ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2014Soziale Medien: Regeln in der virtuellen Welt

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Soziale Medien: Regeln in der virtuellen Welt

Dtsch Arztebl 2014; 111(12): A-487 / B-418 / C-402

Krüger-Brand, Heike E.

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Eine Handreichung der Bundes­ärzte­kammer erläutert an praktischen Beispielen, worauf Ärzte und Medizinstudierende bei der Nutzung sozialer Medien achten sollten.

Wenn ein Assistenzarzt im interkollegialen Austausch über ein soziales Netzwerk seine Oberärztin als „blöde alte Stasischnepfe“ bezeichnet, kann er sich damit Probleme einhandeln. Denn häufig ist unklar, welcher Personenkreis Zugang zu solchen privaten Äußerungen im Netz hat, und so kann es passieren, dass ein Arbeitskollege diesen Eintrag liest und weiterträgt. Ebenso gilt: Diffamierende Kommentare im Internet, die gezielt die Reputation einer anderen Person beschädigen, sind nicht erlaubt. Sie können nicht nur berufsrechtliche, sondern auch straf- und zivilrechtliche Konsequenzen für den Urheber haben.

Neben solchen mehr oder weniger schwerwiegenden Fauxpas oder Verstößen, die im realen wie auch im virtuellen sozialen Leben vorkommen (und geahndet werden), gibt es jedoch auch Risiken, die nicht so offensichtlich sind. Wenn beispielsweise ein angestellter Arzt eines Krankenhauses auf seiner Seite in einem sozialen Netzwerk detailliert über einen speziellen tragischen Krankheitsverlauf berichtet, kann dies zu einer Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht führen, auch wenn er den Patienten und das Krankenhaus nicht namentlich erwähnt. Häufig nämlich können Anonymisierungsversuche im Internet einfach unterlaufen werden, indem sich durch Zusatzinformationen, die an anderer Stelle verfügbar sind, konkrete Zuordnungen herstellen lassen.

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In der Handreichung „Ärzte in sozialen Medien“ hat das Dezernat Telemedizin und Telematik der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) anhand von zehn Fallbeispielen zusammengestellt, wo mögliche Probleme für Ärzte und Medizinstudierende liegen und wie man ihnen begegnen kann. „Die Nutzung sozialer Medien ist für viele Millionen Menschen weltweit selbstverständlich geworden – so auch für Ärzte, Medizinstudenten und Patienten“, heißt es dazu in der Handreichung. Vor allem die jüngeren Generationen, die mit Facebook, Twitter, Chats und Blogs aufgewachsen sind, wollen die Möglichkeiten dieser interaktiven Kommunikationswege weder privat noch beruflich missen.

Bestimmte Aspekte des Social Web erfordern aus ärztlicher Sicht jedoch eine besondere Sorgfalt in der Handhabung, damit die beruflichen und ethischen Standards der Ärzteschaft eingehalten werden und insbesondere die Arzt-Patient-Beziehung geschützt bleibt (Kasten). Daher hatte sich bereits der 115. Deutsche Ärztetag 2012 mit diesem Thema befasst und in Anlehnung an eine Erklärung des Weltärztebundes Empfehlungen für Ärzte zum Umgang mit sozialen Medien zusammengestellt (www.bundesaerztekammer.de/downloads/Empfehlungen_Aerzte_in_sozialen_Medien.pdf). In den Empfehlungen werden die positiven Aspekte sozialer Medien wie etwa die Stärkung der Patientenautonomie ausdrücklich anerkannt.

Gleichzeitig werden aber auch kritische Aspekte thematisiert: So können diese Medien beispielsweise eine direkte persönliche Beratung durch einen Arzt nicht ersetzen. Die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem können leichter verschwimmen. Der Datenschutz kann sowohl durch technische Gegebenheiten als auch durch eine unangemessene Nutzung gefährdet werden. Mit der jetzt veröffentlichten Handreichung kommt die BÄK dem Wunsch des Ärztetages nach, zusätzlich zu den Empfehlungen eine „praktische Anleitung“ für Ärztinnen und Ärzte zum Umgang mit sozialen Medien zu entwickeln.

