ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2014Ärztliche Versorgung in der Republik Moldau: Unterwegs im Armenhaus Europas

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Ärztliche Versorgung in der Republik Moldau: Unterwegs im Armenhaus Europas

Dtsch Arztebl 2014; 111(11): A-446 / B-386 / C-370

Fleck, Klaus

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Moderne Standards bei privaten Anbietern, Ärztemangel und Unterfinanzierung im öffentlichen Sektor – viele Patienten sind auf fremde Hilfe angewiesen.

Foto: mauritius images
Foto: mauritius images
Zu sehen, wie Medizin und Gesundheitsversorgung außerhalb Deutschlands funktionieren, ist spannend. Manchmal lernt man dabei zu schätzen, was man im eigenen Land hat. Klagen von Patienten oder Ärzten über die Verhältnisse zu Hause können sich da leicht relativieren. Ein Besuch in einer Landarztpraxis in der Republik Moldau (Moldova), der ehemaligen Sowjetrepublik Moldawien: Das kleine Land zwischen Rumänien und der Ukraine ist eines der ärmsten Länder Europas. Im privaten Gesundheitssektor bemerkt man davon wenig. Die Zahnklinik in der Hauptstadt Chișinǎu (deutsch: Kischinau) hat ein schickes Interieur, moderne Geräte, Videobildschirme zur Patientenunterhaltung, die Behandlung durch den Chef persönlich ist freundlich und zuvorkommend.

Doch am nächsten Morgen folgt das Kontrastprogramm. Es geht in den „Punct Medical“, die Arztpraxis des Dorfes Chioselia im Südwesten des Landes. Für die etwa 140 Kilometer lange Strecke von der Hauptstadt in die 1 500-Seelen-Gemeinde braucht der moldauische Fahrer circa drei Stunden. Hin und wieder fährt er unfreiwillig kleine Umwege, weil es an richtungsweisenden Straßenschildern mangelt. Vor allem aber muss er immer wieder sogar auf den großen Überlandstraßen plötzlich stark bremsen und in Schrittgeschwindigkeit Schlaglöcher umfahren.

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Spartanische Verhältnisse

Von außen sieht der Flachbau, in dem die Praxis untergebracht ist, eigentlich recht passabel aus. Drinnen wird gerade renoviert, das Sprechzimmer ist jedoch in Betrieb. Der erste Eindruck: sehr spartanisch. Es gibt eine Waage für Erwachsene und eine für Babys, auf dem Tisch ein Blutdruckmessgerät. An der Wand über dem Handwaschbecken hängt ein wenige Liter fassender Wasserspender. Man benutzt ihn wie einen Seifenspender, ein Ventil gibt auf Druck eine kleine Menge Wasser in die Handfläche frei. Wenn das Wasser im Behälter aufgebraucht ist, wird neues dafür vom nächsten Brunnen geholt.

Das Team besteht aus der jungen Ärztin Irina sowie den Krankenschwestern Irina und Nina. Wie funktioniert die medizinische Versorgung in und um Chioselia? „Ich versorge hier und in Nachbarorten ein Gebiet mit etwa 3 000 Einwohnern“, sagt die Ärztin. Sie ist die einzige Medizinerin dort, eine Vertretung hat sie nicht. In den Landarztpraxen, so schätzt sie, würden mehr als doppelt so viele Haus- beziehungsweise Familienärzte gebraucht als verfügbar sind.

Apparate fehlen fast völlig

Doch den Personalmangel im Gesundheitswesen zu beseitigen, erscheint derzeit fast illusorisch. Nicht zuletzt, weil sehr viele junge Menschen wegen der in Moldau schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen nach ihrer Ausbildung ins Ausland gehen. So verdienen junge Mediziner in ihrem Heimatland meist weniger als 250 Euro brutto im Monat (also weniger als zwölf Euro am Tag), der durchschnittliche Monatslohn in der Allgemeinbevölkerung liegt unter 200 Euro. Bleiben sie im Land, wollen viele junge Ärzte statt im Gesundheitswesen auch lieber etwa in der Industrie oder der Wirtschaft arbeiten, wo sie mehr verdienen können.

Immerhin sei die medizinische Versorgung im Allgemeinen besser als zu Zeiten der Sowjetunion, ist die persönliche Meinung der beiden Krankenschwestern. So gebe es mehr und bessere Medikamente, zumindest in den Städten bessere medizinische Apparate und kürzere Wartezeiten für medizinische Konsultationen und Behandlungen. Krankenversichert ist aber längst nicht jeder – je nach persönlicher Situation können dann bereits einfache Medikamente „unbezahlbar“ sein.

Arzneimittel für den Basisbedarf beziehungsweise Erste Hilfe sind im Punct Medical von Chioselia vorhanden. Medizinische Apparate hingegen fehlen fast völlig. „Wir können hier noch nicht einmal selbst die Blutzucker- oder Cholesterinwerte unserer Patienten messen, von EKG-Untersuchungen ganz zu schweigen“, sagt Ärztin Irina. Es fehlt dabei nicht nur an Geld für die Anschaffung der Geräte. Ein Blutzuckermessgerät kostet umgerechnet zwar nur um die 50 Euro, deutlich mehr schlagen hier aber die laufenden Kosten für die Teststreifen zu Buche. Für drei bis vier Blutzuckermessungen pro Tag betragen sie zum Beispiel mehr als 500 Euro im Jahr. Da es in der Hausarztpraxis von Chioselia dafür kein Geld vom Staat gibt, ist man auf Spendengelder angewiesen, um der Gemeindebevölkerung solche Leistungen anbieten zu können.

Großer Bedarf besteht auch bei der gesundheitlichen Aufklärungsarbeit, bei der Krankheitsfrüherkennung und -prävention. Am besten scheinen Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern und Jugendlichen zu funktionieren. Das erläutern die Krankenschwestern anhand eines für jeden jungen Patienten angelegten Hefts, in dem regelmäßige Untersuchungen und eventuelle Behandlungen dokumentiert werden. Was die Erwachsenen angeht, so spielen wie in westlichen Ländern kardiovaskuläre Erkrankungen eine große Rolle. Vielen Menschen nur unzureichend bekannt ist aber, warum Früherkennung so wichtig ist und wie man diesen und anderen Krankheiten vorbeugen kann.

Auf fremde Hilfe angewiesen

Einige Zahlen verdeutlichen die gesundheitliche Situation der moldauischen Bevölkerung. Die Menschen sterben dort im Durchschnitt zehn Jahre früher als in Deutschland: Die mittlere Lebenserwartung in Moldau beträgt 71 Jahre (Männer 67, Frauen 75 Jahre), gegenüber 81 Jahren in Deutschland (Männer 78, Frauen 83 Jahre). Ebenso drastisch sind die Unterschiede zwischen beiden Ländern bei dem für die Gesundheit zur Verfügung stehenden Geld: Gemäß einer weiteren WHO-Statistik beliefen sich im Jahr 2010 die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit in Deutschland auf 4 668 US-Dollar, in der Republik Moldau hingegen waren es gerade einmal 190 US-Dollar.

In Chioselia und anderswo

Blick auf die Arztpraxis im Dorf Chioselia. Foto: K. Fleck
Blick auf die Arztpraxis im Dorf Chioselia. Foto: K. Fleck
im Land sind deshalb viele Menschen auf fremde Hilfe angewiesen, damit einigermaßen für ihre Gesundheit gesorgt werden kann. Solche Unterstützung leistet zum Beispiel die Evangelische Moldovahilfe Berlin e.V. (www.moldovahilfe.de). Zwischenzeitlich konnte sie der Arztpraxis mit Spendengeld ein Blutzucker- und Cholesterinmessgerät inklusive Teststreifen für ein Jahr finanzieren. Auch die Renovierung der Räumlichkeiten wurde unterstützt. Nun hoffen die Ärztin und die Krankenschwestern, dass durch weitere finanzielle Hilfe unter anderem auch einmal ein EKG-Gerät für ihre Patienten angeschafft werden kann.

Dr. med. Klaus Fleck

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