ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2014KBV-Versorgungsmesse: Gute Ideen aus allen Regionen

POLITIK

KBV-Versorgungsmesse: Gute Ideen aus allen Regionen

Dtsch Arztebl 2014; 111(14): A-571 / B-491 / C-471

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Innovative Ansätze in der Versorgung? Damit tun sich große Tanker wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung schwer, meinen viele. Die zeigte in diesem Jahr erneut, dass es durchaus flotte Beiboote im ambulanten System gibt.

Interessierte Zuhörer: Uwe Büsching und Wolfram Hartmann (bvkj) mit KBVVorstand Regina Feldmann, Hermann Gröhe und dem KBV-Vorstandsvorsitzenden Andreas Gassen (von links). Foto: Georg J. Lopata
Interessierte Zuhörer: Uwe Büsching und Wolfram Hartmann (bvkj) mit KBVVorstand Regina Feldmann, Hermann Gröhe und dem KBV-Vorstandsvorsitzenden Andreas Gassen (von links). Foto: Georg J. Lopata

Als Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) am 27. März das dbb-Forum in Berlin betritt, kann Dr. med. Andreas Gassen den Stolz eines Gastgebers nicht verbergen, der einiges zu präsentieren hat. „Wir wollen zeigen, wie kreativ und lösungsorientiert die ambulante Versorgung in Deutschland ist“, betont der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). An diesem Tag wird im dbb-Forum die KBV-Versorgungsmesse offiziell eröffnet. Etwa 50 Aussteller präsentieren an drei Tagen ihre Projekte und Kooperationen. Oft sind es „kleine, regionale Initiativen, die mit innovativen Ideen an den Start gehen“, lobt Gassen.

Anzeige

Die KBV veranstaltet ihre Versorgungsmesse auch in diesem Jahr gemeinsam mit der Agentur deutscher Arztnetze. Messebesucher erfahren beispielsweise, wie die bayerischen Kinder- und Jugendärzte mit den Betriebskrankenkassen ihres Bundeslandes die „Starke kids − Therapiesprechstunde“ entwickelt haben; ein Angebot, um auffällige Kinder in den Praxen zu erkennen, zu behandeln und die Familien zu beraten. Oder wie das Anästhesienetz Berlin-Brandenburg in einem Pilotprojekt in Form eines Qualitätszirkels von 15 Kollegen „Peer Visits“ umsetzt.

Nephrologennetz: Patienten sind besser geschult

Viele Aussteller informieren nicht nur an ihrem Stand, sondern präsentieren ihre Arbeit und deren Ergebnisse auch in Fachforen zu Themen wie Qualitätssicherung in der ambulanten Versorgung, Praxisnetze oder Versorgungsforschung im ambulanten Bereich. Gröhe, der sich an den Messeständen Details erläutern lässt, hat zuvor in einem Vortrag das Engagement aller Akteure gelobt, ganz besonders die vielen Qualitätsoffensiven. In der Politik werde in Sachen Qualitätsmanagement ja derzeit diskutiert, wie man den hohen Ansprüchen der Akteure selbst Rechnung tragen könne, hat er da erwähnt und in diesem Zusammenhang elegant auf die Aufgaben des geplanten neuen Qualitätsinstituts hingewiesen.

„Die Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung ist eine besondere Herausforderung für die nächsten Jahre“, so Gröhe. Es diene dieser Versorgung, wenn Ärztinnen und Ärzte in Netzen Verantwortung übernähmen. Er erwarte, so der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter, auf der Messe „spannende Beispiele für Kooperationen“.

Das „Netzwerk Niere Regio Stuttgart“ ist solch ein Beispiel. Dort haben sich zwei Fachabteilungen von Krankenhäusern, zwei große Praxen mit mehreren Standorten und die Stiftung Patientenheimversorgung 2009 vernetzt. „Wir wollen eine Plattform bilden, auf der sich alle Anbieter rund um das Thema Niere wiederfinden“, erläutert Prof. Dr. med. Mark Dominik Alscher, Chefarzt am Robert-Bosch-Krankenhaus, auf der Versorgungsmesse. Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion wechselten häufig zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Deshalb sei eine Zusammenarbeit der Akteure sinnvoll, zumal die Betroffenen häufig weitere Erkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Diabetes hätten.

