ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2014Chronische Migräne bei Kindern und Jugendlichen: Kognitive Verhaltenstherapie ist sehr gut wirksam

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Chronische Migräne bei Kindern und Jugendlichen: Kognitive Verhaltenstherapie ist sehr gut wirksam

Dtsch Arztebl 2014; 111(12): A-511 / B-436 / C-420

Heinzl, Susanne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Für Kinder und Jugendliche mit chronischer Migräne steht bisher noch keine früh anwendbare, sichere und wirksame Therapie zur Verfügung. In einer randomisierten Studie wurde untersucht, ob zusätzlich zu Amitriptylin die kognitive Verhaltenstherapie (cognitive behavioral therapy, CBT) im Vergleich zu Aufklärung und Beratung die Zahl der Kopfschmerztage reduzieren kann.

135 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 17 Jahren (79 % weiblich), die unter mittelschwerer bis schwerer chronischer Migräne litten, nahmen teil. Diese Migräneform war definiert als mehr als 15 Tage mit Kopfschmerzen pro Monat sowie mehr als 20 Punkte im Pediatric Migraine Disability Assessment Score (PedMIDAS). Im PedMIDAs stehen 0–10 Punkte für keine bis wenige Kopfschmerzen, 11–30 für leichte Kopfschmerzen, 31–50 für moderate und > 50 Punkte für schwere Einschränkungen.

Alle Patienten erhielten Amitriptylin in einer Zieldosis von 1 mg/kg Körpergewicht täglich und wurden randomisiert mit CBT (n = 64) oder mit Aufklärungsgesprächen und Beratung zur Lebensführung (n = 71) behandelt. Es fanden jeweils insgesamt 10 einstündige Sitzungen statt (für 8 Wochen 1/Woche), zusätzlich je eine Therapiestunde in Woche 12 und 16. Primärer Endpunkt war die Zahl der Kopfschmerztage nach 20 Wochen.

129 Kinder und Jugendliche beendeten das 20-Wochenprogramm, die Daten von 124 konnten nach einem Jahr erneut analysiert werden. Zu Studienbeginn litten die Patienten an durchschnittlich 21 Kopfschmerztagen, der PedMIDAS lag im Mittel bei 68 Punkten. Nach 20 Wochen hatte die kognitive Verhaltenstherapie zu einer Reduktion der Kopfschmerztage um 11,5, im Kontrollarm um 6,8 Tage geführt (Differenz 4,7 Tage; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 1,7–7,7; p = 0,002). Der PedMIDAS sank mit CBT um 52,7 Punkte, in der Vergleichsgruppe um 38,6 Punkte (p = 0,01). Bei 66 % der Patienten der CBT-Gruppe wurden die Kopfschmerztage um mehr als 50 % verringert und bei 36 % in der Vergleichsgruppe (Odds Ratio [OR] 3,5; p < 0,001). Nach einem Jahr berichteten 86 % der CBT-Teilnehmer eine > 50 %-ige Reduktion der Kopfschmerztage, in der Kontrollgruppe nur 69 % (p = 0,002). Die Therapie wurde in beiden Gruppen gut vertragen. Nach Ansicht der Autoren sollte die kognitive Verhaltenstherapie bei Migräne im Kindes- und Jugendalter häufiger angewandt werden, unter Umständen sogar als Erstlinientherapie mit medikamentöser Unterstützung.

Zahl der Kopfschmerztage pro Monat vor, während und nach Behandlung im Studiensetting
Zahl der Kopfschmerztage pro Monat vor, während und nach Behandlung im Studiensetting
Grafik
Zahl der Kopfschmerztage pro Monat vor, während und nach Behandlung im Studiensetting

Fazit: „Die Studie bestätigt, dass kognitive Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen mit chronischer Migräne besonders wirksam ist“, kommentiert Prof. Dr. med. Dr. phil. Stefan Evers, Chefarzt der Neurologischen Klinik Lindenbrunn und Generalsekretär der International Headache Society. Die Gabe von Amitriptylin sei nicht nachzuvollziehen, weil für diese Substanz keine Evidenz für eine Wirksamkeit in der Altersgruppe vorliege: „Standardtherapie wäre eigentlich ein Betablocker. In früheren Studien konnte bereits gezeigt werden, dass die Kombination aus Verhaltenstherapie mit einem Betablocker wirksamer ist als die Einzeltherapien. Es wäre interessant gewesen, diesen Ansatz mit der Studie noch einmal zu überprüfen.“

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Powers SW, et al.: Cognitive behavioral therapy plus amitriptyline for chronic migraine in children and adolescents: a randomized clinical trial. JAMA 2013; 310: 2622–30. MEDLINE

Zahl der Kopfschmerztage pro Monat vor, während und nach Behandlung im Studiensetting
Zahl der Kopfschmerztage pro Monat vor, während und nach Behandlung im Studiensetting
Grafik
Zahl der Kopfschmerztage pro Monat vor, während und nach Behandlung im Studiensetting

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema