ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1999Common Toxicity Criteria (CTC): Dokumentation von Nebenwirkungen in der Onkologie

MEDIZIN: Kurzberichte

Common Toxicity Criteria (CTC): Dokumentation von Nebenwirkungen in der Onkologie

Müller, Rolf-Peter; Seegenschmiedt, Michael Heinrich; Höffken, Klaus; Junginger, Theo; Sauer, Hansjörg

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LNSLNS Das Auftreten und Ausmaß von therapiebedingten Nebenwirkungen ist neben der Tumorremissionsrate, dem Überleben und der Lebensqualität die wichtigste Zielvariable zur Beurteilung von onkologischen Therapiekonzepten. Dabei sind akute (< 90 Tage nach Therapiebeginn) und chronische Nebenwirkungen (> 90 Tage nach Therapiebeginn) zu unterscheiden. Die vom National Cancer Institute neu entwickelten Common Toxicity Criteria (CTC) dienen der Erfassung von akuten Nebenwirkungen und erweitern beziehungsweise modifizieren die Systematik der Welt­gesund­heits­organi­sation. Mehrere Arbeitsgemeinschaften in der Deutschen Krebsgesellschaft haben durch Erweiterung der CTC eine umfassende Systematik geschaffen, die sich nicht nur zur Dokumentation von Nebenwirkungen nach alleiniger Chemo- oder Radiotherapie eignet, sondern auch nach kombinierter Chemo-Radiotherapie. Damit ist ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Qualitätssicherung in der Onkologie getan, der sich auf die Arbeit der onkologischen Schwerpunktpraxis ebenso auswirken kann wie auf die Durchführung von multizentrischen klinischen Studien.
Schlüsselwörter: Radiotherapie, Chemotherapie, Nebenwirkungen, Qualitätssicherung in der Onkologie


Common Toxicity Criteria (CTC): A new System for Documentation of Side-Effects in Oncology
The occurrence and extent of treatment related side-effects is one of the most important criteria for the evaluation of different oncological treatment concepts besides the known endpoints like tumor remission rate, survival and quality of life. It is necessary to differentiate between acute (< 90 days after treatment onset) and chronic side-effects (> 90 days after treatment onset). The National Cancer Institute has developed a new concept for documentation of acute side-effects in oncology, the Common Toxicity Criteria classification system, which extends and modifies the well known World Health Organization classification. Several oncological working groups of the German Cancer Society have elaborated additional extensions to the CTC classification, which makes the system not only useful for the documentation of side-effects after chemo- or radiotherapy alone, but also after combined chemo-radiotherapy. This represents another important step towards improvement of quality assurance in oncology. This has an impact on the conduct of clinical procedures in the oncological practice as well as in the performance of multicenter clinical trials in oncology.
Key words: Radiotherapy, chemotherapy, treatment sideeffects, quality monitoring in oncology


