ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2014Diagnosen als „Währung“
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Schön wäre es, wenn die Datenberge, die die Kostenträger im Gesundheitswesen anhäufen, zu mehr genutzt werden könnten als zu Abrechnungszwecken. Tatsächlich sagen sie über die Prävalenz psychischer Störungen gar nichts aus.

In der Praxis werden Leistungen durch Diagnosen legitimiert. Längere Gespräche, die den Rahmen der Pauschale überschreiten, können nur mit „Psychoziffern“ abgerechnet werden. Deswegen müssen auch „Psychodiagnosen“ angesetzt werden. Viele Patienten in den Praxen sind belastet, aber längst nicht immer krank im psychopathologischen Sinn. Oft wissen sie gar nicht, dass sie eine „Psychodiagnose“ bekommen haben, und sind insofern auch weit davon entfernt, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen.

Zum Zeitraum der Untersuchung der Autoren wurden Ärzte in Vorbereitung auf den Morbiditätsrisikostrukturausgleich zu besonders gründlicher Diagnoseverschlüsselung angehalten. Denn Diagnosen dienen nicht nur den Ärzten, sondern auch den Krankenkassen als „Währung“. Dadurch sind Diagnosen weit entfernt von ihrer ursprünglichen Aufgabe, das Leiden von Patienten zu beschreiben.

Haben Sie nur diejenigen Diagnosen verwendet, die mit G für Gesicherte Diagnosen kodiert wurden oder auch Diagnosen „zum Ausschluss von“ oder „Verdacht auf“? Wir versuchen, wenigstens „Gesicherten Diagnosen“ sparsam zu vergeben, um Patientinnen nicht unangemessen zu stigmatisieren. Ob das nützt, wissen wir nicht.

Ihre Auswertung offenbart die unhaltbaren Zustände im Umgang mit Diagnosen. Ich wünsche mir, dass Ärzte ausführlich beraten dürfen ohne strategische Diagnosevergabe. Diagnosen sollten erst dann kodiert werden, wenn sie zweifelsfrei nachgewiesen sind. Bis dahin sollte es den Kostenträgern genügen, wenn die Ärzte „Beratungsbedarf“ dokumentieren.

DOI: 10.3238/arztebl.2014.0271b

Dr. med. Maria J. Beckermann

Frauenärztin, Psychotherapie

Berlin

M.J.Beckermann@t-online.de

Interessenkonflikt

Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Gaebel W, Kowitz S, Fritze J, Zielasek J: Use of health care services by people with mental illness—secondary data from three statutory health insurers and the German statutory pension insurance scheme. Dtsch Arztebl Int 2013; 110: 799–808 VOLLTEXT
1.Gaebel W, Kowitz S, Fritze J, Zielasek J: Use of health care services by people with mental illness—secondary data from three statutory health insurers and the German statutory pension insurance scheme. Dtsch Arztebl Int 2013; 110: 799–808 VOLLTEXT

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