ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2014Körperbilder – Vincent van Gogh (1853–1890): Brutalität der Selbstverletzung

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder – Vincent van Gogh (1853–1890): Brutalität der Selbstverletzung

Dtsch Arztebl 2014; 111(11): [52]

Schuchart, Sabine

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Vincent van Gogh: Selbstporträt mit verbundenem Ohr, 1889, Öl auf Leinwand, 60 × 49 cm: Der Verband über dem rechten Ohr weist auf die frische Verletzung hin, van Goghs durchdringende Augen blicken stoisch, schicksalsergeben ins Leere. So porträtierte sich der Künstler in seinem Atelier kurz nach seiner Selbstverstümmelung, nachdem er gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden war. © Samuel Courtauld Trust, The Courtauld Gallery, London
Vincent van Gogh: Selbstporträt mit verbundenem Ohr, 1889, Öl auf Leinwand, 60 × 49 cm: Der Verband über dem rechten Ohr weist auf die frische Verletzung hin, van Goghs durchdringende Augen blicken stoisch, schicksalsergeben ins Leere. So porträtierte sich der Künstler in seinem Atelier kurz nach seiner Selbstverstümmelung, nachdem er gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden war. © Samuel Courtauld Trust, The Courtauld Gallery, London

Die Geschichte ist so makaber wie mysteriös, denn van Gogh selbst hat nur wenig über die Vorfälle in der Nacht des 23. Dezember 1888 preisgegeben. Doch so viel scheint klar: Nach einem heftigen Streit mit dem Maler Paul Gauguin, mit dem er seit zwei Monaten in Arles seinen Traum einer Künstlergemeinschaft verwirklicht hatte, schnitt sich der nervlich zerrüttete und betrunkene van Gogh mit dem Rasiermesser ein Stück seines Ohrs ab. Danach rannte er los, um Gauguin zu suchen, der, wie er glaubte, für immer gegangen war. Sein verstümmeltes Ohr hatte er eingewickelt in Zeitungspapier dabei, um Gauguin „zu zeigen, was für ein schrecklicher Preis entrichtet worden war“, so die spannende Biografie von Naifeh/Smith. Als er Gauguin auch in dessen bevorzugtem Bordell nicht fand, drückte er das blutige Paket einer Prostituierten in die Hand und schleppte sich nach Hause. Erst am nächsten Tag kam er ins Krankenhaus.

Im Selbstbildnis, heute im Besitz der Londoner Courtauld Gallery, zeigt er sich mit bandagiertem rechtem Ohr und mit Mantel und Pelzmütze gegen die Januarkälte gewappnet. Nur im schmalen Gesicht und der Mütze krümmen sich seine typischen langen vertikalen Pinselstriche. Rechts von ihm weist ein Druck Sato Torakiyos, der sein Atelier schmückte, auf seine Japan-Faszination hin. Die leere Leinwand links mag andeuten, dass von diesem Künstler noch mehr Bilder zu erwarten sind. Van Gogh malte sich um den 7./8. Januar direkt nach seiner Entlassung aus dem Spital. Dafür hatte er kämpfen müssen, denn angesichts der Brutalität seiner Selbstverletzung und seiner wahnhaften Anfälle, die bis zum Jahresende andauerten, wollten ihn die Ärzte in eine der Irrenanstalten in Aix oder Marseille einweisen. Auch den Bruder Theo in Paris galt es zu beschwichtigen: „Um Dich völlig über meinen Zustand zu beruhigen, schreibe ich Dir diese Zeilen“, beginnt einer seiner Briefe im Januar. Dieselbe Absicht, die Dramatik seines Zustands herunterzuspielen, verfolgte er offenbar auch mit seinem Porträt und dessen zweiter Version, einer Dauerleihgabe der Reederfamilie Niarchos im Kunsthaus Zürich. Die kürzlich publizierte These, Gauguin habe van Goghs Ohr im Streit mit seinem Degen abgehauen, erklärten Van-Gogh-Experten jedenfalls für unhaltbar. Sabine Schuchart

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Ausstellung

Permanente Ausstellung

The Courtauld Gallery, Raum 7, Somerset House, Strand, London;

www.courtauld.ac.uk

tgl. 10–18 Uhr

Naifeh S, White Smith G: „Van Gogh: Sein Leben“, geb. Ausgabe, 1 216 Seiten, S. Fischer 2012; 34 Euro

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michelvoss
am Dienstag, 27. Mai 2014, 18:16

S. Naifeh/ G. White Smith: Van Gogh: Sein Leben, 2012, 1200 S., gebunden, 34 €

Kundenrezensionen: http://www.amazon.de/review/3100515102/
Leseprobe: http://www.fischerverlage.de/media/fs/308/LP_978-3-10-051510-0.pdf

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