ArchivDeutsches Ärzteblatt20/1996Therapie mit modernen Glukokortikoiden: Nebenwirkungen sind geringer, als Patienten fürchten

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Therapie mit modernen Glukokortikoiden: Nebenwirkungen sind geringer, als Patienten fürchten

Ajnwojner, Susi

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LNSLNS Glukokortikoide zählen nach wie vor zu den potentesten Mitteln bei chronisch entzündlichen Erkrankungen. Das liegt in erster Linie an ihrem zentralen Angriffspunkt. Im Gegensatz zu nichtsteroidalen Antirheumatika und Acetylsalicylsäure greifen sie in das Entzündungsgeschehen bereits auf DNA-Ebene ein und hemmen die Transkription der für die Entzündungsmediatoren kodierenden Gene und die Freisetzung von Zytokinen. Glukokortikoide vermitteln außerdem die Bildung von Entzündungshemmstoffen.
So entstehen das Enzym Endonuklease, das den vorzeitigen Zelltod von Mastzellen bewirkt, und die Endopeptidase, die Kinine inaktiviert. Glukokortikoide induzieren weiterhin die Bildung von Beta-2Rezeptoren, so daß die Effektivität von Beta-2-Adrenergika bei Asthma erhöht wird, und sie verhindern die Einwanderung von phagozytierenden Zellen in das Zielgebiet. All diese Effekte helfen dabei, den Circulus vitiosus der chronischen Entzündung zu durchbrechen.
Für die häufig lebensrettenden, rasch und effektiv wirksamen Glukokortikoide gibt es in der Behandlung von chronisch entzündlichen Erkrankungen bis heute keine Alternative, erklärte Professor Dr. Peter Rohdewald vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Münster bei einem vom Unternehmen Hoffmann-La Roche unterstützten Presse-Workshop in Frankfurt.
Dennoch würden sie bei chronischen Erkrankungen wegen der Kortisonangst vieler Patienten häufig nicht konsequent angewendet. Nach Ansicht des Wissenschaftlers sei noch zu wenig bekannt, daß bei der Gabe moderner Glukokortikoide dank ihres günstigen Wirkungs-Nebenwirkungsprofils sehr viel seltener eine Osteoporose, cushingoide Symptome oder eine Nebennierenrinden-Suppression zu befürchten seien.


Vorgehen bei Kortisonangst
Glukokortikoide mit einer kurzen Plasmahalbwertszeit und hoher Rezeptorbindungsaffinität seien dabei für die Langzeitbehandlung von Patienten mit schwer beeinflußbarem Asthma bronchiale oder rheumatoider Arthritis offenbar besonders gut geeignet. Cloprednol beispielsweise supprimiert bei im Vergleich zu Prednisolon doppelt so starker antientzündlicher Wirksamkeit die endogene Kortisolproduktion in geringerem Ausmaß und verursacht somit vermutlich weniger der typischen Kortikoidnebenwirkungen.
Um der Kortisonangst vieler Patienten entgegenzutreten, sollten nach Ansicht von Professor Dr. Alfred Wittenborg von der Rheumaklinik St.-Josefs-Krankenhaus, Herne, folgende Regeln berücksichtigt werden: Außer bei absoluten Indikationen sollten Kortikoide nie als erstes Medikament verordnet werden. Sie sollten erst dann zum Zuge kommen, wenn Behandlungsversuche mit NSAR und eine ausreichende physikalische Therapie nicht zum Erfolg geführt haben. Kortikoide sollten rhythmusgerecht, also am besten morgens, gegeben werden. Vor jeder Verordnung müssen Kontraindikationen ausgeschlossen werden. Dazu gehört auch eine Thoraxaufnahme zum Ausschluß einer alten Tuberkulose.
Wie wichtig es ist, das richtige Glukokortikoid auszuwählen, konnte auch Professor Dr. Klaus Helmke vom Klinikum München-Bogenhausen anhand der Ergebnisse einer klinischen Anwendungsbeobachtung bestätigen. Er wertete die Daten von insgesamt 994 Patienten aus, die entweder an kortisonpflichtigen rheumatischen Erkrankungen, Atemwegserkrankungen, Haut- oder anderen immunologischen Erkrankungen litten. Die durchschnittlich 58 Jahre alten Patienten wurden an insgesamt 128 deutschen Zentren 12 Wochen lang mit einer Anfangsdosis von im Median 5 mg Cloprednol behandelt. Eine Begleitmedikation war während der Untersuchung zugelassen. Die Wirksamkeit, gemessen an Schmerzintensität, Griffstärke und BSG bei Patienten mit rheumatoider Arthritis sowie an Vitalkapazität, Peak flow und Sekundenkapazität bei chronisch-entzündlichen Lungenerkrankungen, wurde nach zwei, vier, acht und zwölf Wochen dokumentiert. Zeitgleich sollten Arzt und Patient die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Therapie subjektiv beurteilen.
Dabei zeigte sich, daß sich alle krankheitsspezifischen Parameter in allen Behandlungsgruppen verbesserten. So sei die Schmerzintensität um durchschnittlich 17 Prozent zurückgegangen. Die BSG verlangsamte sich in der ersten Stunde um 49 Prozent. Bei Patienten mit Atemwegserkrankungen stieg die Vitalkapazität um 29 Prozent an, der Peak flow um 55 und die Sekundenkapazität um 37 Prozent. Außerdem konnte bei etwa der Hälfte aller Patienten die Initialdosis im Beobachtungszeitraum auf im Mittel 2,5 mg/die gesenkt werden. Die Verträglichkeit der Cloprednoltherapie beurteilten die Ärzte in fast allen Fällen als sehr gut oder gut, so Helmke. Nur 5,5 Prozent der Patienten berichteten über Nebenwirkungen, wobei am häufigsten Magenschmerzen, Gewichtszunahme, Gastritis, Sodbrennen und gestörte Glukose-Toleranz genannt wurden. 24 Prozent der Patienten, die über gastrointestinale Nebenwirkungen klagten, hatten als Begleitmedikation NSAR eingenommen. Susi Ajnwojner

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