Nebenwirkungen treten in der Onkologie meist als Ergebnis einer spezifischen Tumortherapie auf, insbesondere nach Chemo- oder Radiotherapie (6). Sie stellen pathophysiologische oder somatische Abweichungen von der normalen oder eventuell durch andere Umstände bereits gestörten Ausgangslage eines Organs oder Organsystems dar. Einige krankhafte Zustände können auch durch den Tumor selbst, durch andere zugrundeliegende Begleiterkrankungen oder nicht onkologische Therapien ausgelöst werden, ohne daß dabei ein kausaler Zusammenhang mit der spezifischen Tumortherapie bestehen muß. Nebenwirkungen der Tumortherapie stellen neben dem Tumoransprechen, der Lebenserwartung und den Heilungschancen den wichtigsten Endpunkt in onkologischen Therapiestudien dar. Sie sind wesentlich für die Lebensqualität eines Tumorpatienten insbesondere bei langfristigem Überleben.
Allgemeine Aspekte
Die verschiedenen Ausprägungen von Nebenwirkungen hängen von vielen Faktoren ab (Textkasten). Auch supportive Maßnahmen können die organspezifischen Ausprägungen von Nebenwirkungen beeinflussen. So haben zum Beispiel chemo- oder radioprotektive Substanzen, Wachstumsfaktoren, Antiemetika und Analgetika, die manchmal parallel zur Tumortherapie verabreicht werden, ein eigenes Nebenwirkungsspektrum. Werden kombinierte onkologische Therapieverfahren eingesetzt, wie zum Beispiel die simultane Chemo-Radiotherapie, so ist zu berücksichtigen, daß nicht nur eine Addition, sondern auch eine Potenzierung von Nebenwirkungen eintreten kann (4, 5). !
Nebenwirkungen können nur dann vollständig und richtig erkannt werden, wenn alle relevanten systemischen und organspezifischen Parameter prospektiv und regelmäßig dokumentiert werden. Neben einer sorgfältigen Anamnese und subtilen körperlichen Untersuchung sind Laborkontrollen und bildgebende Verfahren nötig. So kann eine gegebenenfalls notwendige Anpassung der onkologischen Therapie (Therapieverzögerung oder Dosisreduktion) rechtzeitig vorgenommen und beim Auftreten von schweren Nebenwirkungen die supportive Therapie rasch und umfassend eingeleitet und durchgeführt werden. Nach der onkologischen Therapie müssen regelmäßig klinische Kontrollen erfolgen, um langfristige Folgen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln, zum Beispiel Wachstumsprobleme und hormonelle Störungen bei Kindern, spezifische Organschäden und Zweitneoplasien.
An eine standardisierte und systematische Dokumentation von Nebenwirkungen sind allgemeine Ansprüche zu stellen: Die Klassifikation muß international akzeptiert und kompatibel sein, zum Beispiel hinsichtlich der sprachlichen Eindeutigkeit und Einsetzbarkeit in verschiedenen Gesundheitssystemen. Alle organspezifischen Kriterien für die verschiedenen Organe und Organsysteme sowie einzelne Schweregrade der Nebenwirkungen sind eindeutig zu definieren. Therapiebedingte und individuelle Einflüsse auf das Auftreten von Nebenwirkungen sollten zu unterscheiden sein. Ansonsten müssen grundlegende biometrische Eigenschaften (Reliabilität, Validität, Sensitivität) gewährleistet und alle Informationen hinsichtlich ihrer Reproduzierbarkeit und Qualität überprüfbar sein (3).
Bisher gebräuchliche Systeme zur Beurteilung von Nebenwirkungen verwenden vier Schweregrade. Dabei werden oft mehrere Aspekte für jedes Organ(system) berücksichtigt. Tabelle 1 faßt die allgemeinen Prinzipien zur Einteilung von Nebenwirkungen in der Onkologie zusammen. Die bereits erläuterten Gesichtspunkte zur Einteilung werden noch durch die Kriterien "Therapiebedürftigkeit der Nebenwirkungen" und "Intensität der Therapiemaßnahmen" ergänzt. Daneben spielen auch Dauer und klinischer Verlauf von Nebenwirkungen eine wichtige Rolle für ihre Einstufung. So werden kurzfristige und reversible Nebenwirkungen niedriger als therapierefraktäre und permanente Nebenwirkungen eingestuft. Durch Medikamente korrigierbare Nebenwirkungen sind geringer als solche, die durch chirurgische Maßnahmen zu korrigieren sind. So ergibt sich international (8-10, 15) folgende vierteilige Abstufung von Nebenwirkungen in der Onkologie.
Geringe/leichte Nebenwirkungen (Grad 1)
Sie klingen spontan und ohne spezielle therapeutische Gegenmaßnahmen ab; die vorgesehene onkologische Therapie kann ohne Unterbrechung fortgesetzt werden.
Mäßige/deutliche Nebenwirkungen (Grad 2)
Sie sind in der Regel ambulant und mit einfachen Medikamenten zu behandeln (zum Beispiel mittels peripher wirkender Analgetika, Steroiden, oralen Antibiotika) und verursachen keine wesentliche Verzögerung, Dosismodifikation (< 10 Prozent) oder Unterbrechung der vorgesehenen onkologischen Therapie.
Starke/ausgeprägte Nebenwirkungen (Grad 3)
Sie erfordern oft die Hospitalisierung zur Einleitung von intensiven medikamentösen und supportiven Maßnahmen (zum Beispiel zentral wirkende Analgetika, intravenöse Gabe von Antibiotika, Anlage einer perkutanen, endoskopisch angelegten Gastrostomie [PEG]) und führen zu Unterbrechung oder deutlicher Verzögerung (> 7 Tage) und/oder Dosismodifikation (> 10 Prozent) der vorgesehenen Therapie.
Lebensbedrohliche Nebenwirkungen (Grad 4)
Sie erfordern die sofortige notfallmäßige Hospitalisierung, umgehende intensive medizinische Maßnahmen oder chirurgische Interventionen und erzwingen den sofortigen, eventuell aber auch nur vorübergehenden Abbruch der vorgesehenen onkologischen Therapie, da sie sonst innerhalb von kurzer Zeit zum Tod des Patienten führen können.
Daneben werden als Grad 5 organspezifische Nebenwirkungen definiert, die zum Tode führen. Im onkologischen Alltag müssen Verlauf und Intensität von ausgeprägten und lebensbedrohlichen Nebenwirkungen (Grad 3 bis 4) sehr sorgfältig charakterisiert werden. Sie verlangen im Einzelfall eine wesentlich intensivere und engmaschigere Überwachung als geringe und mäßige Nebenwirkungen (Grad 1 bis 2) (12- 14).
