ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Wirtschaftliche Situation der Praxen: Verbesserungen sind erkennbar

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Wirtschaftliche Situation der Praxen: Verbesserungen sind erkennbar

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 155

Rieser, Sabine

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Der deutliche Honorarzuwachs im Jahr 2009 hat die Einnahmen verbessert. Doch weil die Kosten steigen, waren die Ertragszuwächse schon 2010 wieder gering, real sogar rückläufig. Die Honorarreform muss weitergeführt werden, betont die KBV.

Foto: Reinhold Schlitt
Foto: Reinhold Schlitt

Als das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) zuletzt ein Praxis-Panel (ZIPP) zur wirtschaftlichen Situation in den Arztpraxen vorlegte, im Jahr 2012, standen Sorgen um steigende Kosten und zu geringe Investitionen im Vordergrund. „Die Anforderungen an die Qualität der ärztlichen Versorgung und der medizinisch-technische Fortschritt bedingen notwendige und kontinuierliche Investitionen“, betonte seinerzeit der damalige Kuratoriumsvorsitzende, Dr. med. Wolfgang Eckert, seinerzeit Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Mecklenburg-Vorpommern. Eckert wertete es als ein schlechtes Zeichen, dass die Hälfte der Praxen 2008 nicht mehr als 3 800 Euro investiert hatte. Er forderte ein investitionsfreundlicheres Klima.

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Die Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten, die für diesen Jahresbericht 2010, vorgestellt 2012, Daten für die Jahre 2006 bis 2008 lieferten, hatten ihren Investitionsbedarf für Neuanschaffungen auf hochgerechnet 21 000 Euro beziffert. Für das Praxis-Panel werden regelmäßig die wirtschaftliche Situation und die Rahmenbedingungen der vertragsärztlichen Versorgung aufgrund von Arztbefragungen sowie Praxisdaten analysiert, allerdings stark zeitversetzt.

Praxisumsatz ist gestiegen, Investitionen sind höher

Als das ZIPP mit den Auswertungen im Frühjahr 2012 erschien, reagierte der damalige Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Köhler: Er kündigte an, im Bewertungsausschuss etwa 800 Millionen Euro allein dafür zu fordern, dass Vertragsärzte und -psychotherapeuten einen fünfprozentigen Zuwachs für notwendige Investitionen erhalten.

Auch wenn Köhler sich damit nicht durchsetzen konnte, hat sich die Situation im Hinblick auf Praxisinvestitionen wie Einnahmen etwas verbessert. Das zeigt der Jahresbericht 2012, der den Zeitraum 2008 bis 2010 umfasst und Ende Februar vorgelegt wurde. Der Umsatz in den Praxen von Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten ist danach gestiegen: um 4,8 Prozent von 2008 auf 2009 und um zwei Prozent von 2009 auf 2010. Er lag 2010 bei 266 000 Euro je Praxisinhaber. Dies entspricht, verglichen mit 2008, einem Anstieg um 17 000 Euro. Grund war vor allem die Steigerung der Honorare, die für gesetzlich Krankenversicherte 2009 gezahlt wurden, um 6,3 Prozent. Die Privateinnahmen erhöhten sich um 2,7 Prozent.

Kurz vor seinem Ausscheiden aus der KBV kommentierte Köhler die Daten so: „Auf der einen Seite sind greifbare Verbesserungen der wirtschaftlichen Situation in der vertragsärztlichen Tätigkeit für das Jahr 2009 erkennbar. Auf der anderen Seite sind steigende Kosten, insbesondere für Personal, und – erfreulicherweise – höhere Investitionsraten zu beobachten.“ Allerdings hätten die Niedergelassenen im Jahr 2010 inflationsbereinigt wieder einen Rückgang ihres Überschusses hinnehmen müssen, schränkte Köhler ein.

Dass die Niedergelassenen wieder mehr investiert haben, interpretiert das ZI als Folge des Honorarzuwachses zuvor. 2010 erhöhten sich die Abschreibungen um 2,2 Prozent. Wenn Ärzte in neue Geräte oder Praxisausstattung investierten, würden die Kosten dafür über mehrere Jahre abgeschrieben. „Steigende Aufwendungen für Abschreibungen werden in der Regel durch höhere Investitionen in den Vorjahren verursacht“, erläutert das ZI. Weil keine Abschreibungen auf Autos enthalten sind, muss es sich dem ZI zufolge um Investitionen allein in den Praxisbetrieb handeln.

Beachtenswert findet es das Institut zudem, dass ein erheblicher Teil der Ausgaben für Investitionen aus privaten Mitteln finanziert wurde. Mehr als zwei Drittel der Praxisinhaber haben ihre Anschaffungen vollständig selbst finanziert. Dies müsse bei der Kalkulation ärztlicher Leistungen berücksichtigt werden, fordert das ZI. Doch aktuell würden dafür nur Fremdkapitalzinsen berücksichtigt.

Der Jahresüberschuss je Praxisinhaber, also die Gesamteinnahmen abzüglich der Gesamtbetriebskosten, stieg von 2008 auf 2009 von 126 700 Euro auf 137 000 Euro (+8,1 Prozent) und von 2009 auf 2010 dann auf 138 000 Euro (+0,7 Prozent). Berücksichtigt man die Inflation, sank der Jahresüberschuss 2010 im Vergleich zum Vorjahr aber (–0,4 Prozent). Den Durchschnittsüberschuss erreichten nicht alle Praxen. Dem ZIPP zufolge erzielte etwa die Hälfte der Praxisinhaber einen Jahresüberschuss unter 122 000 Euro, ein Viertel einen unter 81 000 Euro. Ein Viertel der Praxisinhaber kam auf mehr als 175 000 Euro.

