Wohngemeinschaft sein. Außerdem existiert ein Netz ehemaliger Center-Patienten (Alumni), die sich als Kontaktpersonen für Frischentlassene zur Verfügung halten und die vielen Anfangsprobleme lösen helfen. Manches am Betty Ford Center erscheint denen, die mit deutschen Suchttherapiestätten vertraut sind, ungewohnt. So sieht man in Deutschland in der Regel von der gemeinsamen Behandlung Alkohol- und Heroinabhängiger ab. Hier sind mit therapeutischen Strategien, die nach Suchtmitteln differenzieren, größere Erfolge erzielt worden. Auch im Betty Ford Center unterschieden sich die Patienten mit isolierter Alkoholabhängigkeit von den mehrfach Abhängigen häufig schon rein optisch, mehr noch durch ihre Sprachwahl und ihr Verhalten. Andererseits hat die Abhängigkeit von Kokain, Crack und anderem in den USA in viel stärkerem Maße als in Deutschland die Mittel- und Oberschicht erfaßt, darunter Sportler, Anwälte oder Ärzte. Diese lassen sich mit den Methoden einer behavioristisch-kognitiven Kurzzeittherapie gut erreichen und haben nicht die Defizite langjährig i. v. Drogenabhängiger aus der Szene. Zudem sind vielmonatige Entwöhnungstherapien in den USA nie Methode der Wahl gewesen, wohl auch weil sich das Sozialversicherungsgefüge gänzlich vom deutschen unterscheidet.
Die in Deutschland zunehmend ausgebaute Psychotherapie spielt im Betty Ford Center kaum eine Rolle. Die meisten Therapeuten und leitenden Mitarbeiter bringen zunächst ihre eigene Lebenserfahrung als Abhängige ein und haben dann eine Ausbildung zum Suchtberater durchlaufen. Alles orientiert sich an den 12-SchritteGruppen. Die Überzeugung ist, daß Abhängige in den ersten Monaten der Trockenheit zu einer Therapie eigentlich noch nicht in der Lage seien. Dies deckt sich nicht mit meiner Erfahrung, daß eine gründliche therapeutische Bearbeitung der persönlichen Biographie für viele Suchtpatienten sehr wichtig ist. Jedes Land scheint jedoch ein bestimmtes therapeutisches Credo aufrechtzuerhalten, das nicht leicht zu hinterfragen, geschweige denn zu korrigieren ist.
Herausragend im Betty Ford Center ist ferner das "Professional in Residence Program". Grund dafür ist die betrübliche Erfahrung, daß Suchtkrankheiten und ihre Behandlung im herkömmlichen medizinischen Ausbildungsprogramm viel zu wenig beachtet werden, was leider auf beide Seiten des Atlantik zutrifft (5). So bietet das Center Angehörigen von Gesundheitsberufen die Möglichkeit, für eine Woche am vollstationären Programm und eine zweite Woche an der Familienwoche teilzunehmen. Der Schwerpunkt liegt nicht auf dem theoretischen, sondern dem erfahrungsmäßigen Erkenntnisgewinn. Hautnah und bis zu zehn Stunden pro Tag lebt der Teilnehmer mit den Patienten und läßt sich persönlich berühren.
In einer schönen Umgebung, die die Wertschätzung widerspiegelt, die Patienten hier erfahren, werden im Betty Ford Center in nur 28 Tagen oftmals Leben nachhaltig verändert. Dies spiegelt sich in der Erfolgsquote, die vom medizinischen Direktor des Zentrums, Dr. Gail Shultz, mit einer Einjahres-Abstinenzrate von 62 Prozent angegeben wird. Innerhalb und auch außerhalb der USA genießt die Einrichtung zu Recht einen hervorragenden Ruf, der durch die engagierte Öffentlichkeitsarbeit von Betty Ford, das erhebliche Engagement für die Familien und den Einsatz für die Weiterbildung professioneller Helfer kontinuierlich weitergetragen wird.


Literatur
1. Ford B: Betty - A Glad Awakening. New York: Doubleday, 1987.
2. Anonyme Alkoholiker: Das Blaue Buch. München: AA Interessengemeinschaft, 1976.
3. Mäulen B: Kinder aus Trinkerfamilien. Suchtreport 1993; 4:49-53.
4. Nuber U: Führungskräfte und Alkohol: Ideologie der Unverwundbarkeit. Psychologie heute 1996; 23: 33-35.
5. Mäulen B: Ärzte und Ärztinnen. In J. Gölz (Hrsg.): Moderne Suchtmedizin. Stuttgart: Thieme Verlag, 1998.


Anschrift des Verfassers
Dr. med. Bernhard Mäulen
Arzt für Psychiatrie und
Psychotherapie
St.-Nepomuk-Straße 1/2
78048 Villingen-Schwenningen

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