ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2014Akutversorgung nach Vergewaltigung: „Wir dürfen niemanden wegschicken“

POLITIK

Akutversorgung nach Vergewaltigung: „Wir dürfen niemanden wegschicken“

Dtsch Arztebl 2014; 111(12): A-493 / B-421 / C-405

Spielberg, Petra

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In Frankfurt/M. profitieren Vergewaltigungsopfer seit einem Jahr von einem speziellen Angebot zur medizinischen Akutversorgung. Das Modell könnte bundesweit Schule machen.

Die Stadt Frankfurt/M. geht seit einem Jahr neue Wege bei der Betreuung von Vergewaltigungsopfern. Denn seit Februar 2013 steht den Betroffenen in der Mainmetropole eine standardisierte medizinische Akutversorgung in sieben Kliniken offen, unabhängig davon, ob sie Anzeige erstattet haben oder nicht. Die Einrichtungen arbeiten dabei eng mit dem Institut für Rechtsmedizin und dem Frankfurter Frauennotruf zusammen.

Eine solche Vernetzung ist bundesweit bislang eher unüblich. Stattdessen kommt es immer wieder vor, dass die Opfer nicht wissen, an wen sie sich wenden können oder sogar abgewiesen werden, wenn sie notfallmedizinische Hilfe ohne vorherige polizeiliche Anzeige in Anspruch nehmen wollen.

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Eine Pflicht zur Anzeigeerstattung besteht jedoch nicht. „Niemand muss Anzeige erstatten“, sagt Angela Wagner von der Beratungsstelle Frauennotruf Frankfurt. Viele vergewaltigte Frauen brauchten zudem Bedenkzeit, um zu entscheiden, ob sie ein Ermittlungsverfahren in Gang setzen wollen, ergänzt Dr. Sonja Pilz vom Krankenhaus Frankfurt Höchst. „Dennoch darf ihnen ärztliche Hilfe deswegen nicht verweigert werden.“

Beim Frankfurter Modell können die Betroffenen zwischen drei Optionen wählen: eine rein ärztliche Untersuchung, eine ärztliche Untersuchung mit Spurensicherung ohne Einschalten der Polizei sowie eine ärztliche Untersuchung mit Spurensicherung und polizeilicher Ermittlung. Das Frankfurter Institut für Rechtsmedizin bietet außerdem an, sichergestelltes Material und Befunde zwölf Monate aufzubewahren. Die Frauen haben so die Möglichkeit, bis zu einem Jahr nach der Tat Anzeige zu erstatten.

Ziel ist es, die Hürden für die Inanspruchnahme einer ärztlichen Akutversorgung zu senken und die Anzeigebereitschaft zu steigern. „Frauen, die Gewalt erfuhren, brauchen schnelle Hilfe“, so Rosemarie Heilig vom Frankfurter Amt für Gesundheit. Mit Hilfe von Fortbildungsveranstaltungen und standardisierten Handlungsanweisungen soll das Modell zugleich niedergelassene Ärzte und Kliniken für die Behandlung von Gewaltopfern sensibilisieren und ihnen mehr Rechtssicherheit vermitteln.

Bei der medizinischen Versorgung von Vergewaltigungsopfern sind nach Aussage der Rechtsmedizinerin Dr. Lilly Graß von der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf nämlich einige Besonderheiten zu beachten. „Bei der Untersuchung der Betroffenen sollten Ärzte auch sehr genau auf Bagatellverletzungen, wie Kratzer an der Nase oder Einblutungen in die Bindehaut, achten und diese dokumentieren, da dies für eine mögliche weitere Ermittlungsarbeit bedeutsam sein kann.“ Das Gleiche gelte für die Dokumentation von Negativbefunden. „Bei der Gewaltopferversorgung sollten Ärzte zudem anders als bei der klassischen ärztlichen Befundung grundsätzlich die Regel ,mehr Deskription, weniger Interpretation‘ beherzigen“, so Graß.

Ein bei der Beratungsstelle Frauennotruf erhältlicher speziell entwickelter Dokumentationsbogen für die Untersuchung von Gewaltopfern sowie eine sogenannte Med Doc Card sollen den Ärzten die Befunddokumentation erleichtern. Pilz hat die Erfahrung gemacht, dass seit Beginn des Modells deutlich mehr Frauen von dem Angebot einer Akutversorgung Gebrauch machen. Allein im Klinikum Höchst seien es zwei- bis dreimal so viele wie noch vor Februar 2013. Die meisten Betroffenen kämen in Begleitung der Polizei. Die Möglichkeit der anonymen Spurensicherung nutzten dagegen nach wie vor nur wenige Betroffene.

Eine medizinische Soforthilfe von Vergewaltigungsopfern durch niedergelassene Ärzte findet dagegen auch in Frankfurt bislang kaum statt. „Für eine ausführliche forensische Untersuchung ist in den Praxen zudem gar keine Zeit“, erklärt die Gynäkologin Dr. med. Corinna Vogt-Hell. Pilz bestätigt: Eine ärztliche Untersuchung mit Spurensicherung dauere im Schnitt ein bis anderthalb Stunden. „Das können auch kleinere Krankenhäuser meist nicht leisten, zumal der Aufwand nicht vergütet wird“, so die Gynäkologin. Vogt-Hell sieht sich und ihre niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen hingegen vor allem bei der Nachsorge der Betroffenen in der Verantwortung.

Petra Spielberg

Veranstaltungen

  • 2. April, 10–17 Uhr: Fachtagung zum Frankfurter Modell in Frankfurt a. M., Anmeldung und weitere Infos unter unter www.frauennotruf-frankfurt.de/tagung
  • 12. April, 10–17 Uhr: ärztliche Fortbildung zum Frankfurter Modell in Frankfurt a. M., weitere Infos unter www.frauennotruf-frankfurt.de

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