ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Diagnostik und Behandlung von Depressionen: Wenig leitliniengerecht

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Diagnostik und Behandlung von Depressionen: Wenig leitliniengerecht

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 145

Bühring, Petra

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Polemik zieht immer erst einmal Aufmerksamkeit auf sich. Die renommiertesten Wochenpublikationen Deutschlands, „Der Spiegel“ und „Die Zeit“, nahmen gleichzeitig den zuvor veröffentlichten „Faktencheck Gesundheit“ mit Schwerpunkt Depression der Bertelsmann-Stiftung zum Anlass, über die vermeintlich faulen Psychotherapeuten herzufallen, die lieber die leichten Fälle unter den psychisch Kranken behandelten, weshalb die Schwerkranken keinen Therapieplatz fänden. „Dass mancher von ihnen lieber den Studenten mit Prüfungsangst behandelt, als den Senior mit Suizidgedanken, ist ein offenes Geheimnis“, schreibt der nicht unbekannte Autor Jörg Blech im „Spiegel“ (Heft 12/2014). Und Dr. med. Manfred Lütz, Psychiater und Kabarettist, äußert sich in der „Zeit“ erbost über ärztliche wie Psychologische Psychotherapeuten, die sich ihre Patienten aussuchen könnten und lieber die nähmen, die „für alle Tragödien des Lebens Psychoexperten zurate ziehen“, ohne wirklich krank zu sein (Heft 13/2014).

Nun hat die Bertelsmann-Stiftung tatsächlich festgestellt, dass mehr als die Hälfte der Patienten mit schweren und chronischen Depressionen unzureichend behandelt werden und 18 Prozent gar nicht. Diese, unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dr. phil. Martin Härter, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, gewonnene Erkenntnis gründet immerhin auf anonymisierten Routinedaten von etwa sechs Millionen Versicherten aus der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Eine angemessene leitliniengerechte Behandlung, also eine Kombination aus Psychotherapie und Psychopharmakotherapie, erhalten danach nur 26 Prozent der schwer Depressiven; 56 Prozent werden nur medikamentös oder nur mit Psychotherapie behandelt. Mit zunehmendem Alter nimmt der Anteil der ausschließlich medikamentös oder gar nicht Behandelten zu. Ob eine Depression erkannt wird, hängt sehr stark vom Wohnort ab: Die meisten Depressionsdiagnosen werden in Bayern und Baden-Württemberg sowie in Berlin und Hamburg gestellt; die niedrigsten Raten haben Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Auffallend ist auch, dass die Hälfte der Depressionsdiagnosen unspezifisch ist; 80 Prozent dieser ungenauen Diagnosen werden von Hausärzten vergeben. Je mehr Psychiater und Psychotherapeuten in einer Region sind, desto höher ist der Anteil an leitlinienorientierter Behandlung.

Die Diagnosestellung von Depressionen und deren Genauigkeit müssten dringend verbessert werden, fordert die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), damit jeder Betroffene auch eine angemessene Behandlung erhalte und die Depression nicht chronifiziere. Die Behandlung müsse sich noch stärker an der nationalen Leitlinie „Unipolare Depression“ ausrichten. Von der Politik erwartet die DGPPN zudem, einen Nationalen Aktionsplan Depression zu initiieren. Die Autoren um Härter fordern, neben verbesserter Aufklärung und Stärkung der Patientenbeteiligung, mehr Forschung darüber, warum Ärzte und Psychotherapeuten nicht immer leitliniengerecht behandeln. Sie regen die Weiterqualifizierung der Behandler und innovative Versorgungsmodelle an.

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Nirgendwo in der umfangreichen Analyse der Bertelsmann-Stiftung befindet sich ein Hinweis darauf, dass Psychotherapeuten eher die „leichten“ Fälle behandeln. Die Gründe für nicht behandelte schwere Depressionen sind viel komplexer. Weiterhin Vorurteile zu schüren, ist so unnötig wie kontraproduktiv.

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Avatar #79783
Practicus
am Montag, 14. April 2014, 23:37

erst die Diagnose!

Gerade bei der Richtlinienpsychotherapie - reine Mangelverwaltung - steht und fällt die Therapieentscheidung mit der richtigen Diagnose.
Und die Diagnose einer depressiven Störung wird häufig nicht gerade "leitliniengerecht" gestellt. Und vergessen wird gern eines: Wer erst einmal eine F-Diagnose in der Anamnese hat, kann für die Zukunft alle Lebens- Unfall- Berufsunfähigkeits- und private Kran­ken­ver­siche­rungen vergessen, wird von weiten Teilen der Zukunftsvorsorge praktisch lebenslang ausgeschlossen! Ich möchte allen Kollegen empfehlen, depressive Störungen, soweit möglich, erst einmal als Z-Diagnose zu codieren (z.B. Z76) und eine F-Diagnose von Facharzt stellen zu lassen.
Avatar #621410
jsbielicki
am Samstag, 12. April 2014, 09:06

Psychotherapie ist kein Allheimittel

Eine Psychotherapie kann nicht alles und kann nicht jeden heilen. Es ist ein Mittel, wie jedes andere, es hat sein Wirkungsgebiet und seine Grenzen. Nach den Psychotherapierichtlinien muß eine Psychotherapie indiziert, zweckmäßig und wirtschaftlich sein. Über die Einhaltung dieser Vorgaben wachen die Psychotherapiegutachter. „Schicksalhafte Ereignisse, biographische Schwellensituationen, Fehlverhalten des sozialen Umfelds des Patienten, frühkindliche Traumatisierungen, Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz, Belastungen durch Organminderwertigkeiten usw. – solche Faktoren im weiten Bedingungsfeld der Biographie eines Patienten erbringen allein durch ihr Vorhandensein nicht schon den Nachweis der psychischen Ätiologie einer neurotischen Störung, deren Behandlung damit ausreichend begründet wäre.“ (Siehe Faber/Haarstrick Kommentar Psychotherapie-Richtlinien 9., aktualisierte und ergänzte Auflage, S.17)
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