ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2014Allgemeinmedizin: Interesse wecken schon im Studium

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Allgemeinmedizin: Interesse wecken schon im Studium

Dtsch Arztebl 2014; 111(11): A-450 / B-383 / C-367

Bödecker, August-Wilhelm

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Mit dem Lehrangebot „StudiPat“ werden die Studierenden an der Universität zu Köln in Hausarztpraxen unterrichtet. Es sei eine gute Alternative zum geforderten Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin im praktischen Jahr, meinen die Initiatoren.

Studierende in Hausarztpraxen? An der Kölner Universität ist das ab dem ersten Semester Pflicht. Foto: your photo today
Studierende in Hausarztpraxen? An der Kölner Universität ist das ab dem ersten Semester Pflicht. Foto: your photo today

Die Sorge um die künftige hausärztliche Versorgung treibt derzeit sowohl die Ärzte als auch die politisch Verantwortlichen zur Eile, Fördermaßnahmen und neue Konzepte zu entwickeln. Seit Jahren zeichnet sich ab, dass die Absolventen des Medizinstudiums in immer geringerer Zahl danach streben, in selbstständiger Niederlassung zu arbeiten. Insbesondere ist zu erkennen, dass die Allgemeinmedizin als Prototyp der wohnortnahen, umfassenden Grundversorgung aller Altersgruppen und Erkrankungen an Attraktivität verloren hat. Vor allem im ländlichen Raum bleiben bereits heute viele Hausarztsitze unbesetzt.

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Stärkere Präsenz an den Unis

An allen Hochschulen sind inzwischen Lehreinrichtungen für Allgemeinmedizin entstanden, die als Lehrstuhl, Institut oder Schwerpunkt Allgemeinmedizin die hausärztliche Arbeitswelt in das Curriculum einbringen. Blockpraktika, Famulaturen und freiwillige Abschnitte im praktischen Jahr (PJ) sind etabliert. Um die Allgemeinmedizin weiter zu stärken, wird derzeit folgendes Modell diskutiert: Das PJ soll nicht mehr in Tertiale, sondern in Quartale eingeteilt werden. Einen dieser Abschnitte sollen die PJler obligatorisch in einer Hausarztpraxis absolvieren. Damit wäre allerdings ein enormer Aufwand verbunden. Es bestünde ein erheblicher Bedarf an qualifizierten Ausbildungspraxen. Außerdem wäre ein beträchtlicher Widerstand der Studierenden zu erwarten.

Das Kölner Modell „StudiPat“

Durch den Schwerpunkt Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln wird seit nunmehr zehn Jahren das Programm „StudiPat“ durchgeführt. StudiPat seht für „studienbegleitende Patientenbetreuung“. Es hat sich ein Netz von derzeit 216 Ausbildungspraxen etabliert, die unentgeltlich an der studentischen Ausbildung mitwirken. Im Rahmen dieses Pflichtprogramms müssen die Studierenden bereits im ersten Semester eine hausärztliche Praxis auswählen. Der Praxisinhaber stellt dem Studierenden einen Patienten vor, dessen gesundheitliche Entwicklung er während der folgenden vier Jahre zu beobachten und zu dokumentieren hat. Inhalte der semesterweise zu erstellenden Dossiers sind die biografischen Daten, die Anamnese, Beschreibung der chronischen und akuten Krankheiten, die diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen sowie individuelle Coping-Strategien. Es erfolgt außerdem eine kritische Reflexion – entsprechend den aktuellen medizinisch-ärztlichen Kenntnissen des Studierenden. Darüber hinaus geht es um den Umgang mit den Gegebenheiten des Gesundheitssystems.

Die Dossiers werden von den Lehrbeauftragten kommentiert und bewertet. Am Ende gibt es eine Note, die gemeinsam mit der Note für das Blockpraktikum in die Examensnote einfließt. Ein starres Schema für die Dossiererstellung existiert nicht, vielmehr sollen die Studierenden ein hermeneutisches Fallverständnis entwickeln. Gerade die Langzeitbetreuung multimorbider und chronisch kranker Patienten macht die hausärztliche Tätigkeit konkret erlebbar.

„StudiPat“ ist zeitlich und logistisch aufwendig. Aufbauend auf den Erfahrungen der vergangenen Jahre gibt es inzwischen einen Modus, der sowohl die Interessen der Studierenden als auch der Lehrenden sowie des Dekanats berücksichtigt und konsensuiert ist. Stellungnahmen von Studierenden in den Abschlussdossiers bestärken uns darin, dass wir einen Weg gefunden haben, die Allgemeinmedizin angemessen zu lehren und Interesse für das Fach zu wecken – auch bei denen, die in ihrem späteren Berufsleben andere Wege gehen. Wir halten, gemeinsam mit Vertretern unserer Studentenschaft, dieses Lehrmodell für sinnvoller als ein PJ-Pflichtvierteljahr.

Prof. Dr. med. August-Wilhelm Bödecker
Schwerpunkt Allgemeinmedizin,
Universität zu Köln

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