ÄRZTESTELLEN

Burn-out-Prävention: Die psycho-physischen Abwehrkräfte stärken

Dtsch Arztebl 2014; 111(13): [2]

Will, Markus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Die Resilienz, die körperliche wie mentale Abwehrkraft, ist trainierbar.

Foto: picture alliance
Foto: picture alliance

Viele Ärzte und Therapeuten glauben, sie seien unverwundbar. Gehört es doch zu ihrem Beruf, zu helfen, immer für ihre Patienten da zu sein, stets eine Antwort auf alle Fragen zu haben, Vertrauen und Stärke auszustrahlen. Da darf man sich Schwächen nicht nur nicht leisten, oft verbieten sich der Arzt und Therapeut schon die Frage nach der eigenen Befindlichkeit und gehen so permanent über die eigenen Grenzen hinweg, oft eben bis zur völligen psychischen und physischen Erschöpfung.

Daher verwundert es nicht, dass das Suizidrisiko bei Ärzten etwa doppelt so hoch ist wie in der Gesamtbevölkerung, bei Ärztinnen ist es sogar viermal so hoch, was an der Doppelbelastung Familie/Beruf liegen mag (1). Bei den vollendeten Suiziden führen die Psychiater die Rangliste an, gefolgt von Anästhesisten, Chirurgen und Internisten.

Bei einer anonymen Befragung von 900 Psychiatern und Nervenärzten der Universität Ulm auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) im Jahr 2006 gaben 45 Prozent an, schon einmal eine depressive Episode erlitten zu haben. In der Allgemeinbevölkerung erkranken laut Robert-Koch-Institut knapp zwölf Prozent einmal im Leben an einer Depression.

Drei Burn-out-Phasen

Ärzte und Therapeuten sind eben auch „nur“ Menschen, und zwar Menschen in herausragender gesellschaftlicher Position, die eine große Verantwortung tragen. Und so durchlaufen auch sie die typischen drei Burn-out-Phasen, die schließlich in der Lähmung und depressiven Erschöpfung münden, häufig ohne es zu realisieren oder erst, wenn sie in der Endphase angekommen sind (2):

  • Die Leitsymptome der Phase I sind Aggressivität und Aktivität, häufig Überaktivität. Getrieben vom hohen Anspruch, emotional und intellektuell immer präsent zu sein, stets unter hohem Zeitdruck arbeitend, dabei weitgehend fremdbestimmt zu sein und unter hohem wirtschaftlichen Druck zu stehen bei gleichzeitig häufig unklaren gesetzlichen Rahmenbedingungen und hoher intrinsischer Motivation, holen die Mediziner und Therapeuten das Letzte aus sich heraus. Wirklicher Leidensdruck ist in diesem Stadium selten.
  • In Phase II kommt es zunehmend zu Flucht und Rückzug. Die Betroffenen beginnen, ihre Situation zu realisieren, und der Leidensdruck wächst. Allerdings nehmen sie sich selbst und ihre Bedürfnisse nicht mehr richtig wahr. So wird zum Beispiel durch die Flucht in sportliche Überaktivitäten die Kompensation versucht, die aber misslingt. Es folgt ein sukzessiver sozialer Rückzug, der Kontakt zu den Patienten wird minimiert, Mitmenschlichkeit und Empathie verringern sich. Dies wird mit dem Begriff der Depersonalisation zusammengefasst.
  • Die Phase III ist schließlich durch Isolation und Passivität gekennzeichnet. Alkohol-, Nikotin- oder Tablettenmissbrauch stellen einen inadäquaten Fluchtversuch dar. Die Leitreaktion der Phase III ist die Lähmung. Oft wird in dieser Endphase erst die eigene Situation realisiert, der Leidensdruck steigt erheblich an, so dass jetzt erst Hilfe gesucht wird. Suizidgedanken sind in dieser Phase häufig. Es fühlt sich für den Betroffenen wie ein vollständiges Erstarren an, es ist das Gefühl der Gefühllosigkeit – eine schwere Depression.

Soweit muss es aber nicht kommen. Ärzte und Therapeuten können rechtzeitig die Notbremse ziehen oder – noch besser – ihre Resilienz, ihre psycho-physische Abwehrkraft, frühzeitig trainieren und so stärken.

Medizinern sollten bereits während der Ausbildung Methoden der Resilienzstärkung beigebracht werden. Es geht hierbei zunächst darum, die eigene Persönlichkeit kennenzulernen, seine individuellen Fähigkeiten, aber auch die Belastungsgrenzen und diese zu akzeptieren und zu respektieren. Die emotionale Stabilität, also die innere Sicherheit und Gelassenheit, die Fähigkeit zur Kontrolle der eigenen Emotionen, kann man gezielt trainieren. So baut sich ein gesundes Selbstwertgefühl auf. Hierzu bieten sich Seminare an, ein Coach oder ein ausgebildeter Kollege oder Psychotherapeut.

Die Rolle seines Lebens

Zur Resilienzstärkung ist es wichtig, auch seine kognitiven Fähigkeiten zu stärken, was bedeutet, zielgerichtet zu denken und die Gedanken auf das Gute auszurichten. So geraten der Mediziner und Therapeut erst gar nicht in die Opferrolle, sondern gehen mit einer proaktiven Grundhaltung durch ihr Leben, nehmen also eine aktive und initiative Rolle ein, was ein hohes Maß an Selbstwirksamkeitsüberzeugung nach sich zieht. Dies ist ein besonders wichtiger Resilienzfaktor.

Die Resilienz wird darüber hinaus erhöht durch tragfähige Sinnkonzepte: Sich dem Sinn des eigenen Lebens anzunähern und dies als Leitlinie zu nutzen, ist der Hauptfaktor für Erfüllung und Zufriedenheit. Solange der Mensch sich am Außen orientiert, an der Welt der Begrifflichkeit und Vergänglichkeit, an den Meinungen anderer und übernommener Lebensmuster, findet er schwerlich die Rolle seines Lebens.

Natürlich fördern eine intakte Familie, ein Freundeskreis, das Vereinsleben und sportliche Aktivitäten die psycho-physischen Abwehrkräfte wie auch beispielsweise das Erlernen und Praktizieren von Entspannungsverfahren, der Meditation oder von Yoga.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass jeder Mensch seine Resilienz, seine körperliche wie mentale Abwehrkraft, gezielt trainieren kann. Dabei geht es darum zu lernen, den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, sich im Loslassen und Akzeptieren der Dinge zu üben, nicht Fehler zu suchen, sondern Lösungen anzustreben, gut für sich zu sorgen, neugierig, flexibel und lernbereit zu bleiben und in einem Lernprozess den eigenen Lebenssinn zu finden.

Dr. med. Markus Will, Attendorn

Anzeige
1.
Reimer C, Trinkaus S, Jurkat HB: Suizidalität bei Ärztinnen und Ärzten. Psychiat Prax 2005; 32: 381–5 CrossRef MEDLINE
2.
Bergner TMH: Burnout-Prävention. 2. Auflage. Stuttgart: Schattauer 2012.
1.Reimer C, Trinkaus S, Jurkat HB: Suizidalität bei Ärztinnen und Ärzten. Psychiat Prax 2005; 32: 381–5 CrossRef MEDLINE
2.Bergner TMH: Burnout-Prävention. 2. Auflage. Stuttgart: Schattauer 2012.

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Ärztestellen

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige