ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2014Psychische Folgen des Rauchstopps: Mentale Gesundheit bessert sich nach der Entwöhnung

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Psychische Folgen des Rauchstopps: Mentale Gesundheit bessert sich nach der Entwöhnung

Dtsch Arztebl 2014; 111(13): A-552 / B-476 / C-456

Siegmund-Schultze, Nicola

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Eine Reduzierung von Stress, depressiver Stimmung und Angstgefühlen geben viele Raucher als Grund für Nikotinkonsum an und dafür, dass sie trotz des Wissens um körperliche Schäden nicht aufhören zu rauchen: Sie fürchten, es könne ihnen psychisch schlechter gehen. In einer Metaanalyse von 26 Studien sind britische Forscher der Frage nachgegangen, welche Folgen eine erfolgreiche Raucherentwöhnung auf die Psyche hat. Ausgewählt wurden Longitudinalstudien, in denen die psychische Gesundheit von kontinuierlichen Rauchern und von solchen, die aufgehört hatten, erfasst wurde, bei letzteren im Zeitraum vor bis mindestens 6 Wochen nach dem Rauchstopp (bis zu 8 Jahren). Die Studienteilnehmer umfassten Populationen mit und ohne psychiatrische Diagnosen. Die Teilnehmer hatten einen Konsum von durchschnittlich 20 Zigaretten täglich angegeben, waren im Durchschnitt 44 Jahre alt und zu 48 % männlich. Die Effekte wurden als standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD) angegeben, jeweils bis zum längsten Zeitpunkt der Beobachtung von ehemaligen und aktuellen Rauchern. Minuswerte zeigen Besserungen der Symptome an. Für Angstsymptome betrug die SMD –0,37 (95-%-Konfidenzintervall [KI]) –0,70 bis –0,03), für Depression –0,25 (95-%KI –0,37 bis –0,12), für die Kombination Angst/Depression –0,31 (95-%-KI –0,47 bis –0,14) und für Distress –0,27 (95-%-KI –0,40 bis –0,13). Die Lebensqualität hatte sich bei Nikotinentwöhnten im Vergleich zu Rauchern verbessert (SMD –0,22), ebenso das Empfinden positiver Gefühle (–0,40). Die Effekte unterschieden sich nicht zwischen Teilnehmern mit und ohne psychiatrische Diagnosen, und sie waren mit p-Werten zwischen 0,03 und 0,001 statistisch signifikant.

Fazit: Eine Raucherentwöhnung ist mit einer Besserung der psychischen Befindlichkeit assoziiert. Die Effekte sind nach Angaben der Autoren mindestens so groß wie solche, die bei Antidepressiva oder Anxiolytika gefunden wurden.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Taylor G, McNeill A, Girling A, et al.: Change in mental health after smoking cessation: systematic review and meta-analysis. BMJ 2014; 348: g1151; doi: 10.1136/bmj.g1151

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Avatar #587509
ralf29
am Freitag, 3. Oktober 2014, 01:02

Gegen Zwangsbehandlung - Für Rauchverbote

Ich bin grundsätzlicher Gegner von Zwangsbehandlungen in der Psychiatrie. Die Verabreichung von Medikamenten gegen den erklärten Willen eines Patienten ist strafwürdige Körperverletzung selbst dann, wenn sie "gut gemeint" erfolgt.
Im Unterschied zur Zwangsbehandlung ist auch ein erzwungener Rauchstopp keine Körperverletzung, Rauchverbote gibt es in ganz vielen Bereichen, als Brandschutzgründen, zum Nichtraucherschutz, in Schulen zum Jugendschutz, an Arbeitsplätzen. Daß da ausgerechnet Krankenhäuser, die der Gesundheit dienen, das Weiterrauchen der Patienten dulden, ist geradezu widersinnig.
Avatar #672534
anstas
am Dienstag, 29. April 2014, 21:07

ja

Mit dem Rauchen aufzuhören verringert die Symptome von Depression, Angst und Stress, bessert die Gemütslage und fördert die Lebensqualität. Dieser Effekt ist bei Menschen mit psychischer Erkrankung genauso stark wie bei Gesunden und entspricht im Fall von Depressionen und Angststörungen mindestens dem von Antidepressiva“, fassen die Autoren ihre Erkenntnisse zusammen. Klar bei spezielle Krankheiten wie Krebs noch wichtiger. Hier spielen auch gesundes Essen und Leben eine Rolle, mehr Infos dazu: http://www.fortimel.de/patienten/bedeutung-ausreichender-ernaehrung/wenn-naehrstoffe-fehlen/gegensteuern-aber-wie/
Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 15. April 2014, 15:22

auch eines erzwungenen Rauchstopps?

Finden Sie es wirklich so toll, Herr Kollege, den Rauchstopp erst einmal unabhängig von der Selbstbestimmung des Patienten durchzusetzen? Geht das nach dem Motto: Wenn schon Freiheitsentziehung, dann aber richtig? Wenn Sie denn den Rauchstopp haben wollen, dann tun Sie gefälligst Ihre Arbeit richtig und überzeugen Sie die Patienten, sich selbst für den Rauchstop zu entscheiden.
Auch der "Saufstopp" bessert die psychische Gesundheit der Patienten nachhaltig - hält aber meist nur bis zur Türschwelle nach draußen!
Avatar #587509
ralf29
am Mittwoch, 9. April 2014, 21:48

Rauchstopp in die Psychiatrie

Vielen Dank an Nicola Siegmund-Schultze für den Hinweis auf den wichtigen Beitrag.
Der Fakt, den jeder aufmerksame Psychotherapeut schon längst intuitiv erfaßt hatte, und den wirklich niemanden überraschen dürfte, ist jetzt evidenzbasiert, statistisch durch eine aufwendige Metaanalyse bewiesen: Der Effekt des Rauchstopps eines psychisch Kranken ist mindestens so groß wie der Effekt gängiger Psychopharmaka.
Taylor G, McNeill A, Girling A et al.: Change in mental health after smoking cessation: systematic review and meta-analysis. BMJ 2014; 348: g1151; doi: 101136/bmj.g1151
http://www.bmj.com/highwire/filestream/686502/field_highwire_article_pdf/0/bmj.g1151
Und was folgt daraus?
Nun müssen sich alle Psychiater und psychiatrischen Krankenhausbetreiber, die das Weiterrauchen ihrer Patienten dulden, fragen, ob sie wirklich an der Gesundung ihrer Patienten interessiert sind. Nach dem Grundprinzip ärztlichen Handelns primum nil nocere ist also die Raucherentwöhnung das Mittel der ersten Wahl bei psychischen Erkrankungen, denn sie wirkt auch stärker als Medikamente. Die Nebenwirkungen des Rauchstopps sind bekanntlich positiv, wie z. B. Verbesserung der Herz-Lungenfunktion, geringeres Krebsrisiko. Die Nebenwirkungen von Psychopharmaka, wie z. B. Herzrhythmusstörungen, Impotenz stehen demgegenüber, Medikamente wären allenfalls dritte Wahl. Es ist nicht zu rechtfertigen, daß psychiatrische Kliniken, die einerseits keine Skrupel haben, Zwangsbehandlungen gegen den erklärten Willen ihrer Patienten durchzuführen, andererseits eine Scheu davor haben, ein ausnahmsloses Rauchverbot während der Behandlung durchzusetzen.

Dr. med. Ralf Cüppers
Arzt für Psychotherapeutische Medizin
Mühlenholz 28 A, 24939 Flensburg
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