Zeitliche Einteilung von Nebenwirkungen
Prinzipiell sind akute von chronischen Nebenwirkungen zu unterscheiden. Akute Nebenwirkungen treten während oder innerhalb von 90 Tagen nach der onkologischen Therapie auf (10). Therapiebedingte Auswirkungen ab dem 91. Tag werden als chronische Nebenwirkungen bewertet (11). Chronische Nebenwirkungen können, müssen sich aber nicht unbedingt aus akuten Nebenwirkungen heraus entwickeln; oft werden sie erst später und unabhängig vom Auftreten und Ausmaß akuter Nebenwirkungen klinisch manifest, zum Beispiel Kardiotoxizität nach Anthrazyklinen oder Strahlenfolgen am Rückenmark (Lhermitte-Syndrom). Oft verlaufen akute und chronische Nebenwirkungen dissoziiert zueinander, das heißt das Ausmaß akuter Nebenwirkungen läßt kaum Rückschlüsse auf Häufigkeit, Dauer und spezifische Ausprägung von chronischen Nebenwirkungen zu. Akute und chronische Nebenwirkungen sind daher nach unterschiedlichen Systemen zu klassifizieren und dokumentieren. Während für die Radiotherapie ein langjährig gewachsener Erfahrungsschatz bei der Beurteilung von akuten und chronischen Nebenwirkungen besteht (10, 11), fehlt zur Beurteilung von langfristigen Nebenwirkungen nach Chemotherapie noch eine geeignete Systematik.
Dokumentation von akuten Nebenwirkungen
International existieren mehrere Klassifikationen zur Einteilung von akuten Nebenwirkungen. Die Systematik der World Health Organization (WHO) ist auf chemotherapiebedingte Nebenwirkungen ausgerichtet (7, 15), während die Kriterien der Radiation Therapy Oncology Group (RTOG) und der European Organization for Research and Treatment of Cancer (EORTC) die akuten strahlentherapiebedingten Nebenwirkungen berücksichtigen (10, 12 - 14). Die Einteilungen überlappen sich weitgehend, doch existieren zum Teil auch deutliche Unterschiede. Das National Cancer Institute (NCI) hat 1988 im Rahmen einer Konsensus-Konferenz der verschiedenen onkologischen Fachgruppen eine Erweiterung der WHO-Kriterien vorgeschlagen, die sogenannten "Common Toxicity Criteria" (CTC) (8, 9). Die englische CTC-Systematik wurde im deutschen Sprachraum anfangs von der Arbeitsgemeinschaft Urologische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft (1) und dann von der Phase-I/II-Studiengruppe der Arbeitsgemeinschaft für Internistische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft überarbeitet (2). Von der Arbeitsgemeinschaft Radioonkologie der Deutschen Krebsgesellschaft wurden noch spezifische radiotherapeutische Nebenwirkungen ergänzt (13, 14). Die so
erweitete und modifizierte CTC-Systematik eignet sich nun zur prospektiven Dokumentation von Nebenwirkungen nicht nur bei Durchführung einer alleinigen Chemotherapie oder Radiotherapie, sondern auch bei kombinierter Radio-Chemotherapie. Die modifizierte CTC-Klassifikation wird auch von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren zur Verschlüsselung akuter therapiebedingter Nebenwirkungen in ihrer "Basisdokumentation für Tumorkranke" (6) empfohlen. Als Beispiele sind hier aus dem zwölf Hauptkriterien umfassenden Tabellenwerk die Organsysteme Lunge/Atmungsorgane (Tabelle 2) und Niere/Blase (Tabelle 3) wiedergegeben. Das gesamte Tabellenwerk ist beim Erstautor anzufordern und im Rahmen eines Buches über "Nebenwirkungen in der Onkologie" veröffentlicht worden (14).
Praktische Durchführung
Zur praktischen Erfassung von Nebenwirkungen in onkologischen Kliniken und Praxen sollte ein standardisiertes Dokumentationsformat verwendet werden, das die Haupt- und Nebenkriterien der CTCKlassifikation auflistet. Durch Ankreuzen von "ja/nein"-Feldern oder Angabe von Zahlen für die Schweregrade sind die einzelnen Nebenkriterien zu jedem Zeitpunkt exakt zu dokumentieren. In Freifeldern können spezifische Nebenkriterien erfaßt werden. Die führenden Symptome und notwendigen Therapiemaßnahmen können auch als "Bemerkungen" notiert werden. Nebenwirkungen können also summarisch unter den übergeordneten zwölf Hauptkriterien (zum Beispiel [1] "Laborwerte" bis [12] "Allgemeinzustand") mit ihrem jeweiligen Schweregrad erfaßt werden. Detaillierter ist das Vorgehen aber, wenn nicht nur die Hauptkriterien [1] - [12], sondern auch alle darunter fallenden Nebenkriterien exakt erfaßt werden, zum Beispiel das Hauptkriterium: [2] "Gastrointestinaltrakt" mit den elf Nebenkriterien: [02.01] "Übelkeit" bis [02.11R] "Speicheldrüsen".
Bei der Dokumentation orientiert man sich am objektivierbaren Zustand des Patienten zum aktuellen Zeitpunkt, nicht am zurückliegenden Verlauf oder am durchschnittlichen Schweregrad in einem definierten Beobachtungsintervall. Stehen bei einer Organtoxizität (Hauptkriterium) mehrere Einzelaspekte (Subkriterien) zur Verfügung, so ist der ausgeprägteste (schwerste) Teilaspekt für die Gesamtbeurteilung des Schweregrads des Hauptkriteriums entscheidend. Angaben zu Nebenwirkungen sind immer durch Datum und Unterschrift des Untersuchers zu bestätigen.
Schlußfolgerungen
Die CTC-Klassifikation stellt eine interdisziplinär abgestimmte Systematik zur Dokumentation von akuten Nebenwirkungen in der Onkologie dar. Sie verbessert den Datenaustausch zwischen den verschiedenen onkologischen Disziplinen und onkologischen Einrichtungen. Damit ist ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Qualitätssicherung in der Onkologie getan, der sich auf die Arbeit der onkologischen Schwerpunktpraxis ebenso auswirken kann wie auf die Durchführung von multizentrischen klinischen Studien in der Onkologie.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1999; 96: A-489-495
[Heft 8]