Heike E. Krüger-Brand

@Handreichnung der BÄK:
www.aerzteblatt.de/14487

3 Fragen an . . .

Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Telematikausschusses der Bundes­ärzte­kammer

Inwiefern können Ärzte von sozialen Medien profitieren?

Bartmann: Soziale Medien haben ihren Stellenwert in der gesundheitlichen Aufklärung und in anderen Bereichen der öffentlichen Gesundheit. Aber auch für den einzelnen Arzt bieten sie Möglichkeiten – etwa zum fachlichen Austausch mit Kollegen. Der Riesenvorteil ist, dass über soziale Medien Informationen gezielter vermittelt und ausgetauscht werden können.

Sollten sich die Ärzte mehr in sozialen Medien engagieren?

Bartmann: Wenn die Regeln beachtet werden, spricht nichts gegen eine breitere Nutzung – im Gegenteil. Ärztinnen und Ärzte werden sich in ihrem Kommunikationsverhalten der Bevölkerung weiter annähern müssen. Wenn ein Großteil der Kommunikation heute in sozialen Medien stattfindet, sind diese Kanäle auch für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung nutzbar und bedeutsam. Im Zentrum steht aber auch in Zukunft das direkte Arzt-Patient-Gespräch, das ein Höchstmaß an Vertraulichkeit garantiert. Die Herausforderung wird sein, wie sich um diesen Vertrauensraum herum soziale Medien vermehrt einsetzen lassen.

Wo liegen die größten Risiken für die Ärzte?

Bartmann: Die ärztliche Schweigepflicht und der Datenschutz müssen immer im Hinterkopf behalten werden. Wichtig ist auch, die Grenze zur Fernbehandlung einzuhalten. Zudem sollte der Arzt Risiken aufseiten der Patienten berücksichtigen. Nutzer von sozialen Medien stellen häufig bereitwillig private Informationen über sich ins Netz. Dies ist bei gesundheitsbezogenen Fragen tunlichst zu vermeiden, da diese Form der Selbstoffenbarung dem Patienten schaden kann.

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Avatar #685047
vothoms
am Freitag, 16. Mai 2014, 12:47

Geschlossene Ärztenetzwerke sind eine sichere Alternative

Es ist sicherlich sinnvoll, dass die Bundesärztekammer einen derartigen Leitfaden herausgegeben hat. Allerdings sollte man betonen, dass die Möglichkeit, sich überhaupt in sozialen Netzwerken auszutauschen, Ärzten zu Gute kommt und die ansonsten hauptsächlich über Kongresse und Fachpublikationen stattfindende Kommunikation sinnvoll ergänzt.
Es gibt geschlossene Netzwerke wie esanum, die anders als Facebook oder Google+ nur approbierten Medizinern offen stehen. Damit lässt sich sicherstellen, dass sich nur Ärzte auf diesen Plattformen austauschen, was zum einen die Qualität des Dialogs steigert, zum anderen eben auch Probleme mit der Schweigepflicht komplett ausschließt.
Ärzte kennen ihre Verantwortung und sind sich ihrer Schweigepflicht sehr wohl bewusst. Trotzdem ermöglicht esanum beispielsweise seinen circa 70.000 Mitgliedern, Beiträge auf Wunsch vollständig anonym zu schreiben oder zu kommentieren - ohne Nennung des Namens oder Krankenhauses. Das Redaktionsteam von esanum sichtet zudem die geschriebenen Beiträge und würde den Urheber darauf aufmerksam machen, wenn beispielsweise Patientennamen oder zu detaillierte Informationen zu einer Person preisgegeben werden - in sieben Jahren, die das Netzwerk jetzt existiert, war das noch nicht ein einziges Mal notwendig, was für die Professionalität der Ärzte im Umgang mit dem Internet spricht.
Plattformen wie Facebook oder Google+ sind einfach keine Netzwerke, in denen man vertrauliche Informationen jeglicher Art austauschen sollte. Das gilt umso mehr, wenn man den Aspekt der Weitergabe von Informationen und Daten beider Unternehmen an staatliche Stellen wie Geheimdienste berücksichtigt - siehe NSA-Skandal.
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