ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Ambulante Psychotherapie: Sprechstunden, Akutversorgung und Richtlinienpsychotherapie

POLITIK

Ambulante Psychotherapie: Sprechstunden, Akutversorgung und Richtlinienpsychotherapie

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 151

Bühring, Petra

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Die Reform der psychotherapeutischen Versorgung steht auf der Agenda von Politik und Selbstverwaltung. Der aktuelle Stand der Vorschläge wurde auf einer Veranstaltung des Bundesverbands Managed Care e.V. diskutiert.

Eine Reform der psychotherapeutischen Versorgung ist dringend notwendig. Darin sind sich Politik, Selbstverwaltung und die Berufsverbände einig. Zu bedeutend sind die Auswirkungen psychischer Erkrankungen für die Gesellschaft, zu lang die Wartezeiten auf einen Therapieplatz, zu willkürlich der Zugang zu Therapeuten und Verfahren, zu unflexibel die Richtlinien-Psychotherapie. Die Veranstaltung „Neue Versorgungs- und Anreizstrukturen für die ambulante Psychotherapie“, die der Bundesverband Managed Care e.V. (BMC) am 12. März in Berlin veranstaltete, zog viel Fachpublikum an, denn die Weichen werden jetzt gestellt. Die große Koalition will sich mit der Reform der psychotherapeutischen Versorgung befassen, der GKV-Spitzenverband hat ein Positionspapier vorgelegt. Stichworte: Gutachterverfahren entbürokratisieren, Gruppentherapie fördern, Befugnisbeschränkungen überprüfen, Richtlinie zeitnah überarbeiten, mehr Kurzzeittherapie. Der letzte Vorschlag dürfte inzwischen überholt sein, nachdem gerade eine Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) analysiert hat, dass bereits 70 Prozent aller Psychotherapie-Patienten eine Kurzzeittherapie erhalten (PP, Heft 3/2014).

Auch die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) beteiligt sich an der Reform-Diskussion. Sie entwickelte ein Modell einer gestuften psychotherapeutischen Versorgung, das der stellvertretende Bundesvorsitzende, Dieter Best, bei der BMC-Veranstaltung erläuterte. „Unser Modell führt nicht zu einer Ausweitung der Behandlungskapazitäten“, schickte Best vorweg. Es umfasst sechs Module oder Möglichkeiten des Kontakts, die derselbe Therapeut anbieten können sollte, um dem Bedarf unterschiedlicher Patienten flexibel – und eben über die Richtlinienpsychotherapie hinaus – gerecht zu werden. Erhalten bleiben soll in jedem Fall der direkte Zugang zu Psychotherapeuten. Die Module im einzelnen:

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  • Sprechstunde von bis zu 60 Minuten pro Patient und Quartal als niedrigschwelliger erster Zugang
  • Frühzeitige diagnostische Abklärung (FDA) innerhalb von 14 Tagen nach Kontaktaufnahme des Patienten (maximal drei Stunden)
  • Akutversorgung (AV) bei akuten Krisen oder um Arbeitsunfähigkeit abzuwenden (maximal 15 Stunden)
  • Themenbezogene psychoedukative Gruppentherapie, die anstelle der AV angeboten werden kann
  • Probatorische Sitzungen
  • Richtlinien-Psychotherapie (Verrechnung mit der AV)
  • niederfrequente Erhaltungstherapie bei chronisch psychisch Kranken (zwölf Einzelsitzungen oder 24 Doppelsitzungen Gruppentherapie im Jahr).

Wie die einzelnen Module miteinander verbunden sein könnten, erläutert die Grafik. Best wies auf einige offene Fragen hin: So sei noch nicht geklärt, welche Module nur anzeigepflichtig und welche genehmigungspflichtig würden. Auch müssten noch die Modifikationen für die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie geklärt werden. Weil die meisten Therapeuten angesichts des hohen Bedarfs vermutlich zu Beginn mit Anfragen nach Akutinterventionen überschwemmt würden, erschienen Quoten für FDA un

Modell einer gestuften ambulanten psychotherapeutischen Versorgung
Modell einer gestuften ambulanten psychotherapeutischen Versorgung
Grafik
Modell einer gestuften ambulanten psychotherapeutischen Versorgung
d AV pro Therapeut sinnvoll.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung befürwortet das Modell einer gestuften Versorgung in ihrem Positionspapier zum Koalitionsvertrag. Die Forderungen zur psychotherapeutischen Versorgung in dem am 24. März veröffentlichten Papier entsprechen den Vorschlägen der DPtV. Außerdem fordert die KBV, das Antrags- und Gutachterverfahren zu entbürokratisieren: Mögliche Änderungen könnten der Wegfall jeweils des zweiten Bewilligungsschrittes für Langzeittherapien in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie und der Verhaltenstherapie sein, sowie Maßnahmen zur Unterstützung der Gruppentherapie. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss muss für alle Änderungen die Psychotherapie-Richtlinie überarbeiten und ist derzeit dabei. „Ziel muss sein, dass die Überarbeitung der Richtlinie in zwei Jahren abgeschlossen ist“, schreibt die KBV.

