ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2014Gendermedizin und Krankenkassen: Warum passiert nichts?

POLITIK: Kommentar

Gendermedizin und Krankenkassen: Warum passiert nichts?

Dtsch Arztebl 2014; 111(13): A-539 / B-463 / C-443

Amelung, Volker E.; Chase, Daniela

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Es steht außer Frage, dass das deutsche Gesundheitssystem nur wenig vom amerikanischen System lernen kann. Allerdings nehmen die USA eine Vorreiterrolle in der Gendermedizin ein. Die getrennten Leitlinien der American Heart Association für die Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen bei Frauen und Männern sind ein Beleg dafür.

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In Deutschland hat das Thema Gendermedizin in letzter Zeit zwar mehr (mediale) Aufmerksamkeit erfahren. Doch dass genderspezifische Aspekte einbezogen werden, ist noch längst keine Selbstverständlichkeit in der Patientenversorgung – auch wenn die Große Koalition in ihrem Koalitionsvertrag verdeutlicht, dass sie Weichen stellen möchte: „Wir wollen die jeweiligen Besonderheiten berücksichtigen, die sich aus der Frauen- und Männergesundheitsforschung insbesondere für die gesundheitliche Versorgung und die Erarbeitung von medizinischen Behandlungsleitlinien ergeben“, heißt es dort.

Das Thema Gendermedizin ist präsent, es ist innovativ – man kann nicht dagegen sein. Warum also passiert so wenig? Warum gibt es noch keine unterschiedlichen Coachingprogramme für Frauen und Männer mit Übergewicht? Oder genderspezifische Ansätze für Patientinnen und Patienten mit Depression? Eine Erklärung hierfür ist die heterogene Wahrnehmung der unterschiedlichen Akteure.

Eine Gruppe agiert aus einem eher ideologisch-feministischen Verständnis heraus gegen die Unterversorgung von Frauen und an zweiter Stelle von Männern. Ihr geht es dogmatisch „um‘s Prinzip“. Eine zweite Gruppe setzt sich aus Ärztinnen und Ärzten, vor allem aber aus Public Health-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen, die nüchtern Evidenz für eine geschlechtsspezifische und damit zielgerechtere Versorgung in Studien aufzeigen. Die dritte Gruppe stammt aus dem Versorgungsmanagement und ist überzeugt, dass zielgruppenspezifische Versorgungsprogramme nur unter der Beachtung gendermedizinischer Aspekte überzeugen können.

Um das Thema näher zu beleuchten, befragte das Institut für angewandte Versorgungsforschung in Berlin in Zusammenarbeit mit Pfizer-Pharma GmbH die Leiter der Abteilung Versorgungsmanagement von Krankenkassen. Ziel war es herauszufinden, wie Gendermedizin von diesen wahrgenommen wird und wie das neue Themenfeld implementiert werden kann. Im August 2013 wurde ein Online-Fragebogen an 48 Versorgungsmanager der größten Kassen verschickt. Mehr als die Hälfte, 57 Prozent, antworteten, was zeigt, dass das Thema für sie grundsätzlich von hohem Interesse ist.

Etwa drei Viertel der Befragten waren sich einig, dass Gendermedizin derzeit noch nicht ausreichend in der Regelversorgung berücksichtigt wird. Ein Viertel gab an, dies nicht beurteilen zu können. Wichtig ist, welche Erwartungen an die Wirkung von Gendermedizin bestehen, sofern diese Einzug in die Regelversorgung fände. Die befragten Krankenkassenvorstände nannten verschiedene Punkte, doch im Vordergrund standen Hoffnungen auf eine hochwertigere (85 Prozent) beziehungsweise kosteneffizientere (80 Prozent) Patientenversorgung.

Gleichwohl spielt das Thema kassenintern offensichtlich noch keine große Rolle. Bei 63 Prozent der Befragten werden genderspezifische Aspekte im kardiovaskulären Bereich gar nicht berücksichtigt, auch nicht in der Evaluation der Chronikerprogramme. Die Mehrheit der Interviewten (52 Prozent) gab an, man werde wohl Gendermedizin selbst in fünf Jahren immer noch als ein Randthema einstufen.

Wie könnte aber ein Thema, gegen das man nicht sein kann, Einzug in die Versorgungslandschaft finden? Die Befragten hatten darauf nur zwei Antworten: Ärzte und Evidenz. Akzeptanz und ausreichendes Wissen seitens der Ärzteschaft gelten als Schlüsselfaktor, ausreichende Evidenz und die Integration in Leitlinien als unabdingbar. Außer Veränderungen durch die Ärzteschaft erachten die Krankenkassenvertreter vor allem Anstöße über traditionelle Selbstverwaltungsstrukturen (48 Prozent) oder durch eine unmittelbare gesetzliche Regelung (26 Prozent, Mehrfachnennungen möglich) als entscheidend. Sie präferieren also einen Top-down-Ansatz.

Wer das Thema am Ende also aufgreifen wird, ist unklar – die Krankenkassen jedenfalls fühlen sich (noch) nicht angesprochen. Viele versuchen zudem, trotz des wahrgenommenen Potenzials, das unsichere Terrain, das damit verbunden ist, lieber zu meiden. Damit Gendermedizin die notwendige Beachtung findet, wird sie politischen Rückenwind und somit eine „Entscheidung von oben“ benötigen. Ansonsten wird es bei einem Ansatz bleiben, den alle richtig finden und bei dem nichts passiert – so wie bei der Prävention.

Auf jeden Fall sollte man Gendermedizin möglichst frei von Ideologie in die Versorgung implementieren und damit im Sinne einer verbesserten Patientenversorgung neue Herangehensweisen ausprobieren. Evaluation muss dann zeigen, ob dies sinnvoll war.

Mitarbeit: Dr. Ivonne Mitar, Pfizer-Pharma GmbH, Dr. Sabine Oertelt-Prigione, Institute of Gender in Medicine, Universitätsklinikum Charité

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