ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2014Sterbehilfe: Assistierter Suizid als letzte Option

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Sterbehilfe: Assistierter Suizid als letzte Option

Dtsch Arztebl 2014; 111(11): A-461 / B-397 / C-381

Dornberg, Martin

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Es ist bedauerlich, dass in Deutschland beim Thema des „assistierten Suizids“ (AS) und der „aktiven Sterbehilfe/Tötung auf Verlangen“ (TaV) weiter ein in Teilen von Ängsten und Anklagen geprägtes Diskussionsklima herrscht. Aktuell wird erneut diskutiert, rechtliche Regelungen dazu leider weiter einzuschränken. Stattdessen sollte aus meiner Sicht bei AS und TaV in engen Grenzen (a) und mit klar regulierten Verfahren (b) von einer Strafverfolgung abgesehen werden, wie dies beim AS in der Schweiz oder beim AS und der TaV in den Niederlanden der Fall ist.

Aus meiner langjährigen Praxis als Internist, Geriater und Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie erlebe ich immer wieder Menschen, die als „letzte Option“ und „nach Durchführen sämtlicher (!) Behandlungsmaßnahmen“ bei dann weiter therapierefraktären Beschwerden nachvollziehbar um Maßnahmen des AS oder der TaV nachsuchen.

Ich habe mehrere Fälle erlebt, dass allein die Möglichkeit, einen AS in der Schweiz durchzuführen, das Prozedere zu kennen und „alles schon organisiert zu haben“, Menschen mit therapierefraktären Beschwerden geholfen hat, diese besser auszuhalten und gerade dadurch dann gegebenenfalls den AS doch nicht mehr vollziehen zu müssen.

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Bei der Begleitung solcher Fälle müssen allerdings möglichst alle Beteiligte psychotherapeutisch geschult werden, um mit den bei solchen Vorgängen regelhaft auftretenden schweren Gegenübertragungsreaktionen (traumatische Abwehr, Projektion, Identifikation mit dem Aggressor) umgehen zu lernen. Dass diese Reaktionen auftreten, kann allerdings kein Argument sein, Menschen mit therapierefraktären Beschwerden solche Maßnahmen rechtlich vorzuenthalten.

Bei therapierefraktären Beschwerden kann ein assistierter Suizid unter Umständen auch durch einen kompletten Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit ersetzt werden, wie in der Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin im DÄ 3/2014 zu Recht festgestellt wird. Für diese Möglichkeit müssen aber gesellschaftliche Formen medizinischer Begleitung geschaffen und eingeübt werden. Auch sie müssten psychologische Maßnahmen in oben genanntem Sinne umfassen.

Sterbehilfeorganisationen können hier eine Hilfe sein. Sie sollten nicht verboten, sondern gefördert werden. Zugleich bedarf es hier gesellschaftlicher Kontrollmechanismen, um finanzielle Eigeninteressen auszuschließen.

Dr. med. Dr. phil. Martin Dornberg , 79104 Freiburg

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Avatar #87252
advokatus diaboli
am Freitag, 14. März 2014, 04:39

"Tötung auf Verlangen" - Bemerkenswertes Statement eines Arztes

Die Zuschrift des Arztes überzeugt und ist insofern bemerkenswert, als dass hierin in engen Grenzen bei einem klar regulierten Verfahren auch die Tötung auf Verlangen als eine Option der Sterbehilfe gesehen wird.

Dem ist beizupflichten, auch wenn gelegentlich von einem Sterbehilfeverein hierzulande die These gestreut wird, dass es wohl keinen gäbe, der die "aktive Sterbehilfe" ernsthaft propagiere.

Der gegenwärtige Sterbehilfediskurs sollte sich auch dieser Problematik stellen, zumal in Kenntnis des Umstandes, dass manche schwersterkrankte resp. sterbende Menschen nicht mehr selbst zur "Tatausführung" aufgrund ihrer Erkrankung fähig, aber gleichwohl willens sind.

Ob in dem freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (ggf. auch über den Weg der terminalen / finalen / palliativen Sedierung) eine Alternative zum assistierten Suizid erblickt werden kann, erscheint diskussionswürdig. Zumindest sollten diese Optionen der frei verantwortlichen Lebensbeendigung in einem Berartungsgespräch mit kompetenten Begleitern resp. Ärzten erörtert werden.

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