ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2014Von schräg unten: Schwierige Diagnose

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Schwierige Diagnose

Dtsch Arztebl 2014; 111(12): [64]

Böhmeke, Thomas

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Alltag. Benigne Extrasystolie. Stabile KHK. Übergewichtiger Diabetes. Aber es kommt vor, dass sich ein Patient mit einer Problematik vorstellt, die absolut knifflig ist. Die den Detektiv in uns weckt; den Wolf, der die Ursache beim Genick packt. „Herr Doktor, ich habe da etwas auf dem Herzen, ich muss Sie etwas fragen, was mich zutiefst beschäftigt!“ Nur zu. „Ich habe einem Ihrer Kollegen viel zu verdanken, er hat durch seine Diagnose mein Leben gerettet.“ Soll vorkommen. „Also, das war so, ich wollte mich erkenntlich zeigen, ich kam mit einem riesengroßen Strauß Blumen und einer Flasche exzellentem Wein zu ihm in die Praxis.“ Das ehrt Sie. Und weiter? „Als er mich sah, wurde er kreidebleich und stürzte schreiend aus dem Sprechzimmer. Ich war ganz traurig, dass ich ihm kein Dankeschön sagen konnte.“ Das ist in der Tat höchst merkwürdig, geradezu bizarr. „Jetzt frage ich Sie: Was kann das gewesen sein, was das in Ihrem Kollegen ausgelöst hat?“ Oh. Ich bin zwar nur Kardiologe, würde aber, so wie Sie das schildern, auf eine Panikattacke schließen. „Aber dafür gibt es doch keinen Grund! Ich wollte mich nur bedanken!“ Hm.

Das ist in der Tat eine sehr, sehr schwierige Diagnose. Lassen Sie uns die Sache doch mal analysieren. Er hat einen guten Job getan, und Sie wollten sich dafür erkenntlich zeigen, er kriegt die Krise und flüchtet. Was könnte es für Dissonanzen geben, die eine solche, zugegebenermaßen völlig inadäquate Reaktion hervorrufen? „Das ist ja mein Problem, das ist mir völlig rätselhaft!“ Sie wollten ihn beschenken. Ich bin kein Jurist, aber könnte es sein, dass der Tatbestand einer Vorteilsannahme erfüllt ist? „Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen.“ Na ja, es soll ja schon vorgekommen sein, dass Staatsoberhäupter über derartige Verstrickungen gestürzt worden sind. „Ach, ich verstehe, was Sie meinen. Nein, das halte ich für ausgeschlossen. Ihr seid keine Beamten, ihr seid ja uns verpflichtet, außerdem: Welcher geldwerter Vorteil würde sich aus Blumen und Rotwein ergeben?“ Hmmm. Vielleicht würde sich dieser Vorteil ergeben, wenn er das Bukett und den Barolo weiterverkauft? „Wie bitte?!“ Es wäre ja denkbar, dass ein übereifriger Staatsanwalt ein Problem mit der Gewerbesteuer wittert. „Also, Herr Doktor Böhmeke, ich bitte Sie! Das ist entschieden zu schräg!“ Stimmt, da haben Sie auch wieder recht. So schlecht geht es uns auch wieder nicht, als dass wir es nötig hätten, geschenkte Flaschen auf dem Schwarzmarkt zu verhökern.

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Schwierig, schwierig. Lassen Sie mich nachdenken. Halt, ich hab’s. „Ja, was?!“ Ich kenne einen Kollegen, der seiner Ehefrau durch eine geniale Diagnose das Leben gerettet hat. „Und?“ Dann kam die Dissoziation, und seine Frau hat eine grenzenlose Schmerzfreiheit bewiesen, ihn bei der Scheidung über den Tisch zu ziehen, sie hat jeden Cent aus ihm herausgepresst. Der arme Teufel hat etliche Jahre unterhalb des Sozialhilfeniveaus vegetiert, sich dann aber wieder bekrabbelt. „Das ist eine wirklich traurige Geschichte. Aber was hat das mit meinem Problem zu tun?“ Nun, er hat wieder geheiratet. Jetzt kommt es: Auch die zweite Ehefrau bewahrte er durch eine geniale Diagnose vor einem qualvollen Tod. Kurz danach hatte sie nichts Besseres zu tun, als ihn um Kopf und Kragen zu klagen. „Nein! Das ist absurd, geradezu ekelhaft! Das kann nicht wahr sein!“ Ist es aber. Seitdem kriegt er Panikattacken, wenn er eine gute Diagnose stellt.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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