Hinsichtlich einer Reform der Gruppentherapie hält die DPtV die Möglichkeit eines freien Mischungsverhältnisses zwischen Gruppen- und Einzeltherapie für notwendig. Der Anteil von gegenwärtig 1,5 Prozent Gruppentherapie an der psychotherapeutischen Versorgung lässt sich nach Ansicht von Best aber nicht mehr als vervierfachen, denn: „Es gibt viele Patienten, die keine Gruppentherapie wollen.“

Für eine flexiblere Kombination von Gruppen- und Einzeltherapie auch in tiefenpsychologisch fundierten Verfahren ist auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). Deren Geschäftsführerin, Dr. Christina Tophoven, wies in ihrem Vortrag auf die Notwendigkeit hin, die Gruppentherapie zu entbürokratisieren, um sie attraktiver zu machen: Ein Verzicht auf die Berichtspflicht sei unumgänglich.

Großen Reformbedarf sieht die BPtK hinsichtlich einer flexibleren Praxisgestaltung: Psychotherapeuten müssten offene Sprechstunden anbieten, wozu qualifiziertes Praxispersonal notwendig sei. „Wir werden uns anders aufstellen müssen“, sagte Tophoven. In den Sprechstunden müssten Psychotherapeuten künftig auch Lotsenfunktion ausüben und den Patienten zum für ihn richtigen Versorgungsangebot weisen.

Denn der Hausarzt als Lotse alleine reiche nicht aus: „Viele unter Vierzigjährige haben häufig keinen Hausarzt, die suchen direkt einen Spezialisten auf.“ Der Lotse könnte entscheiden, ob für den Patienten eine Richtlinienpsychotherapie oder stattdessen eine Selbsthilfegruppe, eine Bibliotherapie, indikationsspezifische Gruppentherapie, Kurzzeitinterventionen oder auch ein stationärer Aufenthalt richtig seien. Eine Alternative zu solchen Lotsenpraxen könnten „Psychotherapeutische“ Versorgungszentren analog zu Medizinischen Versorgungszentren sein, sagte Tophoven. Dazu sei es allerdings notwendig, die Rechtslage so zu ändern, dass auch Psychologen ein solches Zentrum leiten könnten und nicht nur Ärzte.

„Für all diese Koordinationsaufgaben brauchen wir die Befugnisse, zu überweisen, stationär einzuweisen, Arbeitsunfähigkeiten zu bescheinigen und Heilmittel zu verordnen“, forderte die BPtK-Geschäftsführerin. Und auch DPtV-Vize Best hält diese Befugnisse für Psychologische Psychotherapeuten in einer künftigen reformierten Versorgung für zwingend notwendig. Der stellvertretender Vorsitzende der Barmer- GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, machte hier Zugeständnisse: „Darüber lässt sich diskutieren.“ Dietrich Monstadt (CDU), Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages, versprach sogar: „Ich setze mich persönlich dafür ein, dass die Aufhebung der Befugnisbeschränkung zügig umgesetzt wird.“

Aus Sicht der Krankenkassen reichen die Ressourcen in der psychotherapeutischen Versorgung aus, und die Versorgung ist im internationalen Vergleich in Deutschland gut. „Eine Reform der Versorgung ist mit den bestehenden finanziellen und personellen Ressourcen gut möglich“, erklärte der Barmer-GEK-Vize Schlenker. Eine bessere Bedarfsplanung sei allerdings erforderlich, um den langen Wartezeiten zu begegnen.

Schlenker stellte noch einmal das Reformkonzept des GKV-Spitzenverbandes vor (siehe auch PP, Heft 12/2013). Dieses sieht verfahrensunabhängige gestufte und kürzere Therapiekontingente vor:

  • eine „orientierende“ Sprechstunde von maximal zwei Stunden
  • probatorische Sitzungen (drei Stunden, verpflichtend)
  • Therapiekontingent 1 (zwölf Stunden); nur anzeigepflichtig
  • Wartezeit von sechs Wochen, sogenannte Reflexionsphase
  • Therapiekontingent 2 (zehn Stunden), nur anzeigepflichtig
  • Therapiekontingent 3 (25 Stunden) antrags- und genehmigungspflichtig sowie Einsatz psychometrischer Instrumente
  • nach Einzelfallentscheidung der Krankenkasse bis zu 300 Stunden; antrags- und genehmigungspflichtig.

Der Krankenkassevertreter musste sich Kritik von allen Seiten für die vorgesehene „Reflexionsphase“ von sechs Wochen gefallen lassen, die in dem Konzept nach dem ersten Therapiekontingent vorgesehen ist, bevor das zweite Kontingent beginnen kann. „Solche willkürlichen Therapieunterbrechungen sind wenig sinnvoll“, sagte beispielsweise Dirk Heidenblut (SPD), Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Er begrüßte, dass der GKV-Spitzenverband ein Reformkonzept vorgelegt hat und versprach, sich in der Politik für die Weiterentwicklung einer guten psychotherapeutischen und psychiatrischen Versorgung einzusetzen.

Petra Bühring

Modell einer gestuften ambulanten psychotherapeutischen Versorgung
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Grafik
Modell einer gestuften ambulanten psychotherapeutischen Versorgung

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