ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2014Menschen mit Behinderungen: Aus der Anstalt in die Mitte der Gesellschaft

KULTUR

Menschen mit Behinderungen: Aus der Anstalt in die Mitte der Gesellschaft

Dtsch Arztebl 2014; 111(13): A-562 / B-482 / C-462

Meisner, Judith

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Die lebensgroße Figur der Rollifahrerin gestalteten behinderte Menschen. Weiße Figürchen symbolisieren die 550 Euthanasie-Opfer aus den Alsterdorfer Anstalten. Ein blinder Mensch schuf das farbige Relief „Freundschaft“. Die Barbie-Puppe im Rollstuhl als Beispiel für eine junge Frau mit Muskelschwund. Fotos: Judith Meisner
Die lebensgroße Figur der Rollifahrerin gestalteten behinderte Menschen. Weiße Figürchen symbolisieren die 550 Euthanasie-Opfer aus den Alsterdorfer Anstalten. Ein blinder Mensch schuf das farbige Relief „Freundschaft“. Die Barbie-Puppe im Rollstuhl als Beispiel für eine junge Frau mit Muskelschwund. Fotos: Judith Meisner

Das Museum für Hamburgische Geschichte zeigt die Ausstellung „Geht doch! – Inklusion erfahren“.

Das 150-jährige Bestehen der Evangelischen Stiftung Alsterdorf nimmt das Museum für Hamburgische Geschichte zum Anlass, mit der Erlebnis-Ausstellung „Geht doch! – Inklusion erfahren“ die Situation von Menschen mit Behinderungen zu beleuchten. Die Schau in der Hansestadt gliedert sich in drei Teile: zwei thematisieren die geschlossene Anstalt gegenüber dem heute angestrebten Miteinander und der Inklusion. Ein Übergangsbereich stellt den Begriff der Normalität infrage. Eine Installation zeigt, wie die Menschen mit Behinderungen von 1860 bis 1979 in dem damals noch Alsterdorfer Anstalten genannten Asyl gelebt haben.

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Pastor Heinrich Matthias Sengelmann gründete 1863 ein Heim für vier geistig behinderte Jungen in Alsterdorf, damals noch ein Vorort Hamburgs. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges lebten bereits 1 000 Patienten auf dem Areal. Im Nationalsozialismus wurden die Anstalten zu einem „Spezialkrankenhaus für alle Arten geistiger Defektzustände“. Die sogenannte Euthanasie, die auf Sozialdarwinismus beruhende Ermordung von Menschen, die nicht zum volkswirtschaftlichen Nutzen beitrugen, wurde schon seit 1920 im konservativen Lager diskutiert. Als erstes verschwanden nach 1933 jüdische Insassen. Insgesamt wurden 550 Menschen deportiert und ermordet.

Auch nach 1945 blieben die Ideen der Nazis maßgebend. Moderne Grundsätze der Psychiatrie fassten in Deutschland erst sehr langsam Fuß. So gab es keinen Rückzugsraum, und Privatsphäre war Fehlanzeige: Eine etwa DIN A 4 große, 15 Zentimeter hohe Holzkiste musste für die Besitztümer des Bewohners ausreichen. Das sollten im wesentlichen Süßigkeiten von Verwandten sein. Es gab keine Schublade, keinen Schrank, und schon gar nicht ein eigenes Zimmer. Wenn jemand unzufrieden war und seinen Unmut lautstark kundtat, wurde er mit der sogenannten Schutzjacke gefesselt, zum „Ruhigstellen“. Dass ihre Anwendung verboten war, interessierte niemanden. Beides, die Kiste und die Zwangsjacke in der Vitrine, wecken schauerliche Assoziationen.

1979 erlebte der Zivildienstleistende Daniel Karasek in den Alsterdorfer Anstalten bigotte Pfleger, die ihn an das freudlose Personal in Bergmann-Filmen erinnerten. Die fürchterlichen hygienischen Zustände machte Daniel Karasek zusammen mit Reportern der Wochenzeitung „Die Zeit“ publik.

In der Ausstellung gilt es, viele Knöpfe zu drücken, auch Kinder dürfen alles anfassen und ausprobieren. Barbie-Puppen stellen Menschen mit Behinderungen dar. Das verfehlt nicht seine Wirkung, weder Barbie mit langen roten Haaren im Rollstuhl noch der smarte Ken, ihr Boyfriend, mit Blindenstock. Dass die Gesellschaft noch einen weiten Weg zurückzulegen hat, bis alle Menschen in der sozialen Mitte ankommen können, zeigt ein Blick auf einen Busfahrplan in der Schau. In Hamburg muss ein Rollifahrer dreimal mehr Zeit einkalkulieren als ein Fußgänger.

Judith Meisner

Informationen: „Geht doch! – Inklusion erfahren“ im Museum für Hamburgische Geschichte, Holstenwall 24, 20355 Hamburg. Bis 21. April. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonnabend 10–17 und Sonntag 10–18 Uhr. www.hamburgmuseum.de

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