ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2014Gerichtsgutachten: Fehlende Neutralität
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Der Titel „Gerichtsgutachten – Oft wird die Tendenz vorgegeben“ weist auf fehlende Neutralität und Unabhängigkeit hin, und auch die „Süddeutsche Zeitung“ hat das Thema gerne aufgegriffen. Sie spricht davon, dass es anhand der im DÄ vorgestellten Studie nun „wissenschaftliche Belege“ dafür gebe, dass viele Gutachter befangen seien und „häufig im Sinne der Richter“ urteilen. Mit Überraschung liest man dann allerdings, auf welchen Daten diese Erkenntnis beruht: Keiner der 50 befragten psychiatrischen Gutachter und lediglich 1/81 der übrigen humanmedizinischen Gutachter gaben an, es würde „häufig“ eine Tendenz signalisiert, wie sie ihr Gutachten erstatten sollten. Zwar beschrieben 28 Prozent der Psychiater und 17 Prozent der übrigen Fachrichtungen, in „Einzelfällen“ habe das Gericht derartige Wünsche geäußert, gemäß den vorgelegten Daten wurde jedoch nicht eruiert, ob diesen Wünschen auch entsprochen wurde. Wenn dann aus diesen Ergebnissen heraus behauptet wird, die Tendenz werde „oft vorgegeben“, handelt es sich nicht mehr um eine sachgerechte wissenschaftliche Bewertung, sondern um eine tendenziöse Berichterstattung, die äußerst schlecht recherchiert ist und letztlich jeden wissenschaftlichen Anspruch vermissen lässt. In dieselbe Richtung weist auch die Aussage, aufgrund wirtschaftlicher Verflechtungen sei die Neutralität der Gutachter gefährdet. Es ist schlechterdings eine einfache statistische Tatsache, dass Ärzte, die häufig Gutachten erstatten, naturgemäß auch häufiger Gefahr laufen, mit gutachtenspezifischen Problemen konfrontiert zu werden.

Das fehlende wissenschaftliche Niveau zeigt sich auch in den zitierten Literaturstellen. So findet man in den Quellenangaben den Verweis auf eine „Dissertationsschrift an der LMU München“. Eine Nachfrage beim Dekanat der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München ergab jedoch, dass eine Dissertationsschrift gleichen Namens gar nicht eingereicht wurde, so dass hier fälschlich der Eindruck einer bereits wissenschaftlich begutachteten Promotionsarbeit erweckt wird. Es wäre zu wünschen gewesen, dass die Redaktion des DÄ vor der Publikation dieses Beitrags gründlich recherchiert und sich an die medizinischen Fachgesellschaften gewandt hätte . . .

Literatur beim Verfasser

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Prof. Dr. Rolf Schneider, 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurowissenschaftliche Begutachtung e.V. (DGNB), 89278 Nersingen-Strass

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