Literatur
1. AUO: Praktische Informationen zur Studienplanung und Durchführung (AUO-Richtlinien). Der Urologe (Supplement 1) 1993; 1-36.
2. Berdel WE, Becher R, Edler L et al.: Standard Arbeitsanweisungen (Standard Operating Procedures, SOP) der Phase I/II-Studiengruppe der Arbeitsgemeinschaft für Internistische Onkologie (AIO) in der Deutschen Krebsgesellschaft. Onkologie 1994; 17: 311-338.
3. Commission for the European Communities (1990): Note for guidance - Good clinical practice for trials on medical products in the European Community. Aktenzeichen III/3976/88 vom 11. 7. 1990.
4. Dische S, Warburton MF, Jones D, Lartigau E: The recording of morbidity related to radiotherapy. Radiother Oncol 1989a; 16: 103-108.
5. Dische S, Vaeth JM, Meyer JL: Conference summary. Radiation tolerance of normal tissues. Front Radiat Ther Oncol 1989b; 23: 419-427.
6. Dudeck J, Wagner G, Grundmann E, Hermanek P: Basisdokumentation für Tumorkranke. Prinzipien und Verschlüsselungsanweisungen für Klinik und Praxis. Berlin, Heidelberg, New York: Springer, 1997.
7. Miller AB, Hoogstraten B, Staquet M, Winkler A: Reporting results of cancer treatment. Cancer 1981; 47: 207-214.
8. National Cancer Institute (NCI): Common toxicity criteria. Division of Cancer Treatment, National Cancer Institute, Bethesda, Maryland (USA), 1988.
9. National Cancer Institute (NCI): Investigator’s Handbook. A manual for participants in clinical trials of investigational agents. Cancer therapy evaluation program. Division of cancer treatment, National Cancer Institute, Bethesda, Maryland (USA), 1993.
10. Perez CA, Brady LW: Acute radiation morbidity scoring criteria. In: Perez CA, Brady LW (eds): Principles and practice of radiation oncology (2nd ed.). Philadelphia: Lippincott 1993a; 51-53.
11. Perez CA, Brady LW: Late radiation morbidity scoring criteria. In: Perez CA, Brady LW (eds): Principles and practice of radiation oncology (2nd ed.). Philadelphia: Lippincott 1993b; 53-55.
12. Seegenschmiedt MH, Sauer R: Systematik der akuten und chronischen Strahlenfolgen. Strahlenther Onkol 1993; 169: 83-95.
13. Seegenschmiedt MH, Haase W, Schnabel K, Müller RP: Leitlinien zur Dokumentation von Nebenwirkungen in der Radioonkologie. Strahlenther Onkol 1996; 172: S9-S12.
14. Seegenschmiedt MH (ed): Nebenwirkungen in der Onkologie. Internationale Systematik und Dokumentation. Berlin, Heidelberg: Springer, 1998.
15. World Health Organization: WHO Handbook for reporting results of cancer treatment. World Health Organization Offset Publication No. 48, Geneva, 1979.


Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Michael Heinrich Seegenschmiedt
Klinik für Radioonkologie
Strahlentherapie und Nuklearmedizin
Alfried Krupp Krankenhaus
Alfried-Krupp-Straße 21
45117 Essen-Rüttenscheid


Faktoren mit Einfluß auf die individuelle Ausprägung von Nebenwirkungen in der Onkologie
Biologische Faktoren
! Dosis
! Fraktionierung
! Reparaturkinetik
! Unterschiedliche Empfindlichkeiten (Toleranz) der Organe und Organsysteme für Radiotherapie und Chemotherapie
Physiologische Faktoren
! Spezielle Pharmakokinetik und -dynamik bei Chemotherapie
! Bestimmte, den Stoffwechsel beeinflussende Organfunktionen; insbesondere die Ausscheidungsorgane Leber und Niere
Physikalische Faktoren
! Strahlenart
! Energie
! Dosisleistung
! Applikationsform der Radiotherapie
! Applikationsform der Chemotherapie
Kombinierte, therapiebedingte Faktoren
! Reihenfolge von Operation, Radiotherapie und Chemotherapie
! Spezielle Interaktionen von Radio-Chemotherapie
! Spezielle Interaktionen mit Sensitizern oder Protektoren der Radiotherapie und/oder Chemotherapie
Individuelle Faktoren
! Alter
! Leistungs- und Ernährungszustand
! Zusätzliche Begleiterkrankungen