Die Netzwerkpartner bemühen sich, durch eine intensivierte Zusammenarbeit Risikogruppen zu identifizieren, zu verhindern, dass Nierenkranke dialysepflichtig werden, und Dialysepatienten optimal zu betreuen. Das Netz hat Standards entwickelt. Angehende Nephrologen verbringen sechs Monate ihrer Weiterbildung in einer nephrologischen Praxis. „Das kommt gut an“, betont Alscher, ebenso wie Hospitationen der Krankenpfleger im ambulanten Bereich.

Eine Auswertung hat zwar ergeben, dass die von den Netzpartnern versorgten Patienten keine bessere Lebenserwartung haben. Aber die Stoffwechselkontrolle gelinge besser, so Alscher, und die Patienten seien besser geschult. „Ich bin überzeugt, dass solche Netzwerke die Zukunft darstellen“, sagt der Nephrologe. „Unsere Patienten werden älter und kränker. Wir müssen deutlich besser zusammenarbeiten.“

„Ein Schmelztiegel der Interessierten“

Dieser Meinung sind die Mitglieder der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. (dagnä) schon länger. 1990 hat sich die Arbeitsgemeinschaft gegründet, mittlerweile gehören 300 Mitglieder dazu: Haus- und Fachärzte, die HIV-Infizierte schwerpunktmäßig ambulant versorgen, Kollegen aus dem stationären Bereich, Organspezialisten für diese Krankengruppe. „Einen Schmelztiegel der Interessierten“ nennt sie Dr. med. Axel Baumgarten, dagnä-Mitglied aus Berlin, auf der Messe. Diese betreuen etwa drei Viertel der gesetzlich krankenversicherten HIV-Patienten in Deutschland.

Deren Versorgung stellt die Ärzte nach wie vor komplexe Anforderungen: Hier spielen Komorbiditäten, Resistenzen und das Alter der Patienten eine Rolle. Dagnä legt Wert darauf, leitliniengerechte und qualitätsgestützte Therapieempfehlungen für alle Behandler schnell und bequem zur Verfügung zu stellen. Dazu dient ein ganzer Strauß von Angeboten: die Jahrestagung, Workshops, Online-Fortbildungen, Seminare für Medizinische Fachangestellte, Qualitätszirkel, Leitfäden für die tägliche Arbeit.

Baumgarten verschweigt nicht, dass in einer Arbeitsgemeinschaft wie der dagnä nicht immer alle mit gleichem Eifer bei der Sache sind. Manche Kollegen müsse man auch „liebevoll wachküssen“. Er ist aber überzeugt davon, dass arztgruppenindividuelle Qualitätssicherung bestehende kollektive Vorgaben ergänzen und befördern kann – allerdings nicht ersetzen. Und wie kann es weitergehen? Baumgarten hält es für machbar, qualitätsbezogene Selektivverträge mit Krankenkassen abzuschließen. Angesichts von Jahrestherapiekosten neuer Substanzen zwischen 60 000 und 100 000 Euro wäre es seiner Ansicht nach auch gut, die HIV-Therapie konsequent in erfahrene Hände zu legen.

Um unterschiedliche Facetten der Qualitätsorientierung ging es im Rahmen der Versorgungsmesse ebenfalls in einem Gespräch zwischen KBV-Vorstand Gassen, Dr. med. Veit Wambach, Vorsitzender der Agentur deutscher Arztnetze, sowie Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg.

Wambach verwies darauf, dass „Ziel aller Netze die Übernahme eines lokalen Versorgungsauftrags“ sein müsse. Dafür müsse man aber nachweisen, was Netze bewirken, wie es also in ihrem Einflussbereich um die Versorgungsqualität bestellt ist, und um die Patientenzufriedenheit. Hierzu gibt es nach Wambachs Meinung aber „erst enorm wenig Daten“. So ist die Compliance von Patienten eher schlecht. Doch schon über die Kommunikation zwischen dem Arzt und seinen oft sehr unterschiedlichen Patienten weiß man im Grunde wenig. Dabei wäre es nach Wambachs Ansicht im Sinne der Qualitätsorientierung zu begrüßen, wenn Ärzte mit Patienten stärker schichten- beziehungsweise kulturspezifisch kommunizierten.

