ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Forschungsprojekt zum Sexuellen Missbrauch: Bischöfe wagen einen neuen Anfang

POLITIK

Forschungsprojekt zum Sexuellen Missbrauch: Bischöfe wagen einen neuen Anfang

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 159

Jachertz, Norbert

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Ein interdisziplinäres Projekt sucht nach institutionell begünstigenden Strukturen und biografisch angelegten Mustern.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann sprach sich für einen „Neustart“ aus, nachdem das frühere Projekt in ein Desaster gemündet sei. Foto: picture alliance
Der Trierer Bischof Stephan Ackermann sprach sich für einen „Neustart“ aus, nachdem das frühere Projekt in ein Desaster gemündet sei. Foto: picture alliance

Die katholischen Bischöfe haben erneut einen Forschungsauftrag vergeben, um sexuellen Missbrauch in ihrem Verantwortungsbereich aufzuarbeiten. Ein 2011 auf den Weg gebrachtes Projekt mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut von Christian Pfeiffer, Hannover, war 2013 wegen unterschiedlicher Ansichten über den Umgang mit Personalakten geplatzt. Das nunmehrige Projekt „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ wurde am 24. März von dem Trierer Bischof Dr. theol. Stephan Ackermann zusammen mit drei Projektverantwortlichen in Bonn vorgestellt. Ackermann ist Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz. Das Wissenschaftlerteam ist interdisziplinär zusammengesetzt. Vertreten sind (forensische) Psychiatrie, Psychologie, Gerontologie, Epidemiologie und Kriminologie, und zwar durch die Professoren Harald Dreßing, Hans-Joachim Salize, beide vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, Dieter Dölling und Dieter Hermann, Kriminologisches Institut der Universität Heidelberg, Andreas Kruse und Eric Schmidt, Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg sowie Britta Bannenberg, Lehrstuhl für Kriminologie der Universität Gießen. Beworben hatten sich drei Teams mit zusammen 22 Wissenschaftlern.

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Aktive Zuarbeit kirchlicher Mitarbeiter

Untersucht wird der Missbrauch an Minderjährigen, nicht an anderweitig Abhängigen, sofern männliche Täter infrage kommen. Ordensangehörige werden nur einbezogen, sofern sie in der regulären Seelsorge einer Diözese arbeiten, nicht aber Ordensmitglieder, die allein ihrem Orden verantwortlich sind – es sei denn, ein Orden ließe eine Analyse seiner Akten zu. Bei dem Projekt arbeite man völlig unabhängig und sei sich der hohen ethischen Verantwortung bewusst, versicherte Dreßing, der das Projekt koordiniert. Das Projekt verfolge in erster Linie einen „qualitativen Ansatz“. Untersucht wird zum Beispiel, ob, wie und seit wann Missbrauchsfälle in den Personalakten dokumentiert werden. Die Wissenschaftler sind dabei auf die aktive Zuarbeit kirchlicher Mitarbeiter angewiesen, denn diese suchen die Fälle heraus, wie es heißt wegen des Datenschutzes. Daran scheiterte das frühere Projekt. Inzwischen habe man aber dazugelernt, versicherte Ackermann. Unabhängig vom guten Willen bischöflicher Personalverwalter lassen sich hingegen weitere Forschungsansätze verfolgen.

Vielversprechend erscheint der biografische Ansatz des Forschungsprojektes. Mit Hilfe von 100 Opfer- und 70 Täterinterviews möchte man Näheres über die „Täter-Opfer-Institutionen-Dynamik“ herausfinden oder das Erleben von Schuld und Reue, aber auch die Bereitschaft zur Vergebung erkunden. Die Opfer seien die eigentlichen Experten, bemerkte Dreßing. Und sie hätten zudem ein hohes Interesse daran, zu erkennen, wie die Taten geschehen konnten, ergänzte Dölling. Kruse gab sich überzeugt, dass Täter bereit seien, über ihr Tun zu reden. Wenn die Erwartungen der Auftraggeber und der Wissenschaftler aufgehen, dann könnten sich aus der Analyse von Personalakten und Interviews Ansätze für die Prävention von Missbrauch gewinnen lassen.

Noch vor der Präsentation des neuen Forschungsprojektes bemängelte ein Opferverband, dass die „verantwortlichen Täterschützer“ nicht zur Rechenschaft gezogen würden. Bischof Ackermann sprach von einem „Neustart“, nachdem das frühere Projekt in ein „Desaster“ gemündet sei. Was er nicht erwähnen konnte: Zum Desaster dürfte auch der eine oder andere aus den eigenen Reihen beigetragen haben, dem nicht so sehr an Klarheit, Transparenz und ehrlicher Aufklärung gelegen war.

Norbert Jachertz

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