Tabelle 1
Allgemeine Gesichtspunkte zur Einteilung von Nebenwirkungen*
Schweregrad Grad 1: Grad 2: Grad 3: Grad 4:
"gering"/"leicht" "mäßig"/"deutlich" "stark"/"ausgeprägt" "lebensbedrohlich"
Zahlencode "1" "2" "3" "4"
Spezifisches Grad 1 Grad 2 Grad 3 Grad 4
Organsystem Nebenwirkungen Nebenwirkungen Nebenwirkungen Nebenwirkungen
z. B. Herz
Klinische gering mäßig ausgeprägt lebensbedrohlich
Symptomatik (6 10% Abweichung (6 25% Abweichung (6 50% Abweichung (6 75% Abweichung
vom Normalzustand) vom Normalzustand) vom Normalzustand) vom Normalzustand)
Laborparameter geringe mäßige starke lebensbedrohliche Abweichung, nicht Abweichung, Abweichung, schwer Abweichung, nicht
korrekturbedürftig gut korrigierbar korrigierbar korrigierbar
relative 1,26 - 2,5 × N 2,6 - 5,0 × N 5,1 - 10,0 × N > 10 × N
Abweichung
Therapie der keine Therapie nicht invasive massive invasive chirurgische
Nebenwirkung erforderlich oder medikamentöse oder medikamentöse Intervention
Maßnahmen Maßnahmen erforderlich
Ergebnis spontane Nebenwirkungen Nebenwirkungen Nebenwirkungen evtl.
Rückbildung der gut nur schwer nicht mehr
Nebenwirkungen beherrschbar beherrschbar beherrschbar
Konsequenz für Therapie leichte Verzögerung, ausgeprägte Verzögerung, sofortiger die onkologische nicht Unterbrechung bzw. Dosis- Unterbrechung bzw. Dosis Therapieabbruch
Therapie beeinträchtigt modifikation (< 10%) modifikation (> 10%)
* modifiziert nach Seegenschmiedt und Sauer: Strahlenther Onkol 1993; 169: 83-95
Für "0" keine Nebenwirkungen, keine Laborabweichung, keine therapeutischen Konsequenzen
Für "5" letale organbedingte Folgen, unbeeinflußt durch Therapie
Alle fehlenden Angaben werden mit der Ziffer "9" verschlüsselt.