Wambach, in Nürnberg niedergelassen, erläuterte auch, welche großen Unterschiede in Morbidität und Mortalität es bundesweit gebe. Für Bayern habe eine Studie gezeigt, wie belastet Städte mit Ausnahme von München seien, wenn man Kennzeichen regionaler Deprivation berücksichtigt. „Deswegen finde ich es unmöglich, wenn immer nur von der Versorgung in ländlichen Regionen gesprochen wird“, sagte Wambach. Dass die Versorgungslage auch in vielen Städten ungünstig sei, gehöre ebenfalls in den Blick genommen.

Szecsenyi lobte, es zeichne die Ärzteschaft aus, dass sie „ein Berufsstand ist, der sein eigenes Handeln reflektiert“. In der Diskussion um Qualität, aber auch um eine gute Ausbildung, geht es aus seiner Sicht häufig um die Frage, was denn ein guter Arzt für seinen Beruf braucht. Im Hinblick auf den Nachwuchs sei „eine wesentliche Aufgabe die Entängstigung“, sagte Szecsenyi. Viele junge Ärzte versuchten, möglichst viel zu lernen in ihrer Weiterbildung – „aber auch, weil sie teilweise Angst haben, sich niederzulassen und eigenverantwortlich zu arbeiten“. Um Hausarzt zu werden, müsse man aber nicht jedes kleine Fach absolviert haben, wohl aber lernen, wie man eine Praxis leite und welche „soft skills“ man dafür benötige.

Wie schnell das Wissen von gestern veraltet und wie rasch sich Ärzte neuen Herausforderungen stellen müssen, verdeutlicht Dr. med. Uwe Büsching vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj). Der Verband hat zusammen mit dem Institut für Medizinökonomie und Medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule eine Studie mit dem Ziel gestartet, Eltern besser als heute zu gesundem Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen beraten zu können („BLIKK-Medien: schau schlau“).

Erkenntnisse zu gesundem Medienverhalten fehlen

Büsching weist darauf hin, dass es zwar eine Vielzahl von Erkenntnissen gebe. Doch diese sind häufig veraltet, zum Teil wenig konkret – und sie beschreiben Situationen, in denen schon viel schiefgelaufen sei. Ein Großteil der Eltern wünscht sich Büsching zufolge von Kinder- und Jugendärzten aber konkreten Rat und Information zu gesunder, unschädlicher Mediennutzung.

Die Studie des bvkj umfasst eine Befragung zum Medienverhalten von Familien in 100 Praxen. Darauf baut eine Beratung beziehungsweise Intervention im Zusammenhang mit den Früherkennungsuntersuchungen auf. Am Ende, so die Idee, lassen sich möglicherweise Medien entwickeln, die man allen Eltern an die Hand geben kann. Nur eine Sorge hat Büsching: dass neue Medien die gerade zusammengetragenen Erkenntnisse überholen.

Positionspapier der KBV

Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat am 20. und 21. März zu den gesundheitspolitischen Plänen der Großen Koalition Stellung bezogen. In einem Positionspapier fordert sie die Regierung auf, das „Grundproblem“ zu beseitigen: „dass nur eine begrenzte Geldmenge für die ambulante Versorgung der rund 70 Millionen gesetzlich krankenversicherten Bürger zur Verfügung steht – bei einem gleichzeitig unbegrenzten Leistungsversprechen“. Ziel müsse es daher sein, wieder feste kostendeckende Preise einzuführen.

Die Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung in unterversorgten Regionen lehnt die KBV ab. Denn den Krankenhäusern in strukturschwachen Regionen fehlten ebenfalls Ärzte der Grundversorgung. Die Regelung würde sich zudem kontraproduktiv auf die Niederlassungswilligkeit von Ärzten in unterversorgten Regionen auswirken, heißt es in dem Beschluss.

Bei längeren Wartezeiten auf Facharzttermine handle es sich häufig um Termine, bei denen keine Eilbedürftigkeit bestehe, so die KBV. Sie hat angekündigt, ein Modell zu entwickeln, das in eilbedürftigen Fällen nach medizinischen Erfordernissen eine zügige Behandlung beim Facharzt ermöglicht. Die Finanzierung müsse außerhalb der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung erfolgen.

Die KBV fordert zudem, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) für alle integrierten und selektiven Versorgungsformen „ohne Einschränkungen als optionale gleichrangige Vertragspartner vorgesehen werden“. Wenn es um die Verbesserung der Versorgung gehe, müssten auch KVen Verträge, die über die Berufsgruppe der Ärzte hinausgehen, abschließen dürfen. fos

Sabine Rieser

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema