ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2014HIV und Heilung: Zwischen Vision und Wirklichkeit

MEDIZINREPORT

HIV und Heilung: Zwischen Vision und Wirklichkeit

Dtsch Arztebl 2014; 111(14): A-593 / B-510 / C-490

Warpakowski, Andrea; Zylka-Menhorn, Vera

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Münchner AIDS-Tage: Die Ansätze der Heilungsforschung sind divers, aber zum größten Teil noch nicht über das Grundlagenstadium hinaus, so der Tenor.

Angeheizt“ durch aktuelle Medienberichte nahm das Thema der „Heilung der HIV-Infektion“ bei den 15. Münchner AIDS- und Hepatitis-Tagen einen breiten Raum ein. „Wir werden in den nächsten Jahren schneller eine Heilung als eine Impfung bekommen. Die Heilung ist ein planbares Konzept, die Therapien sind besser geworden“, sagte der Kongressleiter Dr. med. Hans Jäger vom Medizinischen Versorgungszentrum Karlsplatz in München. Wenn man von Heilung spreche, müsse man jedoch zwischen sterilisierender Heilung, also der kompletten Viruseradikation, und funktioneller Heilung unterscheiden.

Foto: Fotolia/pixelrobot
Foto: Fotolia/pixelrobot

Bei der funktionellen Heilung gelingt es, die Virusreplikation trotz Absetzens der antiretroviralen Therapie (ART) auf einem niedrigen Niveau zu halten, ohne dass das Virus aus dem Körper komplett eliminiert wurde. „Welche Rolle dem Immunsystem hierbei zukommt, ist bislang noch unklar“, sagte Dr. phil. Eva Wolf aus dem Team von Jäger. Bekannt sei, dass etwa ein Prozent aller HIV-Infizierten eine dauerhafte Viruskontrolle ohne antiretrovirale Therapie erreicht. Zu den Charakteristika dieser „Elite Controllers“ gehören breite, HIV-spezifische T-Zellantworten, genetische Faktoren wie protektive HLA-Allele und eine geringe HIV-Reservoirgröße gemessen an der zellassoziierten proviralen DNA.

„Doch selbst wenn im Plasma die Viruslast unter ART supprimiert ist, findet man pro Million CD4+ Memory-Zellen in der Regel wenige Hundert bis zu mehrere Tausend provirale DNA-Kopien“, so Wolf. Deshalb komme es in der Regel in der Therapiepause binnen weniger Wochen zum Wiederanstieg der Viruslast. Bisher sind mehrere Fallberichte bekanntgeworden, die nach therapeutischer Intervention zumindest eine funktionelle Heilung vermuten lassen.

Dazu gehört das erste „Mississippi-Baby“, das perinatal mit HIV infiziert worden ist und bereits im Alter von 31 Stunden mit Azidothymidin (AZT), 3TC (Lamivudine) und Nevirapin in therapeutischer, statt prophylaktischer Dosis behandelt wurde. Nach wenigen Tagen wurde die Therapie auf AZT, 3TC und Lopinavir/Ritonavir umgestellt. Das Kind ist mittlerweile 41 Monate alt und erhält seit 23 Monaten keine ART. Regelmäßige umfangreiche virologische und immunologische Untersuchungen mit den derzeit empfindlichsten Nachweismethoden ergaben noch keinen Hinweis auf eine aktive HIV-Replikation oder ein relevantes HIV-Reservoir und weisen auf eine anhaltende „Remission“ hin.

Studie bei Neugeborenen zur Heilung durch Frühtherapie

Bei einem zweiten Baby aus Los Angeles begann die Therapie vier Stunden nach der Geburt mit AZT, 3TC und Nevirapin und wurde nach 3,5 Monaten auf AZT, 3TC und Lopinavir/r umgestellt. Die unbehandelte, HIV-positive Mutter hatte zum Zeitpunkt der Geburt eine Viruslast von 139 000 Kopien/ml und 70 CD4-Zellen/mm3. 36 Stunden postpartal betrug die Viruslast des Babys 217 Kopien/ml, und eine Lumbalpunktion am sechsten Tag (wegen des Verdachts auf eine bakterielle Infektion) ergab 32 HIV-Kopien/ml im Liquor. Elf Tage nach der Geburt war die Viruslast im Blut nicht mehr nachweisbar (< 20 Kopien/ml). Das Kind wird mittlerweile seit neun Monaten antiviral behandelt. Wie lange die Therapie dauern soll, ist derzeit noch nicht entschieden (Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections 2014. Abstract 75LB). Ob eine Heilung bei Neugeborenen mit einer Frühtherapie tatsächlich möglich ist, soll demnächst in einer prospektiven Studie kontrolliert untersucht werden. Die internationale Studie wird von den National Institutes of Health in den USA finanziert.

Zu den Fällen von funktioneller Heilung zählt man auch die 18 erwachsenen Teilnehmer der französischen Visconti-Studie. Deren primäre HIV-Infektion war frühzeitig intensiv antiretroviral behandelt worden. Nach dem Absetzen der Medikamente – nach durchschnittlich neun Jahren – sei keine Viruslast mehr nachweisbar, erläuterte Wolf. Lediglich bei drei Patienten sei es zu gelegentlichen viralen Blips, also kurzzeitigen, klinisch nicht relevanten Anstiegen der Viruslast, gekommen.

Die „New Era“-Studie in München verfolge einen ähnlichen Ansatz wie die französische Studie. „New Era“ wurde 2009 gestartet und läuft prospektiv über sieben Jahre. Hierbei erhalten 20 Patienten mit primärer HIV-Infektion sowie 20 mit chronischer HIV-Infektion eine Fünffach-HAART-Kombination, um die Virusreplikation zu supprimieren und eine Depletion der zellassoziierten HIV-DNA – als Schritt hin zu einer funktionellen Heilung – zu erreichen.

Nun ist man nach mehreren Jahren intensiver antiretroviraler Therapie so weit, dass Absetzversuche möglich wären. Derzeit, berichtete Jäger, wird aber zunächst noch nach prädiktiven Laborparametern geforscht, die Auskunft darüber geben, bei welchen Patienten ein sicheres Absetzen der Therapie ohne Virusrebound möglich ist.

Andrea Warpakowski

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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