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Herr Kollege Amerschläger weist darauf hin, dass die disziplinenübergreifende Versorgung bei psychischen Erkrankungen vor allem durch fehlende Behandlungsressourcen erschwert wird. Mehrere Studien belegen lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz in der Fachversorgung (1, 2). Der GKV-Spitzenverband legte hierzu im November 2013 ein Positionspapier zur Reform der Psychotherapie vor, das unter anderem Maßnahmen zur Verkürzung der Wartezeiten auf einen Therapieplatz umfasst (3). In Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland wurde bereits das Verfahren der „dringlichen Überweisung“ etabliert, welches Hausärzten ermöglicht, Patienten innerhalb weniger Tage in die fachärztliche Versorgung zu überweisen.

Frau Kollegin Beckermann kritisiert, dass zu Abrechnungszwecken erhobene Daten nichts über die „wahre“ Prävalenz psychischer Störungen aussagen. Richtig ist, dass in unserer Arbeit durchgängig der Begriff „Inanspruchnahme-Prävalenz“ verwendet wird. Des Weiteren weist Frau Kollegin Beckermann darauf hin, dass Leistungen durch Diagnosen legitimiert werden. Dies ist insofern richtig, als nur das Vorliegen einer Diagnose eine Leistungserbringung durch die Krankenkassen auslösen kann. Ob längere Gespräche nur durch „Psychoziffern“ abgerechnet werden können, wie weiter ausgeführt wird, scheint uns fraglich – auch Beratungen gehören zum Katalog vertragsärztlicher Leistungen. Dass, wie Frau Kollegin Beckermann schreibt, dadurch Diagnosen zu „Währungen“ werden, können wir nicht nachvollziehen. Die „Währung“ sind je nach Versorgungsbereich DRGs, Pauschalen und die Gebührenordnungen – durch Diagnosen gestützt, aber nicht in der Höhe der Vergütung durch Diagnosen allein bestimmt. Hinsichtlich der Frage, welche Diagnosearten in unserer Studie einbezogen waren: Es wurden nur als gesichert („G“) dokumentierte Diagnosen einbezogen. Die Frage der Stigmatisierung durch die Diagnose einer psychischen Störung ist sicher ein Problem – gleichwohl schiene es uns nicht angebracht, durch verschleiernde oder vermeidende Diagnosestellung eine vermeintliche oder tatsächliche Benachteiligung zu umgehen, weil dies auch die Versagung notwendiger Leistungen zur Folge haben könnte. Sielk und Kollegen stellten zum Beispiel für die Depression fest, dass seelische Belastungen in Hausarztpraxen oft erkannt und behandelt werden, ohne dass eine entsprechende Diagnose vergeben wird (4). Dass der Umgang mit Diagnosen „unhaltbar“ sei, ist für uns in dieser Schärfe nicht nachvollziehbar. Hierzu wären neue Untersuchungen zur Diagnosequalität notwendig. Dass, wie Frau Kollegin Beckermann anmahnt, Diagnosen erst kodiert werden sollten, wenn sie mit hinreichender Sicherheit gestellt werden können, ist unstrittig – daher ist ja auch der Zusatz „V“ bei Verdachtsdiagnosen vorgesehen.

Beide Leserbriefe – aus der Praxis verfasst – weisen auf einige gravierende Mängel des Versorgungssystems für Menschen mit psychischen Störungen hin. Sie belegen damit aber auch die Bedeutung einer Versorgungsforschung mit Routinedaten, deren Datenqualität allerdings weiter zu entwickeln ist.

DOI: 10.3238/arztebl.2014.0271c

Für die Verfasser:

Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel

Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Medizinische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

LVR-Klinikum Düsseldorf

wolfgang.gaebel@uni-duesseldorf.de

Interessenkonflikt

Prof. Gaebel ist Faculty Member der Lundbeck International Neuroscience Foundation (Scientific Advisory Board).
Er bekam Reisekostenerstattung von der DGPPN, dem AQUA-Institut und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Träger psychiatrischer Krankenhäuser. Veranstaltungssponsoring (Symposium Support) erhielt er von den Firmen Lilly, Servier und Janssen Cilag.

1.
Bundes­psycho­therapeuten­kammer. BPtK-Studie zu Wartezeiten in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung. Berlin, 2011. www.bptk.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/BPtK-Studien/belastung_moderne_arbeitswelt/Wartezeiten_in_der_Psychotherapie/20110622_BPtK-Studie_Langfassung_Wartezeiten-in-der-Psychotherapie.pdf (last accessed on 27 February 2014).
2.
Kruse J, Herzog W: Zwischenbericht zum Gutachten
„Zur ambulanten psychosomatischen/psychotherapeutischen Versorgung in der kassenärztlichen Versorgung in Deutschland – Formen der Versorgung und ihre Effizienz“. Gießen, 2012. http://s255669059.online.de/pdf/Gutachten_Psychosomatik_Zwischenbericht.pdf (last accessed on 30 January 2014).
3.
GKV Spitzenverband. Reform des Angebots an ambulanter Psychotherapie – Vorschläge der gesetzlichen Krankenkassen (Positionspapier). Berlin, 2013. www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/publikationen/Positionspapier_GKV-SV_Ambulante_Psychotherapie.pdf (last accessed 31 January 2014).
4.
Sielk M, Altiner A, Janssen B, Becker N, de Pilars MP, Abholz HH: Prävalenz und Diagnostik depressiver Störungen in der Allgemeinarztpraxis. Ein kritischer Vergleich zwischen PHQ-D und hausärztlicher Einschätzung. Psychiatr Prax 2009; 36: 169–74 CrossRef MEDLINE
5.
Gaebel W, Kowitz S, Fritze J, Zielasek J; Use of health care services by people with mental illness—secondary data from three statutory health insurers and the German statutory pension insurance scheme. Dtsch Arztebl Int 2013; 110: 799–808 VOLLTEXT
1.Bundes­psycho­therapeuten­kammer. BPtK-Studie zu Wartezeiten in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung. Berlin, 2011. www.bptk.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/BPtK-Studien/belastung_moderne_arbeitswelt/Wartezeiten_in_der_Psychotherapie/20110622_BPtK-Studie_Langfassung_Wartezeiten-in-der-Psychotherapie.pdf (last accessed on 27 February 2014).
2.Kruse J, Herzog W: Zwischenbericht zum Gutachten
„Zur ambulanten psychosomatischen/psychotherapeutischen Versorgung in der kassenärztlichen Versorgung in Deutschland – Formen der Versorgung und ihre Effizienz“. Gießen, 2012. http://s255669059.online.de/pdf/Gutachten_Psychosomatik_Zwischenbericht.pdf (last accessed on 30 January 2014).
3.GKV Spitzenverband. Reform des Angebots an ambulanter Psychotherapie – Vorschläge der gesetzlichen Krankenkassen (Positionspapier). Berlin, 2013. www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/publikationen/Positionspapier_GKV-SV_Ambulante_Psychotherapie.pdf (last accessed 31 January 2014).
4.Sielk M, Altiner A, Janssen B, Becker N, de Pilars MP, Abholz HH: Prävalenz und Diagnostik depressiver Störungen in der Allgemeinarztpraxis. Ein kritischer Vergleich zwischen PHQ-D und hausärztlicher Einschätzung. Psychiatr Prax 2009; 36: 169–74 CrossRef MEDLINE
5.Gaebel W, Kowitz S, Fritze J, Zielasek J; Use of health care services by people with mental illness—secondary data from three statutory health insurers and the German statutory pension insurance scheme. Dtsch Arztebl Int 2013; 110: 799–808 VOLLTEXT

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