ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Pauschalierendes Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP): Anreize zu verfrühter Entlassung

POLITIK

Pauschalierendes Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP): Anreize zu verfrühter Entlassung

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 154

Bühring, Petra

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Mit Hilfe einer Petition und eines Bundestagsantrags sollte das umstrittene neue Entgeltsystem aufgehalten werden. Dies ist zwar vorerst nicht gelungen – doch die Kritik am PEPP hält an.

Die Petition des Selbsthilfevereins Pandora, die den Bundestag dazu auffordern sollte, das neue pauschalierende Entgeltsystem für Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) frühestens 2017 einzuführen, um „sachgerechte Alternativen zu entwickeln“, hat mit etwa 43 656 Unterschriften am 24. Februar das Quorum von 50 000 verfehlt. Der Petitionsausschuss prüft zurzeit, ob das Thema trotzdem angehört wird. Die Petition wird unterstützt von einem breiten Bündnis aus leitenden Klinikärzten, Pflegekräften, Angehörigen und Betroffenen, vertreten durch Fachgesellschaften und Verbände, gebündelt von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

PEPP als „lernendes System“

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Ein Antrag der Bundestagsfraktion der Linken (Drucksache 18/557), mit dem die Einführung von PEPP gestoppt werden sollte, wurde nach einer Diskussion im Bundestag am 21. Februar zurück an den Gesundheitsausschuss überwiesen. Unterstützung fand der Antrag allein bei den Grünen. Die Koalitionsparteien sprachen sich dafür aus, PEPP wie geplant ab Anfang 2015 für alle psychiatrischen und psychosomatischen Stationen und Kliniken verbindlich einzuführen (Kasten). „Das derzeitige System der tagesgleichen Pflegesätze ist ungerecht“, sagte beispielsweise Ute Bertram von der CDU/CSU-Fraktion. „Das neue System wird die Transparenz über das Leistungsgeschehen deutlich verbessern.“ Dirk Heidenblut von der SPD gesteht „Zeit für Anpassungen und Korrekturen“ zu und fordert die Kliniken auf, aktiv an der Weiterentwicklung von PEPP mitzuarbeiten. Denn PEPP sei von vornherein als „lernendes System“ angelegt worden.

Das Bündnis um die DGPPN hingegen fordert die Politik auf, „grundlegende Modifikationen des Entgeltkatalogs und eine Überarbeitung des Gesetzes“ vorzunehmen. Auch eine Verlängerung der budgetneutralen Optionsphase sei unumgänglich.

Die hohe Zahl der Unterstützer der Petition sei eine klare Aufforderung zu handeln. Schon im Vorfeld der Einführung Ende 2012 – das Bundesministerium für Gesundheit musste PEPP damals durch Ersatzvornahme in Kraft setzen – hagelte es Kritik, die das Bündnis aktuell in einem offenen Brief zusammengefasst hat.

Degressive Vergütung

Die im PEPP-Entgeltkatalog festgeschriebene verweildauerabhängige degressive Vergütung setze erhebliche Anreize, Patienten möglichst am Ende der ersten höheren Vergütungsstufe zu entlassen. Individuelle Schwankungen des Behandlungsverlaufs oder vermehrter Behandlungsaufwand bei auftretenden Krisen würden nicht abgebildet. Die monoton degressive Vergütung werde dazu führen, dass Patienten im noch nicht stabilen psychischen Zustand in die ambulante Versorgung entlassen würden, die hierauf jedoch nicht ausreichend eingerichtet sei. Weder stünden genügend Psychiater noch Psychotherapeuten zur Verfügung. Dadurch werde die Qualität der Versorgung gerade schwer psychisch Kranker gefährdet (siehe auch „Wohin kann der Weg gehen?“ DÄ, Heft 27–28/2013).

Mit dem offenen Brief nimmt das Bündnis Stellung zur Positionierung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), die sich gegen eine Verschiebung des neuen Entgeltsystems ausgesprochen hat. PEPP sei „grundsätzlich eine Chance, Psychotherapie in der stationären Versorgung besser zu verankern und für die Patienten leichter erkennbar zu machen, welche Klinik Psychotherapie leitliniengerecht anbietet“, argumentiert die BPtK. Zunächst sollten doch konkrete Erfahrungen mit dem neuen Finanzierungssystem gemacht werden. Dies sei eine „wenig reflektierte konfrontative Positionierung“, kontert das Bündnis und „nicht sachgerecht“. Die Kammer möge eine „Kurskorrektur“ vornehmen.

Petra Bühring

Entwicklung des neuen Entgeltsystems

Vor mehr als zehn Jahren wurde das DRG-Entgeltsystem für die somatischen Krankenhäuser eingeführt; die psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken blieben zunächst ausgeklammert. Ab 2009 begannen die Vorbereitungen für ein pauschalierendes Entgeltsystem in der Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP), bei dem es aber nicht wie im DRG-System um diagnosebasierte Fallpauschalen geht, sondern um nach Leistungen differenzierte Tagespauschalen.

Die Entgeltentwicklung soll schrittweise bis 2021 erfolgen, damit finanzielle Risiken für die Kliniken gemindert und Fehlentwicklungen umgesteuert werden können. Seit 2010 melden alle Psych-Kliniken bereits Daten zur Leistungsbeschreibung; die Gruppe der „Kalkulationshäuser“ liefert dem Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) zusätzlich die Daten zu den Gesamtkosten der Behandlung pro Patient und Tag, um daraus relative Vergütungsstufen entsprechend dem Behandlungsaufwand zu entwickeln. 2013 und 2014 konnten und können die Kliniken das neue PEPP freiwillig übend anwenden. Von 588 Kliniken haben sich 80 dazu entschieden. Ab 2015 wird PEPP für alle verbindlich; es folgt eine zweijährige Erprobungsphase, die budgetneutral sein soll. Ab 2017 beginnt die sogenannte Konvergenzphase.

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