Stundensatz liegt im Schnitt bei etwa 30 Euro

Knapp 90 Prozent der Einnahmen stammen im Durchschnitt aus der Versorgung gesetzlich Krankenversicherter und deren Finanzierung durch die Krankenkassen, zehn Prozent aus der Behandlung privat Versicherter und der Inanspruchnahme individueller Gesundheitsleistungen. Circa ein Prozent stammt aus Einnahmen durch die Berufsgenossenschaft oder Unfallversicherung. Bei chirurgisch tätigen Praxisinhabern liegt dieser Anteil bei 13 Prozent. In einzelnen Facharztgruppen stammt allerdings ein Drittel der Einnahmen aus der Privatpraxis (Kasten).

Nach den Berechnungen des Zentralinstituts ergibt sich aus dem Durchschnittseinkommen von 138 000 Euro nach Abzug der Beiträge zur ärztlichen Altersversorgung, zur Kranken- und Pflegeversicherung und der Einkommensteuer ein Nettoeinkommen von 98 000 Euro. Bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 50 Wochenstunden entspricht dies einem Stundensatz von 30 Euro beziehungsweise einem Überschuss pro Stunde von 60 Euro.

Hausärzte und hausärztlich tätige Internisten erreichen diesen Durchschnittswert tendenziell aber nur, weil sie länger arbeiten. Bei Fachärzten liegt der Jahresüberschuss je Stunde hingegen je nach Fachgruppe zwischen 67 und 86 Euro. Durch höhere Kosten lassen sich diese Unterschiede dem ZI zufolge nicht schlüssig erklären.

Die Betriebskosten sind den Auswertungen entsprechend zwischen 2008 und 2010 um 4,7 Prozent je Praxisinhaber gestiegen. Die Aufwendungen für Personal stiegen dabei um mehr als 9,4 Prozent, die für Versicherungen, Beiträge und Gebühren um 8,6 Prozent, die für Mieten und Nebenkosten um sechs Prozent. Die Aufwendungen für Material und Labor, Abschreibungen, Leasing und Gerätemieten sowie Fremdkapitalzinsen entwickelten sich über den Zeitraum 2008 bis 2010 insgesamt rückläufig.

Große Bandbreite zwischen den einzelnen Fachgruppen

Zu berücksichtigen ist weiterhin, dass die Umsatz- und Gewinnentwicklung zwischen und innerhalb der einzelnen Fachgruppen sehr unterschiedlich verlaufen ist. Für die Gruppe „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ weist das Panel für 2008 einen Umsatz von etwa 101 000 Euro aus, für 2010 von knapp 109 000 Euro (+7,1 Prozent). Der Jahresüberschuss steigerte sich von 70 000 Euro im Jahr 2008 auf 76 000 Euro im Jahr 2010 (+9,1 Prozent). Für die Gruppe „Psychotherapie“ lag der Umsatz 2008 bei 85 000 Euro, 2010 bei 96 000 Euro (+13 Prozent). Der Jahresüberschuss stieg von 59 000 Euro auf 68 000 Euro (+17 Prozent).

Erkennbar ist auch, dass Gemeinschaftspraxen tendenziell höhere Kosten als Einzelpraxen haben, aber auch höhere Einnahmen. Der Jahresüberschuss liegt in Gemeinschaftspraxen je Inhaber um fast 20 Prozent höher als ein Einzelpraxen.

Die Ertragslage unterscheidet sich zudem in Fächern wie der Augenheilkunde stark nach dem Leistungsspektrum. „Operativ tätige Praxisinhaber erzielten im Jahr 2010 einen Jahresüberschuss, der rund 61 Prozent über dem der konservativ tätigen Ärzte lag“, heißt es im ZIPP. Dieses Bild ändere sich auch nicht, wenn man den höheren Zeitaufwand operierender Ärzte berücksichtige. Auch bei Dermatologen sind die Unterschiede demnach groß: Je Inhaberstunde erzielen operativ tätige Hautärzte einen Überschuss von 72 Euro, konservativ tätige von 34 Euro.

Sabine Rieser

DAS ZIPP IN KÜRZE

  • Das ZI erhebt regelmäßig die wirtschaftliche Situation in Praxen. Die Angaben beruhen auf anonymisierten Befragungsergebnissen. Zuletzt beteiligten sich etwa 6 200 Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten. 95 Prozent belegten ihre Angaben durch Testate von Steuerberatern.
  • Dennoch wird die Aussagekraft des Praxis-Panels regelmäßig angezweifelt, vor allem von den Krankenkassen. Sie verweisen in der Regel auf Analysen des Statistischen Bundesamtes. In dessen Auswertungen seien aber extrem umsatzstarke Praxen überrepräsentiert, hieß es dazu aktuell vonseiten des ZI. Und die Praxisdaten beruhten komplett auf eigenen Angaben der Befragten.
  • Dass Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten 2010 im Schnitt Praxiseinnahmen von 266 000 Euro erwirtschafteten, liegt daran, dass ein nennenswerter Teil dieser Einnahmen aus privatärztlicher Tätigkeit stammt, nämlich knapp 54 000 Euro. Bei Allgemeinmedizinern und hausärztlichen Internisten lag der Einnahmeanteil aus einer Privatpraxis bei 13 Prozent, bei den Hämatologen/Onkologen bei 14 Prozent. Bei den Augenärzten betrug er 32 Prozent, bei den Dermatologen 34 Prozent, und bei den Urologen 35 Prozent.

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