ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Psychotherapie in Europa: Ungarn: Unterversorgung, Korruption und Finanznöte

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Psychotherapie in Europa: Ungarn: Unterversorgung, Korruption und Finanznöte

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 166

Sonnenmoser, Marion

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Nur etwa 500 lizenzierte Psychotherapeuten gibt es in Ungarn. Die Regelversorgung ist unbefriedigend und in ländlichen Gebieten kaum vorhanden. Viele Ärzte und Psychotherapeuten verlassen das Land.

Blick auf die Parlamentsgebäude und den Fluss Danube in Budapest. Fotos: picture alliance, Fotolia/daboost
Blick auf die Parlamentsgebäude und den Fluss Danube in Budapest. Fotos: picture alliance, Fotolia/daboost

Die Psychotherapie in Ungarn kann mit Sándor Ferenczi (1873–1933), der ein Schüler und Freund Sigmund Freuds war und sich als Nervenarzt und Psychoanalytiker einen Namen machte, einen wichtigen Vertreter vorweisen. In den Zeiten des Nationalsozialismus und des kommunistischen Regimes hatten ungarische Psychologen und Psychotherapeuten jedoch einen schweren Stand. Erst seit den 1990er Jahren kommen die Fachgebiete allmählich wieder auf die Beine. Allerdings geht dies nur langsam voran, denn es fehlt an Strukturen und an Geld.

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Momentan gibt es in Ungarn circa 500 lizenzierte Psychotherapeuten und weitere 1 500 therapeutisch Tätige ohne anerkannten Abschluss (zum Beispiel Sozialarbeiter und Kunsttherapeuten). Um als Psychotherapeut anerkannt zu werden, bedarf es einer Ausbildung zum Psychiater oder klinischen Psychologen und einer weiterführenden, dreijährigen Zusatzausbildung. Das ungarische Council of Psychotherapy regelt die Ausbildungsbedingungen und die Lizenzierung. Die Ausbildungsrichtlinien entsprechen internationalen Standards. Laut einer Umfrage unter ungarischen Psychotherapeuten verteilen sich die therapeutischen Orientierungen folgendermaßen: psychodynamisch: 54 Prozent, eklektisch: 25 Prozent, systemorientiert: 17 Prozent, kognitiv/verhaltenstherapeutisch: 14 Prozent, existenziell/ humanistisch: fünf Prozent. Die meisten Psychotherapeuten leben und arbeiten in Budapest. Viele sind angestellt und betreiben außerdem noch eine private Praxis.

Die Kosten für eine Psychotherapie trägt in der Regel die nationale Kran­ken­ver­siche­rung. Daneben gibt es auch die Möglichkeit, eine Psychotherapie privat zu finanzieren. Es stehen zurzeit 16 anerkannte psychotherapeutische Verfahren zu Verfügung, unter denen die Patienten frei wählen können.

Auch wenn die Regelversorgung für Patienten kostenfrei ist, ist sie oft unbefriedigend. So ist beispielsweise die ambulante Versorgung unterfinanziert, und es fehlt in einigen Bereichen die nötige Infrastruktur, so dass es insgesamt nur wenige Therapieplätze gibt und die Wartezeiten für eine Facharztbehandlung lang sind. Es hat sich in Ungarn daher eingebürgert, für alle medizinischen Dienstleistungen und für eine schnelle Behandlung schwarz hinzuzuzahlen. Viele Ärzte bessern sich ihre Gehälter durch solche Schwarzgeldzahlungen auf.

Trotz hoher Ausbildungsstandards für Psychotherapeuten ist das Versorgungsangebot nach Meinung des ungarischen Psychiaters und Psychotherapeuten Janos Harmatta in vielen Landesteilen unbefriedigend, weil die meisten Psychotherapeuten in Städten tätig sind, vor allem in Budapest. Er sagt: „Auf dem Land gibt es so gut wie keine Psychotherapeuten.“ Darüber hinaus kritisiert Harmatta, dass wegen Geldmangels immer mehr Versorgungseinrichtungen geschlossen würden oder in einem desolaten Zustand seien. Außerdem würden die Patienten aufgrund von Zuzahlungskürzungen immer stärker belastet, und es gebe insgesamt viel zu wenige Psychotherapeuten bei gleichzeitig steigendem Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung in der Bevölkerung. „Ungarn weist die zweithöchste Suizidrate in Europa auf, und Alkohol- und Drogenmissbrauch nehmen stetig zu“, gibt der ungarische Psychiater Istvan Bitter von der Semmelweis-Universität in Budapest zu bedenken.

Ein Grund für den aktuellen Mangel an Ärzten und Psychotherapeuten ist deren Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen und den Gehältern. Wie der Tagespresse (3) seit einiger Zeit zu entnehmen ist, verlassen immer mehr qualifizierte Ärzte und Psychotherapeuten das Land und suchen sich Arbeit im Ausland, weil sie zu wenig verdienen und weil das ungarische Gesundheitssystem unterfinanziert ist. Außerdem wollen sie sich an der weit verbreiteten Korruption im Gesundheitswesen (Schwarzgeldzahlungen) nicht beteiligen. Die Auswanderungswilligen beklagen beispielsweise, dass eine bestimmte Therapie oder ein Medikament oft nicht verschrieben werden kann oder nicht verfügbar sei. Seit 2008 haben circa 5 000 Mediziner (darunter auch viele Psychotherapeuten) das Land verlassen, allein etwa 1 000 waren es im Jahr 2013 – und ein Ende ist nicht absehbar.

Diesen Trend kann offenbar auch ein Bonusprogramm der Regierung kaum stoppen, das die Ärzte im Land halten soll. Die Lage verschärft sich dadurch, dass die älteren Ärztegenerationen zunehmend in Rente gehen und die meisten Jungmediziner direkt nach dem Studium ihr Glück im Ausland suchen. Als Folge davon stößt das ungarische Gesundheitswesen bereits jetzt schon vielfach an seine Grenzen. Ob Reformen, die Privatisierungen vorantreiben sollen, das marode System retten können, wird sich in naher Zukunft zeigen.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Bitter I, Kurimay T: State of psychiatry in Hungary. International Review of Psychiatry 2012; 24(4): 307–13.
2.
Harmatta J, Kissné I: Hungary. In: BPtK (Hrsg.): Psychotherapy in Europe Berlin 2011: 20–2.
3.
Tagesspiegel (Video): Ungarn laufen die Ärzte davon, 09.10.2013, http://video.ta gesspiegel.de/ungarn-laufen-die-arzte-da von.html.
4.
Treuer T, Németh A, Füredi J: Hungarian psychotherapists about psychotherapy. Psychotherapy and Psychosomatics 2000; 69(3): 163–4.
1.Bitter I, Kurimay T: State of psychiatry in Hungary. International Review of Psychiatry 2012; 24(4): 307–13.
2.Harmatta J, Kissné I: Hungary. In: BPtK (Hrsg.): Psychotherapy in Europe Berlin 2011: 20–2.
3.Tagesspiegel (Video): Ungarn laufen die Ärzte davon, 09.10.2013, http://video.ta gesspiegel.de/ungarn-laufen-die-arzte-da von.html.
4.Treuer T, Németh A, Füredi J: Hungarian psychotherapists about psychotherapy. Psychotherapy and Psychosomatics 2000; 69(3): 163–4.

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