ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Die sieben Todsünden: Neid – Neidfraß

KUNST + PSYCHE

Die sieben Todsünden: Neid – Neidfraß

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 146

Kraft, Hartmut

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Katharina Immekus: Neid (2012). Linolschnitt schwarz-weiß, 21,5 × 30,3 × 22 cm (Pop-up-Grafik), Auflage 60 Exemplare, hier Exemplar 47. Foto: Eberhard Hahne
Katharina Immekus: Neid (2012). Linolschnitt schwarz-weiß, 21,5 × 30,3 × 22 cm (Pop-up-Grafik), Auflage 60 Exemplare, hier Exemplar 47. Foto: Eberhard Hahne

Anhand eines Kupferstichs von Matham/Goltzius aus dem 17. Jahrhundert haben wir uns dem Neid der Götter und Mitmenschen genähert. Wie aber steht es mit unserem Neid, unseren eigenen Neidgefühlen? Worauf sind wir neidisch? Wie gehen wir mit unserem Neid um? „Neid gehört zu den Schamteilen der Seele“, hat Friedrich Nietzsche gesagt. Neidgefühle werden nur selten offen zugegeben – nicht einmal sich selbst. Am ehesten noch haben wir Umgang mit dem gutartigen Neid, der gern mit der Farbe Weiß assoziiert wird. Er äußert sich in Komplimenten, Bewunderung und will den Bewunderten nicht schädigen. Allerdings sollte dieser so freundlich daherkommende Neid doch auch immer kritisch hinterfragt werden. Gar nicht selten schlägt er in Schadenfreude oder Häme um, sobald das Objekt der Bewunderung einmal versagt, einen Fehler macht, nicht mehr der Größte ist. Dann auf einmal kann der bösartige, auch gelb oder grün genannte Neid hervorbrechen.

Was aber geschieht, wenn dieser Neid keinen Weg in konstruktive Handlungen, in ein Rivalisieren, in einen mehr oder weniger fairen Wettbewerb findet? Nicht nur unsere Aggressionen, auch unser Neid kann sich gegen die eigene Person richten. Dies kann geschehen, sobald wir uns zugestehen müssen, uns dauerhaft benachteiligt oder gar minderwertig zu fühlen – und gleichzeitig über keine Mittel und Wege zu verfügen, um diesen Zustand zu ändern. Das ist die Situation, in der uns der Neid innerlich zerfressen kann. Und das ist auch das Thema der Grafik von Katharina Immekus. In einer unwirtlichen, nur schwarz und weiß dargestellten Landschaft spiegelt sich ein Berg in einem Gewässer. Aus dem mutmaßlich kalten Wasser ragen zwei Köpfe empor. Beide sind angefressen, der linke im Gesicht, dem rechten Kopf fehlen bereits ganze Teile des Schädels. Von Neid zerfressen sind die dargestellten Personen, geschädigt von den gegen die eigene Person gerichteten Neidgefühlen. Warnend wird uns der Neid als eine selbstschädigende Todsünde vor Augen geführt.

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Aber muss das so sein? Ist Neid nicht auch ein individueller und sozialer Motor, eine Quelle des Antriebs zu eigenen Anstrengungen und zur Weiterentwicklung? Im günstigen Fall führt Neid zur Gerechtigkeit, wie es Walther Rathenau einmal formuliert hat: „Gerechtigkeit entspringt dem Neide, denn ihr oberster Satz ist: allen das Gleiche.“

Neidisch sind wir aber gar nicht so sehr auf bestimmte Güter, Fähigkeiten oder Leistungen – auf Haus, Pferd und Swimmingpool, wie ein erfolgreicher Werbespot der Sparkassen uns vermitteln wollte. Wenn der Besitzende an seinen Gütern keine Freude hat, sie keinen Wert für ihn besitzen, dann bedauern wir ihn, nennen ihn gar depressiv. Wirklich neidisch sind wir erst, wenn wir erleben, wie stolz oder gar glücklich ein Mensch ist: „Beneidet wird also die Beziehung zwischen dem Beneideten und seinem Objekt (. . .) Damit beneidet der Neider auch die Möglichkeit, mit einem Attribut zufrieden zu sein, sich daran zu freuen, und die Fähigkeit, etwas mit Bedeutung und Intensität zu besetzen.“ (Lohmer 2008). Wer davon lernt, erspart es sich, vom eigenen Neid zerfressen zu werden. Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Katharina Immekus

Geboren 1970 in Olpe. 1994–2000 Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, 1997–1998 Studium der Malerei an der Det Kongelige Danske Kunstakademie Kopenhagen. Seit 2010 Vertretungsprofessur in Leipzig. Weitere Informationen unter www.galerie-b2.de

1.
Immekus K: Katalog. Leipzig: Lubok Verlag 2011.
2.
Lohmer M: Neid. In: Mertens W, Waldvogel B (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Stuttgart: Kohlhammer, 3. Auflage 2008: 501–5.
3.
Wappenschmidt K (Hrsg.): Neid – Der böse Blick zum Nachbarn. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Kulturzentrums Sinsteden, Rommerskirchen 2010.
1.Immekus K: Katalog. Leipzig: Lubok Verlag 2011.
2.Lohmer M: Neid. In: Mertens W, Waldvogel B (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Stuttgart: Kohlhammer, 3. Auflage 2008: 501–5.
3.Wappenschmidt K (Hrsg.): Neid – Der böse Blick zum Nachbarn. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Kulturzentrums Sinsteden, Rommerskirchen 2010.

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