Tabelle 2
Klassifikation von akuten Nebenwirkungen nach CTC: Lunge/Atmungsorgane
Code Toxizität/Grad 0 1 = "gering"/ 2 = "mäßig"/ 3 = "stark"/ 4 = "lebens "leicht" "deutlich" "ausgeprägt" bedrohlich"
[4] Lunge/
Atmungsorgane
04.01 Dyspnoe keine keine Sym- Dyspnoe unter Dyspnoe unter Ruhedyspnoe
ptome, pathol. starker Belastung normaler Lungenfunk- Belastung
tionstest
04.02 n Blutgase pO2: > 85 pO2: 71-85 pO2: 61-70 pO2: 51-60 pO2: < 50
oder oder oder oder
(in mmHg) pCO2: < 40 pCO2: 41-50 pCO2: 51-60 pCO2: 61-70 pCO2: > 70
04.03 n Lungenfunktion > 90% 76-90% des 51-75% des 26-50% des < 25% des
Ausgangs- Ausgangswertes Ausgangswertes Ausgangswertes
wertes
04.04 n Lungenfibrose keine Röntgen- - Röntgenzeichen zeichen ohne mit Symptomen
Symptome
04.05 n Lungenödem kein Röntgen- - Röntgenzeichen; rasche Intubation zeichen ohne Diuretika nötig nötig
Symptome
04.06 n Pneumonitis keine Röntgen- geringe Symptome, starke assistierte zeichen ohne Steroide nötig Symptomatik, Beatmung nötig
Symptome Sauerstoff nötig
04.07 n Pleuraerguß kein vorhanden - - 04.08 n ARDS keine geringe mäßige ausgeprägt lebens (Resp. Insuff.) bedrohlich
04.09 n Husten kein geringer; mäßiger; starke starker, nicht leichte Anti- Antitussiva nötig kontrollierbarer
tussiva nötig Husten
4.10R n Kehlkopf keine geringe oder ständig Heiserkeit, "Flüstersprache", massive Dyspnoe,
(RTOG) intermittie- Reizhusten; Hals-, starke Schmerzen, Stridor oder
rende Heiser- Mund- und Ohren- konfluierendes Hämoptysen:
keit, Reiz- schmerzen, fibri- fibrinöses Exsudat, Intubation oder husten; gerin- nöses Exsudat, mä- ausgeprägtes Tracheostoma ges Schleim- ßiges Stimmband- Stimmbandödem; nötig
hauterythem; ödem; leichte Anti- starke Analgetika
keine The- tussiva nötig und Antitussiva
rapie nötig nötig
Die dem Originaltext beigefügten Modifikationen sind mit Symbolen gekennzeichnet:
n für Ergänzungen der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie
n für Ergänzungen der Arbeitsgemeinschaft Radioonkologie
Nebenwirkungen, die bei Chemo- oder Radiotherapie unterschiedlich definiert sind, sind mit Buchstaben gekennzeichnet
C bei Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Chemotherapie,
R bei Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Radiotherapie
keine Bezeichnung, so gelten die Kriterien gleichermaßen für Nebenwirkungen bei Chemo- und/oder Radiotherapie
ARDS, Atemnotsyndrom des Erwachsenen
RTOG, Radiation Therapy Oncology Group

Tabelle 3
Klassifikation von akuten Nebenwirkungen nach CTC: Niere/Blase
Code Toxizität/Grad 0 1 = "gering"/ 2 = "mäßig"/ 3 = "stark"/ 4 = "lebens "leicht" "deutlich" "ausgeprägt" bedrohlich"
[5] Niere/Blase
05.01 n Hämaturie keine nur mikro- Makrohämaturie Makrohämaturie bedrohlich, skopisch ohne Gerinnsel mit Gerinnsel Transfusion nötig
sichtbar
05.02 n Hämorrhagische keine nur mikro- Blut makroskopisch Blasenspülung
Zystektomie/
Zystitis skopisch sichtbar nötig Transfusion nötig
sichtbar
05.03 n Inkontinenz keine Streßinkon- spontan, Kontrolle unkontrolliert tinenz (beim möglich
Niesen etc.)
05.04 n Dysurie keine geringe mäßige Schmerzen starke Schmerzen Schmerzen oder Brennen; oder Brennen;
oder Brennen; durch durch keine The- Medikamente Medikamente nicht rapie nötig kontrollierbar kontrollierbar
05.05 n Harnverhaltung kein Restharn Katheter immer zur operativer Eingriff > 100 cm3; Entleerung nötig (transurethrale
gelegentlich Resektion oder Dysurie oder Dilatation) nötig
Katheter nötig
05.06 n Vermehrt kein gering ver- mäßig vermehrter stark vermehrter Harndrang mehrter oder Harndrang: > 2× Harndrang: > 1×/
im Vergleich nächtlicher des Normalen, Stunde, oder Ka zu sonst Harndrang; aber < 1×/ theterisierung < 2× des Stunde nötig
Normalen
05.07 n Blasenkrämpfe keine - vorhanden - 05.08 n Ureter- keine unilateral, bilateral, kein inkomplett bilateral, komplette
obstruktion kein Ein- Eingriff nötig Operation nötig: bilaterale
griff nötig Shunt, Harnleiter- Obstruktion
schiene, Nephrotomie
05.09 n Fistelbildung keine - - vorhanden siehe auch Fußnote Tabelle 2

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